Paul Thomas Anderson: Paul Thomas Anderson: "Magnolia" - Durch und durch amerikanisch - DER SPIEGEL
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Paul Thomas Anderson Paul Thomas Anderson: "Magnolia" - Durch und durch amerikanisch

Amerikanisch ist "Magnolia", weil ihm eine zutiefst protestantische Moral zugrunde liegt. Es geht um Schuld, Reue, Vergebung und Erlösung und das Jüngste Gericht. Kinder sind Engel, Alte sind Krüppel, und alle haben eine geschundene Seele.
Von Nataly Bleuel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vorneweg ein paar kritische Bemerkungen. Wer wissen will, wie der Rest von „Magnolia“ ist, also ungefähr drei Stunden des Episoden-Films à la „Shortcuts“ von Robert Altmann – der möge gleich runterscrollen. Und, vorab, auch eine kleine Kritik der Kritik (für die Kritiker der Kritikerinnen): Jeder Film, der bislang im Wettbewerb der Berlinale lief, hat mindestens zwei gegensätzliche Meinungen provoziert. Das ist ein gutes Zeichen - und zeigt, dass auch Kritiker Geschmack haben. Auch „Magnolia“ wird es so ergehen.

Einmal dreht der Film ab und droht in die Lächerlichkeit – statt ins Absurde - zu kippen. Das ist, als die neun Figuren an neun verschiedenen Orten in das Lied von der enttäuschten Liebe einstimmen. Die große Enttäuschung, eine kurze Sequenz nur, aber die katapultiert einen eben mal aus dem Rest hinaus. Ein anderes Mal dreht der Film durch und explodiert in der Erlösung. Comic Relief nach so viel geteiltem Schmerz. Da hagelt es Frösche über Magnolia. Dieser Sturm ist so grotesk, dass man in hysterisches Lachen ausbrechen muss. Bizarre Katharsis, berstend vor Poesie und derart verwirrend, dass der Regisseur und Drehbuchautor P.T. Anderson von Kritikern händeringend um eine Interpretation gebeten wurde. Er hat sie glücklicherweise geschickt vermieden und sagte: "Wir wollten einfach cool sein. Nein. Wir wollten eigentlich Katzen und Hunde haben, aber die konnten wir uns nicht leisten." It’s raining frogs. Ein unglaublicher Zufall - oder doch Schicksal?

Für diejenigen, die noch nicht runtergescrollt haben, hier die Geschichte: Ein Tag in einer Stadt, neun Menschen. Der Patriarch und TV-Produzent Earl Partridge (Jason Robards) liegt im Sterben. Seine junge Frau Linda (Julianne Moore) merkt nun zum ersten Mal, dass sie ihn liebt - und nicht sein Geld. Der Pfleger (Philip Seymour Hoffman) will Earls letzten Wunsch erfüllen und sucht dessen verlorenen Sohn Frank. Frank T.J. Mackey (Tom Cruise) heizt in seiner TV-Show „Seduce and Destroy“ verschüchterten Männern ein, wie sie es den abgefuckten Muschis mal ordentlich zeigen – und hasst seinen Vater bis zur Selbstverleugnung. Jimmy Gator (Philip Baker Hall), der Moderator von Earls „Freak“-Show, in der kindliche Intelligenzbestien vorgeführt werden, erfährt, dass er Krebs hat – und wird von seiner Tochter Claudia (Melora Walters) krass abgewiesen. Claudia ist ein koksschniefender Seelenkrüppel. Und auch Donnie Smith (William H. Macy) ist gebrochen, seit der Blitz in das Kind einfuhr, das er einmal war: The Quiz Kid, einst smart, jetzt blöde. Und so viel Liebe zu geben.

Zwei wahrhafte Engel rauschen durch die Geschichten der gefallenen Engel bei Los Angeles. Der eine ist der Cop Jim Kurring (John C. Reilly), der Gutes tut und denkt und ist. Der liebenswürdigste Bulle, den man sich vorstellen kann, ein Sysiphos der Seelen. Der andere ist das Wunder-Kind Stanley Spector (Jeremy Blackman), drangsalierter Held der Quiz-Show, mit den blauesten, poetischsten Augen, die man je gesehen hat. Stanley ist der einzige, der rechtzeitig ausbricht – also mitten im Leben, vor der Lüge. Er will plötzlich nicht mehr mitspielen, will keine Fragen mehr beantworten, er fordert nur eins: Dass sein Vater nett zu ihm sei. Doch der fühlt sich um den Schlaf gebracht und merkt nicht, dass Kinder Engel sind.

„Magnolia“ ist ein großer Film.

Weil er die kleinen Dinge des Alltags wichtiger nimmt als den epischen Mythos – und damit etwas über das heutige Amerika sagt. Weil er tiefe Gefühle zeigt, Schmerz, Wunden und Verzweiflung – und trotzdem nicht kitschig wird, sondern im besten Sinne grotesk, in all seiner Tragik. Weil er auf einem klugen, weisen Drehbuch aufbaut, und einen einfallsreichen, mutigen Regisseur mit Witz und Wärme hat. Weil er fast ausnahmslos beeindruckende schauspielerische Leistungen zeigt. Tom Cruise himself hätte damit endlich eine verdiente Chance für einen (Nebendarsteller) Oscar. Und der Schnitt hat Rhythmus und Musik, die die fragmentierten Episoden geschickt verweben.

Es ist ein großer Film, weil er Emotionen, Intelligenz und Kritik transportiert. Deshalb sollte man sich „Magnolia“ unbedingt anschauen, sogar noch öfter als „American Beauty“. Der Rest ist - nicht Schweigen, sondern: eine Frage des Geschmacks.

„Magnolia“, USA 1999, Regie und Drehbuch: Paul Thomas Anderson, Darsteller: Tom Cruise, Julianne Moore, Jason Robards, Kamera: Robert Elswit, Songs: Aimée Mann, Ausstattung: Mark Bridges, 189 Minuten, Verleih: Kinowelt, dt. Filmstart: 13.04.00

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