"Auto Focus" Amerikanische Selbstbefriedigung
Passend zum Deutschlandstart von "Auto Focus" bringt der Fernsehkanal Kabel 1 eine Wiederholung der Sechziger-Jahre-Serie "Ein Käfig voller Helden". Die launige Weltkriegs-Soap (Originaltitel: "Hogan's Heroes") über ein paar clevere amerikanische Kriegsgefangene, die ein Spionage-Netz direkt unter den Augen der tumben Nazis aufziehen, ist Bob Cranes "claim to fame".
Als lustig-lockerer Colonel Hogan begeisterte er zwischen 1965 und 1971 das TV-Publikum und wurde als Saubermann-Held gefeiert. Nach dem Ende der Serie versuchte sich Crane jedoch erfolglos als Kino-Darsteller und tingelte schließlich mit einer Dinnertheatergruppe durch die Vereinigten Staaten. 1978 wurde er in einem Hotelzimmer erschlagen. Nach seinem Tod entdeckte man, dass der stets harmlos wirkende Sonnyboy ein Doppelleben geführt hatte. Sex-Orgien, selbst gedrehte Pornovideos und massenweise Fotografien, die Crane mit Dutzenden Frauen in eindeutigen Posen oder Stellungen zeigten, kamen ans Licht und warfen den Schatten der sexuellen Obsession auf den früheren Fernsehstar.
Ein Parade-Stoff für den Drehbuchautor und Regisseur Paul Schrader, der sich in seinen Filmen und Büchern fast ausschließlich mit den von düsteren Leidenschaften und Zwängen getriebenen Außenseitern der amerikanischen Gesellschaft beschäftigt hat. Ob in "Taxi Driver", "Raging Bull", Light Sleeper" oder "Affliction" - Schrader, selbst streng calvinistisch erzogen, lässt die glitzernde Oberfläche des Amerikanischen Traums unbarmherzig an den Abseitigkeiten, Psychosen und Bigotterien seiner Protagonisten zerbrechen, ohne sich dabei als Moralist aufzuspielen.
Für "Auto Focus" ließ der Hollywood-Außenseiter Robert Graysmiths Buch "The Murder Of Bob Crane" adaptieren und besetzte die Hauptrolle mit dem wundervoll naiv wirkenden Greg Kinnear. Wir sehen den braven Familienvater, wie er sich vom Radio-Komiker zum Fernseh-Star hocharbeitet und über ein erfülltes, intaktes Leben zu verfügen scheint - sonntäglicher Kirchgang inklusive. Erst als er den verschwiemelten Fernsehtechniker John Carpenter kennen lernt, der ihm einen der ersten damals erhältlichen Videorekorder aufschwatzt, beginnen wir etwas von Cranes dunkler Seite zu ahnen. Voller Elan stürzt sich Crane in sein neues Hobby und fertigt Videos seiner Familie an, die er sich gleich danach mit kindlicher Begeisterung ansieht.
Schrader zeigt all das in satten und leuchtenden Farben, das Wohnzimmer der Cranes ist durchflutet von strahlender Helligkeit, die Welt ist heil. Erst als der von Willem Dafoe dämonisch dargestellte Carpenter den unschuldig scheinenden Crane in eine ganz neue Variante der Home Movies einführt, beginnen die Farben zu verblassen, schwindet das Licht. Am Ende des Films sehen wir alles wie durch einen schmutzig-braunen Filter, Räume wirken düster und eng, auch das Tempo des Films hat sich kontinuierlich verlangsamt.
Unter der Anleitung Carpenters entdeckt der fromme Crane seine verborgenen Gelüste nach purer Fleischlichkeit. Zusammen feiern die beiden Männerfreunde wilde Sex-Orgien und filmen sich dabei selbst. "Ein Tag ohne Sex ist ein vergeudeter Tag" lautet die Parole, immer tiefer versinkt Crane im Treibsand seiner Gier nach Sex und Pornografie. Der Akt als solches wird stets festgehalten wie eine Trophäe, ob in Form technisch immer perfekterer Videos oder Fotografien, von denen Crane Hunderte in seiner Garage hortet. Filme wie Bilder zeigen die beiden Buddys beim Verkehr mit den unterschiedlichsten Frauen.
