Berlinale: Lumets jüngstes Gericht - DER SPIEGEL
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Berlinale Lumets jüngstes Gericht

Zwei Regie-Altmeister, zwei Justizdramen: Claude Chabrol und Sidney Lumet stellten im Berlinale-Wettbewerb ihre neuen Filme vor. Der eine ambitioniert, aber langweilig; der andere unterhaltsam und ein bisschen seicht.
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Das Zitat des Tages kam am frühen Abend von Sidney Lumet. Der 81-jährige Regie-Veteran war nach Berlin gereist, um seinen neuen Film "Find me Guilty" vorzustellen und präsentierte sich gutgelaunt der Presse. Wie es sein Film in den Wettbewerb der Berlinale geschafft habe, konnte sich der mehrmalige Cannes-Juror auch nicht erklären, schließlich, so Lumet mit subtiler Unbescheidenheit, sei er ja "ein eher konventioneller Genrefilm" und völlig untypisch für ein Festival-Programm, "weil er nicht langweilig ist". Gelächter und Applaus bei der nach einer Woche sichtlich ausgelaugten Pressemeute.



Tatsächlich war "Find me Guilty" so etwas wie eine kleine Oase im diesjährigen Wettbewerb, denn das auf einem authentischen Fall beruhende Gerichtsdrama will kaum mehr als unterhalten und eine gute Geschichte von A bis Z erzählen. Dass Lumet, der 1957 mit "Die zwölf Geschworenen" den Goldenen Bären gewann und sich im Zuge seiner langen Karriere immer wieder mit den Themen Justiz und Gerechtigkeit beschäftigte, noch einmal in den Gerichtssaal zurückkehren würde, lag nahe, verhieß aber zunächst nichts bahnbrechend Neues. Doch statt bedeutungsschwerer Dramenkost gab es eine Art Coutroom-Comedy, bei der am Ende - oh Wunder - die Bösen davonkommen.

Na gut, diese Schlussvolte, die man Lumet ("Serpico", "The Verdict") nur zu gerne als altersmildes Augenzwinkern im Rückblick auf das eigene Schaffen auslegen möchte, schrieb nun einmal die Faktenlage vor, denn "Find me Guilty" erzählt die Geschichte des wohl längsten Gerichtsprozesses in der Geschichte Amerikas. 21 Monate verhandelte die Staatsanwaltschaft von New Jersey zwischen 1986 und 1988 gegen 20 Mitglieder der berüchtigten Mafia-Famlie Lucchese. Unter den Angeklagten war auch der Drogenbaron Jackie DiNorscio, der sich in diesem Mammut-Verfahren mit insgesamt 76 Anklagepunkten kurzerhand selbst verteidigte - und schließlich die Geschworenen von der Unschuld der Mobster überzeugen konnte.

Vom Muskelmann zum Mafio-Komiker

Eine faszinierende Story, und Sidney Lumet fand einen nicht minder schillernden Hauptdarsteller für sein Spätwerk: Vin Diesel. Der aus plumpen Action-Reißern wie "XXX" und "The Fast and the Furious" bekannte Muskelmann fraß sich für seine erste echte Charakterrolle einige Pfunde an und verabschiedete sich sogar von seiner zum Markenzeichen gewordenen Glatze. Als Mafioso, der sich nach Liebe und Respekt seiner "Famiglia" sehnt, gibt er im Gerichtssaal gekonnt den Clown, der mit bräsiger Nonchalance, rührender Offenheit und schmutzigen Witzen erst den Richter, dann auch die Jury für sich einnimmt.

Hat man sich erst einmal an einen Vin Diesel mit schütterem Haar, Bauchansatz und ohne Macho-Gehabe gewöhnt, wächt einem der hinreißend naive DiNorscio schnell ans Herz. Das Schwierigste an der Rolle sei der übermäßige Eiscreme-Konsum gewesen, um schnell Gewicht zuzulegen, sagte Diesel nach dem Film - inzwischen wieder kahlköpfig, braungebrannt und fit wie eh und je. Wer weiß, vielleicht ist "Find me Guilty" für den Action-Hünen ein Sprungbrett ins sogenannte ernste Fach. Als nächstes spielt er jedoch unter eigener Regie mal wieder einen wilden Mann: Hannibal.

