Berlinale-Diskussion Mit Regisseuren reden
Staatsministerin Monika Grütters bei der Podiumsdiskussion "Filmfestivals heute"
Foto: Paul Zinken/ dpaEs ging dann, entgegen der Ankündigung, bei der Diskussion am Montagabend im Berliner Haus der Kulturen der Welt doch nicht um "Filmfestivals heute", sondern nur um das eine Festival, nämlich die Berlinale. Und irgendwann auch nicht mehr um deren Ist-, sondern deren Soll-Zustand.
Aber an Worten und ihrer landläufigen Bedeutung sollte man sich eh nicht festklammern, wie die Debatte gezeigt hat, die seit der Veröffentlichung der Erklärung von 79 Filmschaffenden zur Zukunft der Berlinale vor zehn Tagen tobt.
Ein Neuanfang samt programmatischer Erneuerung und Entschlackung war in der Erklärung, die an dieser Stelle als erstes veröffentlicht wurde, gefordert worden. Als Abgrenzung und Kritik am bisherigen Festivalleiter Dieter Kosslick wollten das einige Unterzeichnende aber nicht verstanden wissen. Distanzierungen und die Hinterfragung von deren intellektueller Redlichkeit ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") folgten zum einen; zum anderen wurde versucht, Verschwörungstheorien zu verbreiten (dass SPIEGEL ONLINE hinter der Erklärung stecke oder der Verband der deutschen Filmkritik, Dieter Kosslick sprach sogar von einem "Komplott" gegen ihn ).
In der Summe lenkte das die Diskussion weg von dem Umstand, dass es sich bei der Erklärung der Filmschaffenden um eine historisch einmalige Initiative - sowohl für die Berlinale als auch alle anderen Groß-Festivals - handelt. Und so richtig konnte die Podiumsdiskussion, die mit der Erklärung im Vorfeld befeuert werden sollte, auch keine Kurskorrektur mehr leisten. Zu uneins zeigten sich die Unterzeichnenden selbst - nicht nur untereinander, sondern auch persönlich.
"Eine Wischi-Waschi-Erklärung"
Christoph Hochhäusler, zuvor durchaus als Sprecher der Initiative aufgetreten, betonte am Montagabend nun wiederholt, nicht für alle Unterzeichnenden zu sprechen. Und Volker Schlöndorff, der wie Hochhäusler auf dem fünfköpfigen Panel saß, schien ganz vergessen zu haben, dass er selber unterzeichnet hatte. "Erst setzt ihr so eine Wischi-Waschi-Erklärung auf und dann heißt es: April, April, so hab ich's doch nicht gemeint!", pöbelte er gutgelaunt gegen seine Kolleginnen und Kollegen.
Als Querschläger - zwischendurch bezeichnete er den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland als "Karikatur der Berlinale" - tat Schlöndorff dem Abend aber ausgesprochen gut, denn die restlichen Positionen und ihre Vertreterinnen und Vertreter waren leidlich fest gezurrt.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die zu dem Abend eingeladen hatte und der zumindest bis zur Regierungsbildung das letzte Wort in Sachen Kosslick-Nachfolge gehört, betonte zu Anfang noch, dass nichts festlegt wäre. Weder dass eine "deutsche Frau" als Nachfolgerin Priorität habe, noch dass Kosslick in einer möglichen Arbeitsaufteilung dem Festival als Präsident erhalten bleibe.
Alsdann zählte sie - zu Recht - die Verdienste Kosslicks auf, hinter die auch in Zukunft nicht zurückzufallen sei: die Einrichtung des Fördernetzwerkes Talent Campus, der Ausbau des European Film Market, das Engagement des Festivals für Geflüchtete und für den Klimaschutz. Für viele Anwesende, darunter etliche Mitarbeiter der Berlinale, ein kathartischer Moment, um zu applaudieren und damit gegen die empfundene Einseitigkeit der Diskussion in bestimmten Medien zusteuern.
Womit vergleichen?
Dass das aber keine Minderheitenposition ist, zeigte sich auch bei der Besetzung des Runde. Neben Hochhäusler, Schlöndorff sowie dem Produzenten Thomas Kufus saßen mit Christiane Peitz, Kulturressortleiterin vom Berliner "Tagesspiegel", und Bettina Reitz, Leiterin der Münchner Filmhochschule, zwei ausgesprochene Kosslick-Fürsprecherinnen auf dem Podium. Bei Reitz, die für die verhinderte Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin Brandenburg eingesprungen war, schienen die Sympathien zwar zunächst nicht so klar verteilt zu sein. Besser gesagt: In ihrem ständigen Einerseits-Andererseits war jegliche Positionierung schwer erkennbar.
