"Barbershop" Freestyle im Friseursalon
Niggaz With Attitude, N.W.A, hieß das HipHop-Kollektiv aus Los Angeles, das Anfang der neunziger Jahre mit brutalen Straßen-Impressionen wie "Straight Outta Compton" und "Fuck Tha Police" eine neue Härte im Rap salonfähig machte. Zwei ihrer Stars haben nicht nur den Sprung in die Solokarriere, sondern auch auf die Leinwand geschafft. Dr. Dre, als Produzent einer der einflussreichsten Macher im Black-Music-Bereich, ließ sich unlängst als korrupter Cop in Denzel Washingtons Oscar-Film "Training Day" sehen. Und Ice Cube, bewährt in zahlreichen Filmrollen von "Boyz N The Hood" bis "Three Kings", hat jetzt seinen ersten Film produziert: "Barbershop", eine kleine Komödie über große Themen.
Es geht um wahre Werte, ums kulturelle Erbe und um die Möglichkeiten sozialer Gemeinschaft in diesem Friseursalon. Hier kommen alle aus dem Viertel zusammen: die Homeboys und die alten Knacker, die großen Redenschwinger und kleinen Gauner. "Das ist unser Country Club!", erklärt Eddie (Cedric the Entertainer), der Veteran der Clique, stolz - ein Ort der Integration und Provokation, eine Miniatur-Arena, in der soziale, private und kulturelle Kämpfe ausgetragen werden.
Zum Beispiel der Dauerzwist zwischen Isaac (Troy Garity), dem einzigen Weißen der Crew, und Jimmy (Sean Patrick Thomas). Wer ist "schwärzer", authentischer: der hellhäutige, im Ghetto groß gewordene HipHop-Fan oder der afroamerikanische Intellektuelle, der seine Herkunft mittels sozialem Aufstieg vertuschen will? Das ganze Dilemma Eminems, seiner umstrittenen Rolle im Rap-Business, ist hier in ein paar herrlich kaltschnäuzigen Dialogen zusammengefasst. Oder Eddie, besagter Oldtimer des Salons, der die Rolle des agent provocateur gegen die eigene Kultur wendet und niemanden ungeschoren davonkommen lässt: Martin Luther King Jr. ebenso wenig wie Rosa Parks, beides Ikonen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.
Und dann gibt es natürlich noch Calvin (Ice Cube), den Besitzer des Shops: Er hat das vom Vater geerbte Unternehmen an Mr. Shark (Keith David), einen Kredithai, vorschnell verscherbelt. Es zurückzubekommen heißt, sich nicht nur gegen einen gefährlichen Mobster, sondern gegen die Tauschwertlogik des Spätkapitalismus zu stellen. Was bekommt man zurück von einem kleinen Friseusalon in Chicagos Southside, wo die Kunden selten zahlen und die Mitarbeiter mehr mit ihren Problemen als mit den Köpfen der Klientel beschäftigt sind?
"What have you done for me lately?" sang Janet Jackson in den spätern Achtzigern und gab damit die Losung aus für eine ganze Dekade nicht nur afroamerikanischen Selbstverständnisses - eine Haltung, deren letzte Ausläufer im Pomp einschlägiger Rap- und R&B-Videos zu besichtigen sind. Die stark auf Wettbewerb ausgerichtete HipHop-Kultur hat aus ihrer materialistischen Ausrichtung nie einen Hehl gemacht, und der oft der Gewaltverherrlichung geziehene Gangsterrap ist nur die konsequent inszenierte Überzeichnung kapitalistischer Logik: Fressen oder gefressen werden. Im "Barbershop" sind die Gangster zwei tolpatschige Unglücksraben, die einen Safe zwar klauen, aber nicht knacken können. "Crime doesn't pay" sagt der Film und ist in seiner politischen Korrektheit fast ein provokantes Statement: Einen guten Schnitt machen kann man nicht nur mit der Waffe, sondern auch mit der Schere in der Hand.
"Barbershop". USA 2002. Regie: Tim Story; Buch: Mark Brown, Don D. Scott, Marshall Todd. Darsteller: Ice Cube, Cedric the Entertainer, Leonard Earl Howze, Troy Garity, Eve, Sean Patrick Thomas; Produktion: Cube Vision, MGM Pictures, State Street Pictures; Verleih: 20th Century Fox; Länge: 102 Min.; Start: 24. April 2003