Angel Eyes: Thriller oder Romanze? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Angel Eyes Thriller oder Romanze?

Zwei viel versprechende Stars und ein unentschlossenes Drehbuch: Schnulzen-Spezialist Luis Mandoki verstrickt James Caviezel und Jennifer Lopez in eine Romanze, die ein Mystery-Thriller sein will - oder umgekehrt?
Von Manfred Müller
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie einst Brandon Lee in dem Fantasy-Thriller "The Crow" streift James Caviezel im wallenden Mantel durch die Straßenschluchten von Chicago. Ein namenloser Rächer, der eine junge Polizistin (Jennifer Lopez) vor dem mörderischen Angriff eines Gewaltverbrechers bewahrt. Doch bei näherem Hinsehen agiert er dann doch mehr wie Dustin Hofmann in "Rainman" und hat - außer einem debilen Grinsen - nicht mehr viel Gewinnendes zu zeigen. Denn das Geheimnis, das dieser mystische Auftritt seiner Rolle andichten soll, hat Regisseur Luis Mandoki ("Message In A Bottle") längst im Vorspann gelüftet.

Ihren unbekannten Retter, der sich schlicht Catch nennt, hatte die Polizistin Sharon vor Jahresfrist aus einem Unfallwagen gezerrt und ins flüchtige Leben zurückgeholt. Der Zuschauer weiß also um die doppelte Schicksalhaftigkeit der Begegnung, auch wenn die absehbare Romanze der beiden von einem schwülstigen Drehbuch noch unter manch künstlichen Vorbehalt gestellt wird.

Bei dem Unfall waren seine Frau und sein Sohn ums Leben gekommen, ein Schock, der Catch offenbar jede Erinnerung an sein vorheriges Leben geraubt hat. Aber auch Sharon hat ihre Familie verloren. Sie hat vor Gericht die körperlichen Misshandlungen ihres Vaters an ihrer Mutter bezeugt. Dafür wurde sie von zuhause verstoßen, während ihre Eltern nun - längst versöhnt - gerade im Begriff sind, feierlich ihr Eheversprechen zu erneuern. Anrührende Schicksale also, irgendwo zwischen Tennessee Williams und Rosamunde Pilcher, während Mandokis Bilder weiter sehnsüchtig und der eigenen Inhalte offenbar überdrüssig mit der Wendung zum Mystery-Thriller kokettieren.

Jennifer Lopez absolviert ihrer Uniform zum Tribut noch einige Actionszenen, darf ein paar schwarze Streetkids zur Ordnung rufen oder ihren Bruder standrechtlich mit einer blutigen Nase bestrafen, als der seine Eheprobleme nach Art des Vaters zu lösen beginnt. Ansonsten taucht sie kaum tiefer in die Psyche ihrer Rolle ein als in jenen Gebirgstümpel während einer Landpartie mit Catch.

James Caviezel, der sich im Gegensatz zu Lopez bereits als richtiger Schauspieler beweisen konnte ("The Thin Red Line"), hat nur scheinbar die interessantere Aufgabe. Seinem Spiel sind immerhin Möglichkeiten anzusehen, die Mandoki ungenutzt lässt. Mit seltener Penetranz versucht er seine Einfallslosigkeit in der Charakterzeichnung als geheimnisvolle Aura der Figur zu verkaufen, hinter der es dann doch nichts zu entdecken gibt als eine leere Stadtwohnung, die sich nach und nach sinnbildlich mit Möbeln füllt. Handgreifliche Symbolik, und über allem lastet ein sämig süßer Soundtrack wie aus der Glückskleereklame. J.Los schmucke Uniform sitzt dazu passgenau wie ein Body Painting (und weniger durfte man von ihr auch nicht erwarten). Der Rest ist loses Flickwerk.

"Angel Eyes". USA 2001. Regie: Luis Mandoki; Drehbuch: Gerald DiPego; Darsteller: Jennifer Lopez, James Caviezel, Sonia Braga, Terrence Howard; Verleih: Warner Bros.; Länge: 104 Min.; Start: 25. Oktober 2001