Kenneth Anger – Nachruf - DER SPIEGEL
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Gestorben Kenneth Anger, 96

• aus DER SPIEGEL 22/2023
Foto: Linda Nylind / eyevine / ddp

Wer vor dem Anbruch des digitalen Zeitalters von den Skandalen erfahren wollte, die sich an den Filmsets in Hollywood zutrugen, und sich noch nicht durch soziale Medien und Enthüllungsstorys klicken konnte, der schlug ein Buch auf: »Hollywood Babylon« von Kenneth Anger. Darin beschreibt der Autor die Traumfabrik als fiebrige Vorhölle der Ausschwei­fungen und des Exzesses, von der angeblichen Vorliebe des Meisterregisseurs D. W. Griffith für junge Mädchen bis zu dem Mord an der jungen Schauspielerin Sharon Tate durch Mitglieder der »Manson-Family«. Eine Fortsetzung folgte. Allerdings musste man diese Bücher mit ähnlicher Vorsicht lesen wie Twitter-Kommentare. Anger kam es weniger auf mit journalistischer Akkuratesse recherchierte Fakten an. Er wollte ein barockes Gemälde malen von Leinwandgöttern und -göttinnen und ihren versehrten Seelen. Denn Künstler war der Autor Anger auch, und was für einer. Als Homosexua­lität in den USA noch gesetzlich untersagt war, machte er schon eindeutig queere Filme, unter anderem 1947 den Kurzfilm »Fireworks«, der wegen Obszönität ein Gerichtsverfahren nach sich zog. Die Filme Angers sind surreale, radikal einzigartige Werke, in denen Traum, Realität, Kunstgeschichte und Satanismus in einen metaphysischen Bilderstrudel münden. Ohne sie sind die visuellen Welten von David Lynch oder Martin Scorsese kaum vorstellbar. »Einen Film zu machen ist wie einen Zauberspruch anzuwenden«, soll Anger über seine Arbeit gesagt haben. Kenneth Anger starb am 11. Mai in Yucca Valley, Kalifornien.

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