Medizin »KEIN GRUND ZUR BEUNRUHIGUNG«
SPIEGEL: Herr Professor Maass, mit der Schlagzeile »Neuer Pillen-Schock«, »drei Hersteller stoppen Antibabypillen«, hat die »Bild«-Zeitung Millionen Frauen geschockt. Ist dieser Alarm gerechtfertigt?
MAASS: Er ist vielleicht insofern nützlich, als er viele Frauen, die regelmäßig die Pille nehmen, daran erinnert, daß sie zweimal im Jahr zum Arzt gehen und ihre Brust untersuchen lassen sollten.
SPIEGEL: Aber ist der Verdacht, die genannten Präparate könnten beim Menschen Krebs auslösen, wie er in der »Bild«-Schlagzeile mitschwingt, berechtigt?
MAASS: Nein, für diesen Verdacht haben wir keine Anhaltspunkte. Bei den Langzeituntersuchungen an Beagle-Hunden mit einer Dosis, die zehn- bis 25mal höher ist, als sie heim Menschen angewendet wird, sind zwar Knoten in der Brustdrüse aufgetreten, die aber eindeutig gutartig sind. Es ist bekannt, daß diese Tiere besonders empfindlich auf Steroidhormone ansprechen.
SPIEGEL: Sind mit diesen Pillen Versuche auch mit anderen Tieren gemacht worden, und kann man die Ergebnisse der Beagle-Versuche auf den Menschen übertragen?
MAASS: Man hat diese Pillen an Ratten, Mäusen und Affen in zehn- bis 50facher Dosis bis zu 29 Monate lang verabfolgt und keinerlei Veränderungen der Brustdrüsen festgestellt. Die Übertragung von Ergebnissen aus Tierversuchen ist grundsätzlich problematisch. Außerdem sind in diesem Fall die Veränderungen wirklich nur an dieser einen Hundeart gefunden worden.
SPIEGEL: Von solchen Versuchen mit Beagle-Hunden war schon einmal die Rede im Zusammenhang mit der sogenannten Mini-Pille, die bei uns noch nicht auf dem Markt war und in England und Frankreich dann vom Markt zurückgezogen wurde. Handelte es sich damals um den gleichen Wirkstoff?
MAASS: Es handelte sich damals auch um den Wirkstoff Chlormadinonacetat, der in den jetzt betroffenen Präparaten mit enthalten ist ...
SPIEGEL: ... nicht aber in den anderen auf dem deutschen Markt erhältlichen 25 Arten.
MAASS: Die übrigen Präparate enthalten als Progesteron-Wirkstoffe andere Substanzen.
SPIEGEL: Hatten die Präparate, die nun bei uns nicht mehr hergestellt werden, Vorteile gegenüber den anderen Antibabypillen?
MAASS: In der empfängnisverhütenden Wirkung sind alle gleich sicher. Unterschiede hinsichtlich der Nebenwirkungen -- wie etwa Kopfschmerzen, Übelkeit und Gewichtszunahme, die bei einem Teil der Frauen beobachtet werden -- sind sehr schwer nachzuweisen. Wesentliche Unterschiede bestehen nicht.
SPIEGEL: Was sollen die Frauen, die bislang eines der fünf betroffenen Präparate eingenommen haben, nun tun? Gibt es Anlaß für sie, ernstlich beunruhigt zu sein und schleunigst auf ein anderes Präparat umzusteigen?
MAASS: Anlaß zur Beunruhigung gibt es nicht. Die Frauen sollten bei nächster Gelegenheit umsteigen, aber keinesfalls während des Einnahmezyklus auf ein anderes Präparat überwechseln.