Berlinale-Tagebuch: Augen auf - und durch! - DER SPIEGEL
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Berlinale-Tagebuch Augen auf - und durch!

Nachdem am Wochenende Stars und Glamour den Potsdamer Platz regierten, herrscht auf der Berlinale nun wieder der graue Alltag: Die Wettbewerbsfilme "Der freie Wille" und "El Custodio" handeln von verzweifelten Triebtätern und schwermütigen Leibwächtern
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf einem Gebiet sind die amerikanischen Filmemacher dem Rest der Welt uneinholbar enteilt: Sie haben die längsten Abspänne. Minutenlang ziehen in winziger Schrift Kolonnen von Funktionsbezeichnungen und Namen über die Leinwand, noch das kleinste Kammerspiel endet auf diese Weise episch. Doch nun schlägt der Rest der Welt zurück, und zwar durch Vorspann-Verlängerung im ganz großen Stil. Das ist schlau, denn manche Zuschauer gucken einen Film ja nicht bis zu Ende. Bis zum Ende des Vorspanns aber guckt eigentlich jeder.

Beim argentinisch-französisch-deutschen Wettbewerbsbeitrag "El Custodio" wurden in den ersten Minuten so viele Produzenten aus so vielen verschiedenen Ländern genannt, dass ganz Hollywood vor Neid erblasst. Doch leider ging die Verlängerung vorne nach hinten los: Schon vor dem ersten Bild hofft man inständig, dieser Film möge den Goldenen Bären bloß nicht gewinnen. Zu grauenhaft ist die Vorstellung, alle diese Produzenten, Co-Produzenten, ausführenden und nicht-ausführenden Produzenten würden bei der Preisverleihung auf die Bühne kommen, ihr Team loben und ihrer Mutter danken. Und woher sollte der arme Dieter Kosslick das Gold für die vielen Bären nehmen?

Irgendjemand auf der Welt muss wohl Produzenten produzieren, und zwar massenhaft. So kommen dann österreichisch-bosnisch-herzegowinisch-deutsch-kroatische und niederländisch-thailändisch-koreanisch-chinesische Filme wie die Wettbewerbsbeiträge "Grbavica" und "Invisible Waves" zu Stande. Und da jeder dieser vielen Produzenten ja noch Assistenten, Dolmetscher und Juristen braucht, die untereinander aushandeln, für welches Land der Film auf Festivals wie der Berlinale antreten darf, ist das Ganze eine richtig tolle Jobmaschine.

Langeweile weit ab vom Schuss

Nachdem diese Heroen des Vorspanns von "El Custodio" am Zuschauer vorbeigezogen sind, erscheint der Held des Films: Gleich in der ersten Szene zieht sich Ruben (Julio Chávez) eine Schussweste über - kein schlechter Anfang. Aber er tackert sie zusammen - kein gutes Zeichen. Und bald verdichtet sich die Ahnung zur Gewissheit: Niemals wird dieser Leibwächter, der einen argentinischen Minister bewacht, in seinem Leben in die Schusslinie geraten. "El Custodio" beschreibt die quälende Langeweile weit ab vom Schuss.

Regisseur Rodrigo Moreno macht den Leibwächter zu einer anfangs faszinierenden Randfigur am Epizentrum der Macht: Ruben folgt dem Minister auf Schritt und Tritt, sitzt im Auto vor ihm, schnappt Wortfetzen privater wie dienstlicher Gespräche auf, lugt durch halb geöffnete Türen in Büros und Wohnzimmer. Seine Augen sind der Spion, durch den Moreno den Zuschauer ins Leben des Ministers und seiner Familie blicken lässt; in deren Augen wiederum ist er oft kaum mehr als ein Möbelstück, das im besten Fall nicht stört.

Doch den Terror der Ereignislosigkeit, unter dem der Held leidet, spürt auch der Zuschauer mehr und mehr - und dagegen gibt es keine Schutzwesten, wenn man wehrlos vor der Leinwand sitzt. "El Custodio" sieht dem Gras beim Wachsen zu - bis es völlig verdorrt ist. Doch ein Regisseur muss schon verdammt gute Gründe haben, einen Film zu machen, in dem so wenig passiert. So fühlt man sich zunehmend wie bei einem psychologischen Experiment, bei dem ermittelt werden soll, wer als erster die Nerven verliert: der Held oder das Publikum.

Abscheu gegenüber dem Helden

Wie "El Custodio" ist auch Matthias Glasners deutscher Wettbewerbsbeitrag "Der freie Wille" das beklemmende Porträt eines zutiefst einsamen Mannes, der um seine Selbstkontrolle ringt - und auch dieser Films stellt die Leidensfähigkeit des Publikums auf eine harte Probe. Doch während bei "El Custodio" die Augen schmerzen, weil die Bilder immer wieder in Unschärfe versinken, mag man hier kaum hinschauen, wenn minutenlang in aller Ausführlichkeit die brutale Vergewaltigung einer jungen Frau gezeigt wird.

Selten hat ein Film beim Publikum gezielt so viel Abscheu gegenüber seinem Helden erzeugt - um ihm danach so nah wie möglich zu kommen. "Der freie Wille" ist der Versuch, der Boulevardpresse einen Stoff zu entreißen und hinter einem Triebtäter den Menschen zu entdecken. Der Vergewaltiger Theo (Jürgen Vogel) kommt etwa zehn Jahre nach seinem Verbrechen wieder auf freien Fuß. Wenn er fast rund um die Uhr seinen Körper trainiert, Klimmzüge macht, sich beim Kampfsport verausgabt, dann stählt er sich für die Konfrontation mit dem inneren Feind: seinem Drang, Frauen zu unterwerfen.

Einige Zuschauer verließen den Saal bei der Vorführung dieses 163 Minuten langen Psychogramms, das dem Zuschauer nichts ersparen mag. Doch unter all diesen seltsam in die Breite gehenden Beiträgen im Hauptprogramm der diesjährigen Berlinale, die ihren Figuren entweder in die tiefste Einsamkeit des Autismus ("Snow Cake"), des Traumas ("Grbavica") und der eigenen, dunklen Seele folgen oder gleich mit so vielen Figuren aufwarten, als wären sie im Dutzend billiger, ("A Prairie Home Companion", "Syriana"), unter all diesen Filmen, die sich alle hartnäckig weigern, stringent eine Geschichte zu erzählen, ragt er heraus: weil er sein Publikum eine Erfahrung machen lässt, die es nicht so bald vergessen wird.

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