"Berlin is in Germany": Stunde der Außenseiter - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Berlin is in Germany" Stunde der Außenseiter

Außerhalb des Wettbewerbs begeistern zwei Filme über Berlin: Der Dokumentarfilm "Berlin Babylon" fokussiert das große Bauen, der Publikumsliebling "Berlin is in Germany" heftet sich an die Fersen eines charismatischen Helden des Alltags.
Von Cristina Moles Kaupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Potsdamer Platz stehen neue Mauern - aus Plexiglas und Plastik. "Wall" steht auf dem Sockel, damit jeder weiß, woran er ist. Keine Angst, sie künden nur vom nächsten Film: "Chocolat" von Lasse Hallström, der für England wetteifert und in Frankreich spielt. Doch davon später.

Spannender waren andere Streifen: "Berlin Babylon", ein Dokumentarfilm von Hubertus Siegert, der die letzten vier Jahre Berliner Großbaustellen genauer betrachtete. Darunter das neue Kranzler Eck, das Kanzleramt, den gläsernen Sony-Palast und natürlich den debis-Komplex. Seinetwegen fällt die Sprintstrecke zwischen Weinhaus Huth und Kaufrauschgalerie heute aus, ab geht's von vorn durch die zugige Mitte.Vorbei an dem monströsen debis-Glasdreieck, das so unverschämt in den Potsdamer Platz sticht, als gäbe es hier ständig etwas ganz Besonderes aufzupieksen. Den perfekten Sonnenaufgang etwa, den SAT-1-Heißluftballon oder die Info-Box, bevor sie zusammenkracht. Ist es darin wirklich einen Hauch zu gelb, wie die Architekten meinen? Versteh' einer deren Visionen! Denkmale der Eitelkeit, von ihrem Entstehen berichtet Siegerts Film. Faszinierend: die verwegenen Gleitflüge über die längste Baustelle, die Tauchgänge zu Unterwasserbetonieren.

"Berlin Babylon" zeigt wie aus bizarr verwobenen Stahlgerüsten ein satter Betonteppich wird und hört Architekten, Stadtplanern, Politikern, Bauherren und Arbeitern zu, die so tun als gäbe es tatsächlich einen Masterplan und kein babylonisches Fiebern. Siegert enthält sich des Kommentars, für Spott und Kritik sorgen die Belauschten schon selber. Den Rest erledigen die zu oft geschundenen Klänge einer anachronistischen Band: Die Einstürzenden Neubauten rumoren und quaken im Hintergrund, als hätten sie im Bauschutt den Stein der Weisen gefunden. Haben sie aber nicht. Und Walter Benjamins "Engel der Geschichte" ist ebenfalls ziemlich flügellahm - so oft wird er herbeizitiert. Trotzdem: "Berlin Babylon" lohnt das Abenteuer, sich an das Werden von Neuem zu erinnern. Warten auf den Kollaps.

Um das Erinnern, mehr noch um die Zukunft des Alten in der neuen Metropole geht es auch in "Berlin is in Germany" von Hannes Stöhr. Martin heißt sein kleiner, zäher Held aus Ostberlin, der nach elf Jahren aus der Haft entlassen wird. Den Mauerfall kennt der 36-Jährige nur aus dem Fernsehen - Willkommen in der Wirklichkeit. Schon stülpt sie sich über ihn, ist Martin reif dafür? Heimatlos schnürt er über vertraute Plätze, die nun anders klingen, riechen und heißen.

Star der sensiblen, zärtlichen Geschichte ist zweifellos Jörg Schüttauf, der agiert, als kenne er Martin sein ganzes Leben lang. Seinen Charme, seine Courage, sein durch nichts zu erschütterndes Weltvertrauen wirkt wie Balsam. Den Rest besorgen all die kleinen Details, die so authentisch und fast vergessen sind. Das Publikum liebt diese Geschichte. Fremd in der eigen Stadt - wer kennt das nicht ab und an? Und so leiden die Zuschauer mit, als ausgerechnet ein Schwabe Martin ins Unglück rammt. "Scheiß Wessis" poltert es prompt aus den Reihen hinter mir. Ob der Stänkerer weiß, dass der Regisseur ein Schwabe ist?

Ein Hauch Nostalgie darf sein. Und Lust auf ein süßeres Leben. Beides wird in "Chocolat" wie Sahne in den Kakao gerührt. Lasse Halström erzählt ein Märchen über Menschen, die Ende der 50er Jahre noch keine Kalorien zählten. Doch ihr ruhiges, gottgefälliges Leben wird von einer Juliette Binoche als Schokoladenhexe gehörig aufgemischt. Sympathisch erzählt und prominent besetzt, leider macht der Film nicht satt, sondern erinnert an Diät-Schokolade und halbfette Milch.

Mehr lesen über