Sidney Lumet, der auf der Pressekonferenz immer wieder mit väterlicher Milde zu Diesel herüberblickte, sorgte nicht nur mit Seitenhieben auf die Festivalfilme für Heiterkeit, sondern auch für einen dieser seltenen rührenden Berlinale-Momente, als er erläuterte, warum er 1957 nicht persönlich zur Bären-Verleihung erschienen sei. Der ehemalige US-Soldat jüdisch-polnischer Abstammung sei einige Jahre zuvor schon einmal in Berlin gewesen und habe die vom Krieg noch arg gezeichnete Stadt als zu deprimierend empfunden. Heute jedoch machte er den Deutschen ein großes Kompliment: "Wie Sie mit der Vergangenheit umgehen, ist wundervoll", sagte er. Es gebe kein anderes Land, das sich so um die Aufarbeitung des Krieges bemühe. Und Berlin? Berlin sei nun auch wieder "sehr schön" geworden.

Müde Coolness statt Kälteschocks

So viel Balsam für die Seele glich dann auch das etwas dröge Erlebnis vom Nachmittag aus. Denn Claude Chabrols Wettbewerbsbeitrag "L'Ivresse du pouvoir" ("A Comedy of Power") ist ebenfalls eine Art Justizdrama, allerdings ungleich schwerfälliger als "Find me Guilty". Isabelle Huppert spielt darin eine ehrgeizige Richterin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Manager und Vorstände eines mächtigen französischen Industriekonzerns hinter Gittern zu bringen. Der Vorwurf: Veruntreuung und Verschwendung staatlicher Gelder im großen Maßstab. Chabrols 67. Film ist ein cineastischer Schlüsselroman über den Elf-Aquitaine-Skandal, der Frankreich vor zwei Jahren erschütterte. Zwar stellt der Regisseur bereits im Vorspann klar, dass Ähnlichkeiten mit realen Personen und Ereignissen nicht beabsichtigt sind, doch für den Meister des makabren Gesellschafts- und Klassendramas war diese wahre Geschichte über Machtmissbrauch und Selbstherrlichkeit von Konzernbossen natürlich ein gefundenes Fressen.

Die im Titel versprochene Komödie ist "L'Ivresse du pouvoir" jedoch ganz und gar nicht geworden. Der Film fängt vielversprechend an und verfügt mit "La Huppert" über eine Hauptdarstellerin, die einmal mehr ihre herrliche Schroffheit und Kälte ausspielen kann, doch genau diese Unnahbarkeit wird dem Film in der zweiten Hälfte zum Verhängnis, wenn man vergebens auf emotionale Nuancen oder Zuspitzungen des Plots wartet.

Je mehr sich die Richterin, die den phantastischen Namen Jeanne Charmant-Killman trägt, an ihrer Macht über die mächtigen Männer berauscht, desto schneller geht ihr Privatleben vor die Hunde. Doch statt sich auf den emotionalen Konflikt mit ihrem frustrierten Ehemann zu konzentrieren, an dem sich wunderbar die Korruption durch Macht und Einfluss hätte spiegeln lassen, manövriert Chabrol seinen Film - und seine Lieblingsschauspielerin - in die Ödnis langweiliger Verhör-Szenen. Die knisternde Erotik zwischen der knallharten Jeanne und ihrem schöngeistigen Neffen zum Beispiel - ebenso verschenkt wie die aufkeimende Rivalität, als Jeanne eine nicht minder forschere Kollegin als Partnerin zur Seite gestellt bekommt, die auch noch jünger ist.

Ist "L'Ivresse de pouvoir" also ein typischer Festival-Film im Sinne Sidney Lumets? Nein, so langweilig war er dann doch nicht. Aber ginge es darum, einen Tagesgewinner zu ermitteln, hätte Lumets oberflächliche, aber unterhaltsame Mafia-Farce die Jury für sich gewonnen.

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