Ausstellungen: Sharon Lockhart - DER SPIEGEL
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Ausstellungen Sharon Lockhart

Kein Drehbuch, keine Handlung: Die Filme der amerikanischen Künstlerin erzählen keine Geschichten ­ aber manchmal die Wahrheit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Stahl kam aus Schottland, die Steine und Lampen aus Italien, den Innenraum krönten die Gummibarone mit einem Deckengemälde des Pariser Eiffelturms. Sie nannten ihren Traum von europäischer Kultur Teatro Amazonas und zelebrierten dort, in Manaus, mitten im Amazonasdschungel am Ende des vergangenen Jahrhunderts ihren Wohlstand.

Die amerikanische Künstlerin Sharon Lockhart, 35, entdeckte das Theater in Herzogs "Fitzcarraldo"-Film und wusste sofort, dass sie sich in ihrem nächsten Filmprojekt mit dem Teatro Amazonas beschäftigen würde.

Anders aber als der Autorenfilmer Herzog will Lockhart keine Geschichten fürs Kino erzählen. Sie kommt bei ihren Kunstfilmen und Fotos, die schon in Museen und Galerien in Japan, Europa und Amerika gezeigt wurden, ohne Drehbücher und Regieanweisungen aus und überlässt trotzdem nichts dem Zufall.

Mit Unterstützung eines Demografen lud Lockhart 600 Einwohner von Manaus zu einem Casting ein, die statistisch genau die Bevölkerung der Stadt repräsentieren: Indios, Schwarze und Nachfahren europäischer Einwanderer. "Meine Fotos und Filme handeln von den Vorstellungen, die sich die Menschen einer Kultur von einer anderen machen."

Sie installierte eine fest montierte Kamera und filmte eine halbe Stunde lang das Publikum im pompösen Zuschauerraum, während ein Chor, unsichtbar im Chorgraben versteckt, minimalistische Kompositionen sang. "Die Leute konnten machen, was sie wollten ­ ich habe ihnen nur viel Spaß beim Konzert gewünscht."

Nur ganz langsam löste sich die Spannung im Publikum. Und während der Chor immer leiser sang, begannen die Zuschauer, sich mit sich selbst zu beschäftigen ­ bis schließlich keine Musik mehr zu hören war, nur noch die Geräusche ihrer Gäste. "Sie haben sich gut amüsiert", sagt Lockhart. "Ein kleiner Junge stand auf und ging einfach zur Rampe ­ auf der Suche nach dem versteckten Chor. Ein anderer versuchte, seine schlafende Mutter zu wecken, und schlief dann selbst ein. Ein Paar begann, sich zu küssen."

Entstanden ist das kollektive Porträt eines Publikums und einer Stadt ­ im Abspann werden die Namen aller Akteure und ihrer Stadtviertel aufgeführt. "Ich will Dinge jenseits der Leinwand beschreiben, jenseits sozialer oder ethnologischer Studien über fremde Länder: Meine Filme funktionieren wie Standfotos."

Lockharts halbstündiges Foto "Teatro Amazonas" wurde im Februar bei der Berlinale gezeigt. Das Berliner Publikum guckte gespannt dem brasilianischen Publikum zu und war am Ende im Kino des Sony Centers fast so laut wie die Menschen aus Manaus auf der Leinwand.

Ingeborg Wiensowski

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