"À ma Soeur": Harter Schlag - DER SPIEGEL
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"À ma Soeur" Harter Schlag

"À ma Soeur" hätte eine gelungene, weil hoch sensible Studie über das Verhältnis von Schwestern sein können. Und wird dann der erste Film der Berlinale, der sich selbst zerstört. Ein beklagenswerter Fall von Auto-Aggression.
Von Nataly Bleuel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kindern sagt man nach, dass sie sehr grausam sein können. Weil sie direkt und offen ihre Meinung sagen. Auch Kritiker haben mitunter diese Eigenschaft. Kommentare veräußernd sich dann in mangelndem Taktgefühl, und das ist ziemlich brutal, vor allem von einem Erwachsenen. Auf dem Podium der Pressekonferenz zu den Wettbewerbsfilmen der Berlinale hatten die Macher von "À ma soeur" Platz genommen: Die Regisseurin Catherine Breillat, die beiden Darstellerinnen Anais Reboux, 14, und Roxanne Mesquida, 17, der junge Schauspieler Libero de Rienzo und der Produzent dieses französischen Films über die regelrechte Hassliebe von Schwestern.

Da meldet sich der erste Journalist zu Wort, aber nicht um zu fragen, sondern um seine Meinung kund zu tun. Das kommt nicht selten vor und immer wundert man sich, wer sich da gerade produzieren will oder soll: Die Macher oder die Journalisten? Der Mann ist verärgert. Die Regisseurin habe nichts zu sagen, sondern nur Gemeinplätze wiederholt, und er habe sich als Zuschauer gefühlt wie ein Opfer, das von einem Sexualstraftäter 95 Minuten lang gequält wird, bevor es, endlich, getötet wird.

Das muss ein harter Schlag ins Gesicht sein für Leute, die monatelang an einem Film gearbeitet haben. Die sich ausziehen bis auf die Unterhose, sogar einen Ständer hatten vor laufender Kamera - und eine Seele, die nackt und seziert ist, im Film und auch danach. Catherine Breillat reagiert mit einem verstörten Sprechfluss, den blutjungen Schauspielern fällt das lampenfiebrige Lächeln aus den Gesichtern, und der Produzent versteckt seine Augen hinter Zigarettenqualm.

So banal ist "À ma Soeur" gar nicht. Der Film hat nur einen Fehler, einen fundamentalen allerdings: Er ist ein Fall von cineastischer Autoaggression. Das ist sehr betrüblich. Denn die Geschichte, ihre Sätze und Darsteller, fangen so zauberhaft an - gerade in der Alltäglichkeit. Zwei jugendliche Schwestern im See-Urlaub mit den Eltern. Die ältere, Elena, ist hübsch und attraktiv, die jüngere, Anais, ein kleines Klößchen. Elena lässt sich von dem italienischen Studenten Fernando, einem veritablen Latin Lover, anmachen. Sie will romantische Liebe, er will schnell Sex. Ein Urlaubsflirt, dessen Anbahnung und Dialoge derart fein beobachtet sind, dass man schmunzeln und sich lebhaft erinnern kann. Vor allem als Frau. Anais ist das Dickerchen, das die Inititation der Schwester hautnah mitbekommt. Neidisch, überflüssig, aber klug. Sie hasst ihre Schwester und will doch sein wie sie. Vor allen Anais Reboux gibt das erstaunlich echt. Eine wahre, feine und sanfte Geschichte voller Tiefe - und Grausamkeit.

Und dann schaltet der Film plötzlich in den fünften Gang und dreht durch. Die Mutter will ihre Ältere für den Flirt strafen, ohrfeigt dafür die Jüngere und verfrachtet die beiden aufgelösten Mädchen ins Auto. Zurück in die Banlieu von Paris, auf der Autobahn. Die Fahrt wird zäh und lang, die LKW bedrohlich. So bedrohlich, dass man fürchten muss: Jetzt passiert gleich was ganz Schlimmes!!! Den drei Frauen und leider auch diesem schönen leisen Film. Er wird laut, dass es nur so kracht. Und endet ganz anders als er begonnen hatte: krass und mit Totschlag. Überfall, Mord, Vergewaltigung.

Schockiert schien ein großer Teil der Zuschauer: Wie kann ein Drehbuch nur dermaßen aus dem Ruder laufen? Weshalb zerstört man sein eigenes Werk, das man langsam, intelligent und liebevoll aufgebaut hatte? Catherine Breillat hatte das Pferd von hinten aufgezäumt: Den Anstoß zum Film habe ihr eine Zeitungsmeldung von einem grausamen Mord gegeben, sagt sie. Dann hat sie die Vorgeschichte erfunden, unterdessen glückte ihr eine sensible Studie über Schwesternverhältnisse; und schließlich musste sie offenbar unbedingt die Kurve zum Sensationellen kratzen. Schade, sehr schade. Aber noch lange kein Grund, die Macher in aller Öffentlichkeit mit Vergewaltigern zu vergleichen. Manchmal kann auch die Berlinale weh tun.

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