In einer der Schlüsselszenen des Films sehen sich die beiden Freunde, die Cranes Theater-Tournee zur lustvollen Tour de Sex machen, eines ihrer Videos an. Während sie darüber rätseln, wo die auf Magnetband gebannte Orgie wohl stattgefunden haben mag, holt Crane sein bestes Stück aus der Hose und beginnt zu masturbieren, Carpenter lässt sich nicht lange bitten. Die zur Schau gestellte Virilität des Amerikaners, der sich seiner Stärke und Potenz immer wieder neu vergewissern muss und sich letztlich auf sich selbst einen runter holt, während er sich von der Last der prüden Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Konvention befreit, das ist Schrader pur und erinnert an den "Taxi Driver" Travis Bickle, der bis an die Zähne bewaffnet vor dem Spiegel posiert und sich selbst anstachelt.
Gleichzeitig sehen wir, wie Crane die Macht der Bilder für einen ewigen "Rerun" des eigenen Lebens und der erfolgreichen Vergangenheit nutzt. Wenn es nicht festzuhalten ist, ist es auch nie geschehen, scheint sein Motiv zu sein, eine Haltung, die man auch den manischen, mit Kameras und Fotoapparaten bewaffneten Familienfeier-Knipsern aus der eigenen Bekanntschaft unterstellen könnte.
Cranes Fixierung auf das fixierte Image treibt teils amüsante Blüten: In einer Bar inszeniert er sich vor einem Fernseher, den er heimlich auf das richtige Programm schaltet - eine Wiederholung von "Hogan's Heroes" -, um mit Hilfe des berühmten Alter-Egos eine Frau aufzureißen. Cranes Leben scheint aus ewiger Repetierung zu bestehen, die immer gleichen Theater-Aufführungen, der immer gleiche Sex-Auftrieb, das fortwährende Zehren vom einstigen Ruhm. Kinnear verleiht seinem Charakter dazu einen kindlich-verletzten Ausdruck, so als fragte er sich andauernd, was um Himmels Willen denn falsch an seinem Verhalten sein könnte.
Nebenbei bekommen wir mit, wie sein Privatleben an der Obsession zerbricht, nachdem seine puritanische Ehefrau (Rita Wilson) das Pornobildchen-Archiv in der Garage entdeckt hat. Karriere und Beziehungsgeflecht zerbröseln, Crane wird zum einsamen, hohläugigen Sex-Junkie. Auch die Beziehung mit seiner weitaus freizügigeren Filmpartnerin Patricia (Maria Bello) scheitert letztlich an seiner unstillbaren Sucht. Übrig bleibt nur die sich selbst befriedigende Auto-Erotik der eigenen Sexualität und der treue "Carpy", sein partner in crime.
Doch auch das Verhältnis zu diesem einzigen Freund ist nicht ungetrübt. Die in der Realität unbelegte Homoerotik zwischen den beiden symbiotischen Sex-Kumpels deuten die beiden Darsteller nur oberflächlich an, Schrader jedoch lässt keinen Zweifel an seiner Haltung zu dieser Frage. Als Crane zum Schluss doch noch zaghaft auf Abstand dringt und Ansätze zeigt, seinen Lebensstil zum vermeintlich Normalen zu ändern, entwickelt Carpenter Verlustängste und Eifersucht. Am Ende lässt der Film offen, ob es Carpenter war, der Crane mit einem Videokamera-Stativ im Schlaf erschlug. Auch im wahren Leben ist der Fall noch immer ungeklärt.
Schraders schön durchkomponiertes Biopic verzichtet ebenfalls auf eine eindeutige Botschaft. Der Auto-Focus der Videokamera, der zu Cranes und Carpenters Zeiten noch gar nicht erfunden war, fehlt auch dem Film. Er entlässt den Zuschauer mit dem Erlebnis eines oft klinisch und distanziert abgebildeten Dramas, das keinerlei Emotionen für seine Figuren geschaffen hat. Aber vielleicht ging es dem Nicht-Moralisten Schrader auch gerade darum, nicht zu einer Anklage oder Konklusion zu kommen. Cranes Obsession löst sich nicht auf, sie läuft ins Leere. Der Tod setzt seinem Leben ein Ende, aber nicht dem Problem.
Auto Focus
USA 2002. Regie: Paul Schrader. Buch: Robert Graysmith, Michael Gerbosi (Screenplay). Darsteller: Greg Kinnear, Willem Dafoe, Rita Wilson, Maria Bello, Ron Leibman. Produktion: Propaganda Films, Focus Puller Inc., Good Machine. Verleih: Columbia Tristar. Länge: 105 Minuten. Start: 26. Juni 2003