Lifestyle Kiefer oder Käfer
Thomas Johannes Nauth aus Frankfurt sorgt dafür, daß die nächste Fete nicht wieder so schlaff wie die letzte wird. Deutschlands achtbester Partyservice-Anbieter drapiert seine Buffets mit Nackedeis.
Authentische Erlebnisgastronomie bietet die dreizehntbeste Brauereistube der Republik. Im Kölner »Früh em Veedel« trifft man neben der »Dame im kleinen Schwarzen« auch »die Obdachlosen, die im Viertel in den Heimen leben«.
Die »Villa Maritim« in Bad Salzuflen, Rang sechs bei den Schönheitsfarmen, lockt mit »Heilfasten für Gesunde«. Wer das überlebt, wird vielleicht bei den Kammerspielen in München glücklich. Im Theater Nummer eins ist der Spielplan »gut ausbalanciert«, und das Team garantiert »handwerkliche und künstlerische Arbeit auf höchstem Niveau«.
Tips und Bewertungen stammen aus dem »ersten deutschen Top-Ten-Kompendium für Konsum, Kultur und Freizeit« mit dem Titel »Avis'' Best of Germany«. Gesponsert von einem profilierungswilligen Autovermieter, ist eine Jury von Geschmacks-Scharfrichtern ausgeschwärmt, um Ordnung in die heimische Lebensart zu bringen.
Nicht nur Hotels, Restaurants, Discos und Golfklubs, sondern auch abgelegenere Sparten wie Freizeitbäder, Galopprennbahnen, Blumenläden, Schlösser, Burgen, Opernhäuser, Tennisturniere, Denkmäler und Zoos müssen vors Trend-Tribunal*.
Herausgeber Jörg Krichbaum ist ein Liebhaber solch nationaler Zahlenspielereien, 1988 hatte der Marketingberater die 100 angeblich bedeutendsten Markenartikel der Bundesrepublik in einem Edelbrevier heiliggesprochen ("Deutsche Standards").
Mit seiner Top-Ten-Idee ist er nicht der erste. Schon vor Jahren hat der Journalist Horst-Dieter Ebert »Hamburgs Top Ten« und »Münchens Top Ten« kreiert. Auch das Magazin Tempo veröffentlicht Zeitgeist-Tabellen über alles Mögliche.
Doch während bisherige Lifestyle-Juroren ihre Hybris durch ein Augenzwinkern _(* Jörg Krichbaum (Hrsg.): »Avis'' Best of ) _(Germany. Das Top-Ten-Kompendium für ) _(Konsum, Kultur und Freizeit«. Edition ) _(Weitbrecht, Stuttgart; 456 Seiten; 39 ) _(Mark. ) milderten, meinen es Krichbaum und seine Zuträger ernst.
Mit der Suche nach plausiblen und konstanten Maßstäben tun sich die Bestenjäger allerdings schwer. In der Rubrik »Kinos« dominieren äußerlich bescheidene Theater, die aber ein anspruchsvolles Programm bieten, etwa Enno Patalas'' Filmmuseum in München (Rang eins) oder das dortige »Werkstattkino« (Rang vier).
In der Diskotheken-Bundesliga haben dagegen nur Edelschuppen eine Chance, die »siebenstellige Investitionen in Einrichtung, Licht und Technik« getätigt haben, wie die erstplazierte »Königsburg« in Krefeld. Und während bei den Galopprennbahnen die »Attraktivität der Anlagen« und die »Atmosphäre« mitentscheidend sind, zählt bei den Tennisturnieren nur die »sportliche Bedeutung«, die weitgehend an der Höhe des Preisgelds gemessen wird.
Was der Schickeria-Bibel den absatzfördernden Kick geben soll, bringt sie letztlich an den Rand der Lächerlichkeit. Ob Anselm Kiefer oder Feinkost-Käfer, ob Arp, Armani oder Agassi - es ist alles eins.
In Zynismus schlägt die Gedankenlosigkeit bei der Denkmal-Liste um. Spitzenreiter ist die »Black Form« in Hamburg, Mahnmal für die von den Nazis umgebrachten Juden. Dann folgen deutschnationale Weihestätten - man urteilt ja rein ästhetisch. Platz zwei: die Walhalla bei Regensburg ("ein Traum in Marmor . . . von germanischen Mythen, deutscher Einigkeit, deutschem Geist"), drei: das Völkerschlachtdenkmal Leipzig.
Die Gedenkstätte des KZ Buchenwald hat die Geschmacksrichter weniger überzeugt. Sie landet nur auf Platz 11. o
* Jörg Krichbaum (Hrsg.): »Avis'' Best of Germany. DasTop-Ten-Kompendium für Konsum, Kultur und Freizeit«. EditionWeitbrecht, Stuttgart; 456 Seiten; 39 Mark.