Artikel
Im Juli 1945 war der Deutsche schon gar nicht mehr so häßlich und so böse. In Russland lauerte längst die nächste Gefahr. Und die Amerikaner beeilten sich, deutsches Fachwissen über moderne Kriegsführung und über Atomsprengköpfe ins Land zuholen. Und es schien, als müsste der alte Weltkrieg schnell noch in der Potsdamer Konferenz der Alliierten abgewickelt,als müssten schnell noch ein paar neue Grenzen gezogen werden, damit man sich bereits für den nächsten rüsten kann.
Mitten in diese Stimmung aus gefährlicher Nervösität und wohl extremster moralischer Ambivalenz lässt Steven Soderbergh George Clooney als Presseoffizier Jake Geismer reisen. Mitten in ein zerbombtes, hungerndes Berlin, in dem es nur so vor blassen, instinkthaften Wesen und durchtriebenen Kriegsgewinnlern wimmelt, die aus dem puren Überlebenswillen der anderen reichlich Beute schlagen.
Hier soll sich Geismer als New Republic-Korrespondent zu Berichterstattung an den Konferenztisch nach Potsdam begeben. Doch eine alte Liebe sucht ihn heim. Der ihm zugeteilte Fahrer Tully (Tobey Maguire) will perfiderweise genau jene Herzensdame von einst als Dirne an seinen Fahrgast verhökern. Lena Brandt heisst die Angebetete,und Cate Blanchett lässt sie mit nach Innen gestülpten Blicken und einem dramatischen Zug um den Mund zwischen Hildegard Knef und Joan Crawford changieren. Ist es beim ersten Mal noch eindrucksvoll, wie sich Blanchetts Erscheinung enigmatisch aus dem Schatten eines Schlafzimmers schält, muss man bald feststellen, dass diese Lena Brandt ausser verhangener Schönheit und unbedingter Rätselhaftigkeit nicht mehr viel zu verkörpern hat.
Das Zitieren spielt in The Good German sowieso eine große Rolle, wenn nicht die Größte. Die Mörder sind unter uns von Wolfgang Staudte (1946) wird ebenso mit kleinen optischen Anspielungen bedacht wie Zwischen Gestern und Morgen von Harald Braun (1947) und Billy Wilders A Foreign Affair von 1948. Vom Filmmaterial, das original aus den 40er Jahren stammen soll, den Studiobauten, der Kamera- und Lichtechnik, den Hintergrundprojektionen, den weichen Konturen und der großen Pallette an Grauwerten, bei denen Gut und Böse, Schwarz und Weiss leicht ineinander verschwimmen ,bis hin zu Schauplätzen und narrativen Verstrickungen. Alles scheint es so ähnlich schon einmal gegeben zu haben. Doch Soderberghs traumschöne schwarz-weisse Erinnerungsbilder an ein Kino von einst scheinen keine andere Ambition zu kennen als das hohle Nachstellen.
Da wird Lenas Mann, Emil Brandt, von Russen und Amerikanern gesucht, weil er als ehemaliger Sekretär eines NS-Ingenieurs über Baupläne einer Atomrakete verfügt und zudem als Augenzeuge vom Morden im KZ Dora berichten kann. Wie Harry Lime in Carol Reeds Der dritte Mann aus dem Jahr 1949 versteckt er sich in der Kanalisation der Stadt. Nur mit Orson Welles hat das schmächtige Bürschchen Christian Oliver, der einzige Deutsche im gebrochen deutsch sprechenden Ensemble, nun gar nichts gemein. In Anbetracht der fäkalischen Verhältnisse, in denen er haust, wartet er recht ordentlich gescheitelt und so artig wie ein Klassenbester auf seine Rettung. Schwer zu glauben, dass eine Frau wie Lena für ihn die grössten Opfer bringt. Dass das Paar am Ende, wie einst Ilsa Lund (Ingrid Bergman) und ihr antifaschistischer Kämpfergatter Victor Laszlo (Paul Henreid) in einer bis ins Detail kopierten Casablanca-Einstellung zum Flugzeug in die Freiheit eskortiert werden, kommt dann auf dem ersten Blick schon unfreiwillig komisch daher. Auf den zweiten wird dieses Zitat mit all seinen Ausrufezeichen sogar fragwürdig. Immerhin entlässt Soderbergh seine Heldin mit dem gleichen Nimbus einer großen Unschuld und unerfüllten Liebe ins verregnete Freie, wie Michael Curtiz 1942 Ingrid Bergman. Nur mit dem brisanten Unterschied, dass Lena Brandt immerhin einige Juden ans Messer geliefert hat um zu überleben.
Das Tragische an The Good German ist, dass der Film mit dieser höchst spannungsreichen moralischen Ambivalenz nur wenig anzufangen weiss und sie zu großen Teilen lieber im Helldunkel des Dekors eingehen lässt. Clooney gibt als der gute Amerikaner, der aufrechte Demokrat und naiv Liebende einen recht langweiligen Helden ab. Der einzige bei dem Soderberg keine Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen, ist Tobey Maguire als Clooneys Fahrer Tully. Der Soldat, der wie Kermit auf Crack spricht, hat sich die Gesetze der Kriegswirtschaft und des Schwarzmarkts längst zu eigen gemacht. Ein brutaler Zyniker, der keine Sekunde zögert eine Frau mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Ein leicht reizbares Würstchen, das in den Schiebergeschäften des Krieges seine große Chance wittert. Doch Tully muss bereits nach zwanzig Minuten sterben. Viel zu früh. Denn mit ihm zieht das Schmuddelige, das Gemeine und Vulgäre aus einem Film, der tatsächlich zu glauben scheint, man könne in schöner Nostalgie in den menschlichen Abgrund und in den schmutzigen Seelenkeller einer ganzen Nation blicken.