LITERATUR Keusch bis 36
Wieder einmal ist Virtanen nach einem Tangoabend in einem der Tanzlokale von Helsinki in der Wohnung einer Frau gelandet - doch dann hat er sich diskret ins Badezimmer zurückgezogen, den aufgeregten »Kameraden in der Hose« beruhigt und sich eilig verabschiedet. Virtanen will seine »Jungmännlichkeit« bis zum 36. Geburtstag erhalten, befindet er sich doch »im edlen Wettstreit der Entsagung« mit Platon, der vom Manne Keuschheit bis 35 gefordert hatte. Zu Hause huldigt er nach solchen Erlebnissen seiner wahren Leidenschaft: Er legt eine Platte auf, schiebt im Tangoschritt ein Plastikskelett durch den Raum und grübelt nach über die Psyche des Menschen, über Tanz und Anatomie. »Bin ich irgendwie anders als normale Menschen?«, fragt Virtanen sich gelegentlich.
Ein Exzentriker ist auch der Schöpfer des Romans »Tango ist meine Leidenschaft": Der studierte Soziologe und Philosoph M. A. Numminen, 60, sorgt seit Jahrzehnten als Autor, Komponist und Entertainer für Aufregung in Finnlands Kulturszene. Lieder wie »Was ein junger Ehemann nicht vergessen sollte« bescherten dem Künstler einst Auftrittsverbote.
»Tango ist meine Leidenschaft«, Numminens zwölftes Buch, ist Roman und Sozialgeschichte in einem - und erzählt unter anderem davon, wie der Tango vom Río de la Plata an die Ostsee gelangte. Die bevorzugten Tonarten des finnischen Tangos sind Moll, und das gilt auch für Virtanens Geschichte: All die Sinikkas, Markettas und Violettas, die er mit seinem leidenschaftlichen Tanzstil betört, lassen ihn im Wortsinn unberührt. Als er sich aber in Anja verliebt, die »gleichermaßen amüsiert und verwundert« verspricht, sie würde das knappe Jahr bis zum Fristablauf des Keuschheitsgelübdes »gern warten«, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Denn wahre Liebe fordert Opfer oder, um mit dem genialischen Melancholiker Numminen zu sprechen, »unser Glück finden wir im Unglück«.
M. A. Numminen: »Tango ist meine Leidenschaft«. Aus demFinnischen von Eike Fuhrmann. Haffmans Verlag, Zürich; 352 Seiten;39 Mark.