Berlinale-Tagebuch: Alles wird gut - sogar der Deutsche - DER SPIEGEL
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Berlinale-Tagebuch Alles wird gut - sogar der Deutsche

Mit dem märchenhaften Migranten-Drama "Eden À L'Ouest" von Costa-Gavras geht die 59. Berlinale zu Ende. Am Samstagabend werden am Potsdamer Platz die Bären verliehen. Das Fazit des Festivals: Auch in harten Zeiten gibt es viele nette Menschen.
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Berlin - Als Berlinale-Besucher muss man sich in den letzten Tagen des Festivals eine ganze Menge anhören. Zum Beispiel "Du siehst aber schlecht aus! Und so bleich. Warst wohl zu oft im Kino." Oder: "Du Ärmster, hast ja ganz rote Äuglein! Na ja, bei den vielen Filmen." Doch wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen ausgeschlafenen, ziemlich gut gelaunten Mann Mitte Vierzig, der in beneidenswerter körperlicher und geistiger Verfassung ist.

Trotzdem sehen mich die Menschen an, als hätte ich mich mit letzter Kraft aus einem Lepragebiet gerettet. Dabei war auf dem Festival in diesem Jahr dank des Sponsors sogar für sauberes Trinkwasser gesorgt. Und dennoch beteuert der Volksmund noch immer mit unbelehrbarer Sturheit: Die Berlinale und der Suff, die reiben die Männer uff.

Natürlich keucht, hüstelt und schnieft es auf keinem Festival der Welt so sehr wie auf der Berlinale. Am Samstagmorgen etwa, als der Abschlussfilm "Eden À L'Ouest" von Costa-Gavras lief, fühlte man sich im Berlinale-Palast wie auf der Intensivstation einer Lungenklinik.

Ein Test für die Vitalfunktionen

Da der Film jedoch zunächst versehentlich ohne Ton vorgeführt wurde, entstand ein reizvoller audiovisueller Kontrapunkt: Während der Zuschauer ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer sah, auf dem die Menschen in der Sonne brüteten, ließ ihn die Geräuschkulisse den Eishauch einer Erkältungswelle spüren. Doch plötzlich erwachte das Publikum aus seinem Siechtum, die Zuschauer pfiffen, trommelten und schrien, bis der Film angehalten und noch einmal neu gestartet wurde. Da wurde klar: Die vermeintlich so gesundheitsgefährdende Berlinale lässt nichts unversucht, um die Lebensgeister ihrer Zuschauer zu wecken.

Wenn wir also in den Berlinale-Tagebüchern der vergangenen Woche das Pressebüro des Festivals mit einem " Folterkeller" verglichen oder über einige Filme " Berichte von der Schmerzgrenze" schrieben, wollten wir damit nur zum Ausdruck bringen, wie dankbar wir der Berlinale dafür sind, dass sie immer wieder unsere Vitalfunktionen testet. Schließlich möchten wir nicht so wegdämmern wie jener Journalist, der gestern bei der Pressevorführung von Andrzej Wajdas Wettbewerbsbeitrag "Tatarak" neben mir saß und fest schlief, obwohl er einen Kopfhörer trug, über den eine deutsche Simultanübersetzung eingesprochen wurde. Der Ton des Kopfhörers war so laut, dass ich aus einem Meter Entfernung nicht nur jedes Wort verstehen konnte, sondern auch die Hingabe der Sprecherin spürte. Während Wajdas Star Krystyna Janda lethargisch vor sich hin monologisierte, sah ich die Sprecherin vor meinem geistigen Auge wild gestikulieren. Doch alles vergebens. Der Kollege wachte nicht auf.

Zum Verzweifeln höflich und nett

Das darf nicht sein. Deswegen gehen wir dorthin, wo's wehtut. Aber bot die 59. Berlinale tatsächlich "Festtage für Masochisten", wie wir vor einer Woche im Tagebuch so vollmundig versprachen? Nun, es war für jeden was dabei. In Romuald Karmakars ebenso instruktivem wie amüsantem Beitrag zum Episodenfilm "Deutschland 09" etwa kann man erfahren, welche Gegenstände sich manche unserer Mitbürger in ihre Körperöffnungen schieben, stoßen oder schrauben, um Hochgefühle zu erleben. Doch von einer dauerhaften Quälerei konnte auf dem Festival nicht die Rede sein. Letztlich konnten wir die Lust am Schmerz niemals so richtig auskosten, weil sie immer wieder von guten Filmen unterbrochen wurde.

Von dem pfiffigen, amüsanten und berührenden Liebesfilm "Gigante" etwa, in dem der argentinische Regisseur Adrián Biniez einen großen, starken Wachmann sein Herz für eine zarte Putzfrau entdecken lässt; oder von dem US-amerikanischen Kriegsheimkehrer-Drama "The Messenger", in dem die grandiosen Darsteller Ben Foster, Woody Harrelson und Samantha Morton zeigen, was Schauspielkunst zu leisten imstande ist; oder von Rachid Boucharebs eindringlichem Drama "London River" über zwei Menschen, deren Wege sich kreuzen, weil ihre Kinder bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen sind. Manchmal waren die Filme so gut, dass wir umgehend ins Pressebüro der Berlinale liefen, um unseren Masochismus zu befriedigen. Doch welch ein Schock: keinerlei Schikane, statt dessen freundliche Gesichter und vollendete Höflichkeit. Es war zum Verzweifeln.

One-Touch-Kino

Zum Glück war immerhin auf einige unserer heimischen Filmemacher Verlass, die in ihren Beiträgen zu "Deutschland 09" überaus selbst- und fremdquälerisch "die Lage der Nation" beleuchteten. Deutschland 09 – das klingt irgendwie nach einem Fußballverein, nach Schalke 04 oder Hannover 96. Nur leider funktionieren die elf plus drei Regisseure als Team ziemlich schlecht. Da zelebriert Dani Levy Spielwitz, während Wolfgang Becker ins komödiantische Abseits läuft, da eilt Tom Tykwer in rasantem Tempo von Szene zu Szene, doch sein One-Touch-Kino findet in dem berserkerhaften Sturmtank Hans Weingartner, der mit voller Wucht in jede Abwehrmauer rennt, auf der BKA draufsteht, keinen Abnehmer.

Angesichts ihres offenkundigen Leidens am eigenen Land wundert es nicht, dass deutsche Regisseure immer häufiger das Weite suchen. Tykwer und Hans-Christian Schmid hetzen in ihren Filmen "The International" und "Storm" kreuz und quer durch die Welt; auch die Regisseurin Maren Ade sagte Deutschland adé und drehte ihr Beziehungsdrama "Alle Anderen" auf Sardinien.

Doch gerade im Ausland durften die Deutschen in den diesjährigen Berlinale-Filmen zeigen, dass sie in den härtesten Zeiten die besten Menschen sein können: Ulrich Tukur rettet in dem Historienepos "John Rabe" als Titelheld hilflose Chinesen vor brutalen Japanern und drückt als Magier in dem Abschlussfilm "Eden À L'Ouest" einem verzweifelten Migranten einen Zauberstaub in die Hand, mit dem dieser den Eiffelturm zum Glitzern bringt. Alles wird gut aus der diesjährige Berlinale - sogar der Deutsche.

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