Auf die Frage von Moderator Philipp Weinges (Deutsche Filmakademie), ob man die Berlinale mit den Festivals von Venedig, Cannes oder Toronto vergleichen könnte, antwortete sie zum Beispiel, dass man das durchaus könnte, es aber auf die Kriterien ankomme - ohne dann geeignete Kriterien zu nennen.
Peitz argumentierte da beherzter und setzte sich für den Erhalt der Berlinale als Publikumsfestival ein. Die Forderung nach dem Gegenteil stand nicht im Raum, sie wird aber öfter aus dem Plädoyer abgeleitet, das Festival müsse programmatisch fokussieren und gegebenenfalls weniger Filme zeigen. Warum das gegen den Charakter als Publikumsfestival gehen sollte, ist nicht klar. Locarno gewinnt unter der Leitung von Carlo Chatrian Jahr zu Jahr an Profil und füllt trotzdem abends die Piazza Grande mit bis zu 8.000 zahlenden Zuschauern.
"Hier geht's um Veganer"
"Masse bedeutet nicht Vielfalt", hatten zuvor schon Christoph Hochhäusler und der Dokumentarfilmer Thomas Heise gesagt. Gemeinsam hatten sie ein provokantes Impulsreferat gehalten und darin unter anderem die "vernünftige" Einladungspolitik der Berlinale karikiert ("Der Film ist dabei, weil der Regisseur schwul ist", "Aus dem Land hatten wir noch nie was", "Hier geht's um Veganer").
Wie denn eine unvernünftige Einladungspolitik aussehen könnte und was sie sich davon versprechen, wurden sie allerdings nicht zurückgefragt - wie auch sonstige Impulse ihrerseits, zum Beispiel die Frage nach der Repräsentation von ostdeutschem Filmschaffen, von Panel und Moderation nicht aufgegriffen wurden. Stattdessen rief Bettina Reitz zur Geschlossenheit auf: Ein so großes Festival wie die Berlinale müsse in Deutschland doch von allen aus der Branche "auf Händen" getragen werden.
Ausgerechnet diese große, alles einebnende Bitte hatte zur Folge, dass endlich Differenzen und Kritik auf dem Podium geäußert wurden. Peitz merkte an, dass die Berlinale so stark gewachsen sei und Kosslick so sehr in Anspruch nehme, dass ihm die Zeit fehle, wie andere Festivalleiter zu reisen und Regisseure persönlich um ihre Filme zu bitten. "Als Festivalleiter musst du mit im Schnittraum sitzen", forderte Thomas Kufus und fügte hinzu: "Und du musst die Filme auch zu Ende gucken."
Duo oder Trio?
Kufus gab auch zu bedenken, dass eine Premiere auf der Berlinale für manche Filme nicht so günstig sei, da sie in Berlin dann bereits ihr gesamtes Publikum ausgeschöpft hätten. Er wünschte sich von der künftigen Leitung zudem mehr Unterstützung bei den Vorführungen, zum Beispiel durch gemeinsame Auftritte bei den Premieren. Dem pflichtete Schlöndorff bei und schilderte, welche Einschränkungen auch mit der Selbstbezeichnung als politisches Festival einhergehen können. Er habe in diesem Jahr einen "sentimental-melancholischen Film" (gemeint ist "Rückkehr nach Montauk") gezeigt. Bei einem politischen Festival sei er damit fast zwangsläufig durchgefallen.
So schälten sich zum Ende der Diskussion hin doch einige erhellende Erkenntnisse darüber heraus, was eine neue Leitung leisten und wo sie nachjustieren müsste. Einigkeit schien zudem zu herrschen, dass die kaufmännischen und künstlerischen Aufgaben besser auf mehrere Paar Schultern aufgeteilt gehörten, also eine Doppel-, wenn nicht gar Dreier-Spitze sinnvoll ist. Und dass man in jedem Fall im Ausland nach Kandidatinnen und Kandidaten Ausschau halten sollte, war ebenso Konsens.
Von "Träumen" für die Berlinale, die Moderator Weinges gern auf dem Podium formuliert gehabt hätte, war das einigermaßen weit entfernt. Aber an Worten sollte man sich bei dieser Diskussion eh nicht festklammern.