"Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr": Skurrile Nähe
Geheimtipp belgische Komödien Das Leben ist ein diffuser Tumor
Belgien ist nicht gerade das Land der großen Geste. Es ist klein, mehrsprachig, verstritten - ein bisschen wie der ungezogene kleine Bruder der Schweizer Strebergenossenschaft. Gleichzeitig ist Belgien irgendwie per se international, ja global und multikulturell, nur völlig ohne den tätschelnden Wunsch nach Integration. In Belgien passt nichts zusammen, wer einmal mit dem Zug hindurchgefahren ist, wird sich über die windschiefen Häuser und mausetot wirkenden Straßenzüge wundern - ein Blog brachte es gar zur Netzberühmtheit: Ugly Belgian Houses .
Ähnlich verhält es sich mit dem belgischen Kino: Es ist hässlich, zumindest in seinem unbedingten Realitätssinn. Zwei Genres stechen hervor: Das klassische Sozialdrama à la "The Broken Circle" oder die Filme der Regiebrüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Und die schwarze Komödie. Ja, diese ist ein vernachlässigtes Genre, und nicht ganz zufällig wird ihr gerade im morbiden Belgien neues Leben eingehaucht: In Jaco von Dormaels "Das brandneue Testament" dirigiert ein ganz schön räudiger Gott von Brüssel aus die Welt und meint es dabei nicht besonders gut mit den Menschen. Aus der belgischen Provinz liefert hingegen der kantige Bouli Lanners seit Jahren verquere Stories von Außenseitern und Ganoven ab.
"Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr": Skurrile Nähe
Xavier Seron hingegen ist ein Neuling. "Death by Death - Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr" ist sein erster Spielfilm und noch dazu einer, den man leicht übersehen kann. Ein sperriger Titel, eine obszöne Handlung rund um Inzest und Todessehnsucht und eine fragwürdige Komik - das ist kein Erfolgsrezept.
Welt aus Zwangsgedanken
Dabei hat Serons Films etwas wunderbar Abgehalftertes, Seltenes: Er trifft kein Milieu oder Nerv und wird jetzt, im vorweihnachtlichen Rausch, wahrscheinlich untergehen. Das ist schade, denn er ist jenseits des Zeitgeists auf seine ganz eigene Art menschlich.
Der hypochondrische Mittdreißiger Michel Peneu (Jean-Jacques Rausin) arbeitet mit seinem Kumpel Darek (Serge Riaboukine) beim Haushaltsgerätemarkt "Electrochic". In seiner Freizeit stillt Michel seine Todessehnsucht mit dem Anprobieren von Särgen und versucht sich als Schauspieler in dubiosen B-Movies. Mit seiner Freundin, der angehenden Künstlerin Aurélie (Fanny Touron), bewohnt Michel eine triste Hochhaussiedlung, doch eigentlich hängt er noch immer am Rockzipfel seiner allgegenwärtigen Mutter Monique (Myriam Boyer). Sie weigert sich ins Altenheim verschoben zu werden, schiebt ihre zahlreichen Katzen als Entschuldigung vor und mag es am liebsten, wenn ihr Sohn ihr auch körperlich nahe ist.
"Death by Death - Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr"
Originaltitel: "Je me tue à le dire"
Belgien, Frankreich 2017
Drehbuch und Regie: Xavier Seron
Darsteller: Jean-Jacques Rausin, Myriam Boyer, Serge Riaboukine, Fanny Touron, Franc Bruneau
Produktion: Tobina Films, Novak Productions
Verleih: Film Kino Text
FSK: k.A.
Länge: 90 Minuten
Start: 14. Dezember 2017
Als die Mama unheilbar an Brustkrebs erkrankt, gerät Michels ohnehin fragile, aus Zwangsgedanken konstruierte Welt langsam aus den Fugen. Was auf den ersten Blick auch ein Sozialdrama sein könnte, inszeniert Seron als ödipale bad taste-Comedy mit Stolz: Denn Michel ist überzeugt, dass er nun selbst auch einen Tumor in sich trägt und beginnt, sich von seinen Menschen langsam, selbstmitleidig und mit der gebotenen Exzentrik zu verabschieden. Als sich Aurélie von ihm trennt, bleibt Michel von den zwei neurotischen Frauen in seinem Leben plötzlich gar keine mehr.
Jarmusch ohne Coolness
Im Herzen ist Serons Film ein gut verpackter und ehrlicher Abgesang auf die sogenannte Gesellschaft. Michel ist kein schlechter, sogar ein liebenswürdiger Mensch, aber seine Moral ist Selbstnutz und ziemlich fishy: Reichen Kunden, deren Kind gerade von einem Kühlschrank erschlagen wurde, pinkelt er hemmungslos gegen die Einfahrt.
Zuhause ist er brav: Seine Mutter liebt er wie ein Kleinkind, seine Freundin fatalerweise ebenso. Michel ist eine Art embryonale Jesusfigur, ein versiffter, katholischer Messias, den Seron immer wieder in Posen des christlichen Passionswegs kadriert: Das CT wird zur offenbarenden Kreuzigung, die Mutterbrust zu Michels Lebensader. Diese Symbolik gerät allerdings vorhersehbar und die aneinandergereihten Absonderlichkeiten erschöpfen sich in ihrem Schauwert.
Zum Glück schaut Seron im Verlauf des Films doch noch tiefer in seine Figuren und befreit sich von seiner Bedeutungsschwangerschaft. Mit Darek besucht Michel ein touchy Männeryoga, bei dem sich die Freunde zu düsteren Synthesizerbeats zusammen auf dem Boden aalen. Das ist merkwürdig, sieht aber faszinierend ästhetisch aus (die Kameraarbeit von Olivier Vanaschen ist in vielen Momenten formidabel!). Nach dem Duschen betasten die Männer in der Umkleide auf Michels Initiative hin ihre Brüste. Bin ich gesund? Fühlt es sich normal an? Bin ich normal?
In diesen geschützten Räumen entsteht eine skurrile Nähe, es ist auf einmal erlaubt, Fragen zu stellen, zu zweifeln. Seron findet seine Intimität in den unmöglichsten Momenten, er zelebriert das Losertum inmitten totaler gesellschaftlicher Zerbröselung. Das ist vielleicht das Schönste an diesem Film mit dem unaussprechlichen Titel. Ein bisschen wie Aki Kaurismäki ohne sozialdemokratischen Touch oder Jim Jarmusch ohne Coolness - letztendlich einfach eine Geschichte von normalen Menschen.
Im Video: Der Trailer zu "Death by Death - Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr"