"A Beautiful Mind": Hollywoods bewährte Formel - DER SPIEGEL
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"A Beautiful Mind" Hollywoods bewährte Formel

Hollywood-Regisseur Ron Howard formte die Biografie des exzentrischen und später schizophrenen Mathematikers und Nobelpreisträgers John Forbes Nash zu einer hübsch anzusehenden Romanze mit Oscar-Chancen. Auch Hauptdarsteller Russell Crowe darf sich - mangels Konkurrenz - Hoffnung auf seine zweite Goldstatue machen.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Wirtschaftsmathematiker John Forbes Nash Jr. machte mit 22 Jahren seinen Doktortitel an der Universität Princeton, war kommunistisch und bisexuell, wurde geschieden und litt an Wahnvorstellungen. 1994, rund vier Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung, erhielt er den Nobelpreis für seine Theorie über die Prinzipien des Wettbewerbs.

Das ist starker Stoff für einen Kinofilm. In "A Beautiful Mind" ist davon leider nicht viel übrig geblieben. Regisseur Ron Howard ("Apollo 13") hat nämlich keine Biografie verfilmt, sondern ein Biopic gedreht. So nennen Filmhersteller ihre Produkte, die Fakten und Fiktion mischen, wobei mindestens zwei Drittel aus dramaturgischen Gründen oder für gesellschaftspolitische Aussagen gelogen sind. Wer will, kann dazu natürlich auch künstlerische Freiheit sagen.

Er betrachtet die Welt nicht mit den Augen

"A Beautiful Mind" beginnt 1947 in Princeton, wo der Junge aus einfachen Verhältnissen ein Stipendium annimmt. Nash (Russell Crowe) gilt als Sonderling, was Howard ohne Umwege ebenso deutlich macht wie die Anlagen zu seiner späteren Krankheit. Scheu, nervös grinsend, mit Kopfwackeln und stetem Zucken der Augenlider und Mundwinkel betritt Nash den Kreis seiner Kommilitonen. Während die privilegierten Studenten lässig auf dem Campus rauchen und Billard spielen, schreckt Nash vor jeder körperlichen oder sinnlichen Erfahrung zurück. Er betrachtet die Welt nicht mit den Augen, sondern hat sie im Kopf und wird belächelt für seinen Ehrgeiz, eine revolutionäre These entwickeln zu wollen.

An jedem Ort, zu jeder Zeit notiert er Formeln, sinniert und phantasiert. Die Lösung aus dieser wirren Grübelei erkennt er ausgerechnet in der Balz einiger Jungen um eine attraktive Blondine. So entsteht seine "Spiel- und Entscheidungstheorie", die den Weisen Adam Smith widerlegt und alsbald zur Grundlage des weltweiten Handels und Handelns wird.

Verstehen muss man das natürlich nicht...

Verstehen muss man das natürlich nicht. Howard hat keine Seminararbeit im Sinn, sondern peitscht seinen Film plakativ und pointiert auf die nächste Ebene. Nash lehrt als Dozent nun am MIT, einer Denkfabrik des Militärs. Es herrscht der Kalte Krieg, und Nash analysiert schon mal präzise Raketenstellungen, indem er stundenlang vor einer wandgroßen Grafik verharrt. Dabei fällt er William Parcher (Ed Harris) auf, einer ominösen Gestalt mit Hut und schwarzem Anzug. Der heuert ihn für den Geheimdienst als Dechiffrierer an. Fortan sichtet er Schlagzeilen und Zeitungsartikeln, die er mit Fotos, TV-Nachrichten und Ereignissen in der Welt abgleicht, um versteckte Mitteilungen herauszulesen. Nebenbei gibt er den Avancen der Physikstudentin Alicia (Jennifer Connelly) nach. Sie ziehen zusammen und heiraten.

Seine Agententätigkeit verheimlicht er ihr allerdings. Alicia wird immer misstrauischer und Nash bei der Suche nach Codes durch die Querverbindungen von Buchstaben und Worten diverser Artikel immer obsessiver. Er fühlt sich verfolgt und schließlich in seiner Paranoia bestätigt, als ihn der seltsame Dr. Rosen (Christopher Plummer) mit zwei Männern bei einer Vorlesung abfängt. Nash bricht zusammen. Als er erwacht, liegt er festgezurrt in einer Klinik.

Um Nashs Schizophrenie visuell begreiflich zu machen, hat Drehbuchautor Akiva Goldsman die Parallelwelt eines Thrillers ersonnen. Howard wechselt dafür von den nostalgischen, fetten Farben des ersten Akts zu bleichen Farbtönen und einer Atmosphäre, die an Spionagefilme der Fünfziger und an Alfred Hitchcocks Meisterwerk "Der Mann, der zuviel wußte" erinnert. Herzstück des Films aber ist der letzte Teil. Es soll rühren, wie Nash um seine Seele ringt und gleichzeitig auch um seine Ehe und sein Kind kämpft. Doch die Verzweiflung und der Schmerz enden im Kitsch um einen liebenswerten Spinner, der abgeschieden und abgeschnitten von der Realität in der Bibliothek von Princeton haust und - wie am Anfang seines Studiums - gehänselt wird.

Nahe liegende Eindimensionalität

"A Beautiful Mind" ist ein salbungsvoller Dreisatz, ein plastisch konstruiertes Triptychon. Schön und zuweilen surreal wird die Spur in die Schizophrenie gelegt, wenn Nash als er Student seine Formeln auf Fensterscheiben kritzelt, als errichte er sich eine Kathedrale des Rationalen, und später auf ähnliche Weise an Wänden voller Zeitungsausschnitte und Karten rote Linien zieht. Emotionale Wahrhaftigkeit oder wirklich bewegende Momente aber erreicht Howards Tränenzieher nicht. Es bleibt stets jener kleinbürgerliche, sentimentale und handwerklich makellose Blick, den er auch in Filmen wie "Backdraft", "Kopfgeld" und "Apollo 13" auf Menschen in Extremsituationen wirft. Der Plattitüde, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, folgt Howard mit nahe liegender Eindimensionalität.

Russell Crowe ist mit dieser Rolle zum dritten Mal in Folge für den Oscar nominiert, den er als "Gladiator" bereits gewonnen hat und auch jetzt wieder bekommen könnte. Das liegt aber weniger an seinem trefflichen Gespür, es in der krankhaften Gestik nie zu übertreiben. Vielmehr gibt es keine große Konkurrenz für den Australier. Neben der Nominierung für den "besten Hauptdarsteller" hat "A Beautiful Mind" sieben weitere erhalten. Nicht die Kunst, die Realität oder das Genie feiert Hollywood, sondern ein Kessel Buntes, die Fantasy und den einfachen Gedanken. Daran ändern auch ebenfalls nominierte Filme wie "Monster's Ball" nichts.

"A Beautiful Mind ­ Genie und Wahnsinn" ("A Beautiful Mind"). USA 2001. Regie: Ron Howard; Drehbuch: Akiva Goldsman; Darsteller: Russell Crowe, Ed Harris, Jennifer Connelly, Christopher Plummer, Paul Bettany; Produktion: Dreamworks, Universal, Imagine Entertainment, Brian Grazer; Verleih: UIP; Länge: 134 Minuten; Start: 28. Februar 2001.