Berlinale-Tagebuch Frisch gewaschen
Der Gewinner der diesjährigen Berlinale steht bereits fest: Es ist kein Film, sondern ein Waschmittel. "Persil" heißt es auf einem Reklameschild, unter dem George Clooney in "The Good German" zufällig stehen bleibt; später wird im Film, der im Jahr 1945 in Berlin spielt, ausführlich erklärt, was ein "Persil-Schein" ist und wie man damit seine Vergangenheit rein waschen kann. Persil wäscht bestimmt auch jede Schauspieler-Biografie viel, viel weißer.
Noch könnte man das Ganze für einen Zufall halten. Doch dann kommt der große Berlinale-Empfang der Filmstiftung NRW in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen. Eigentlich ist das nur eines der üblichen Herumsteh-Events im Festival-Kalender, Ansprache von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers inklusive sowie einige hundert Menschen und noch mehr Kölsch-Gläser. Doch dann bekommt jeder Gast zum Abschied an der Garderobe ein Geschenk in Hand gedrückt einen schweren Karton. Drin ist, genau: Persil.
Der praktische Nutzen dieser Gabe erschließt sich nicht unmittelbar, zumal viele Besucher des NRW-Empfangs am Abend noch weitere Termine haben, und zwar nicht im Waschkeller. Macht aber nichts: Die meisten tragen ihr Paket stolz davon. Dass einige Besucher das Waschmittel mit einem anderen weißen Pulver verwechselt haben könnten, ist natürlich nur ein böses Gerücht.
Ein anderes böses Gerücht besagt, dass Sharon Stone jetzt unter die Philosophen gegangen ist. Sie spricht nämlich Sätze von tiefer Bedeutung, irgendwo zwischen Immanuel Kant und Motivationsguru. Zum Beispiel, dass es nicht darauf ankomme, wie tief man gefallen sei, sondern "wie man wieder aufsteht". "Its about how you get up", ruft sie der versammelten Journalistenmeute im Pressekonferenzsaal der Berlinale zu. Tatsächlich klatschen einige Reporter. Und stehen auf, denn nun ist das Spektakel zu Ende.
Soziopathen unter sich
Sharon Stone ist in Berlin, um ihren neuen Film vorzustellen, der im Wettbewerbsprogramm läuft: "When a Man Falls in the Forest" von Regisseur Ryan Eslinger, co-produziert von Frau Stone selbst, erzählt die trostlose Geschichte einer Ehe. Karen (Stone), schwer verbittert, und Gary (Timothy Hutton), notorisch maulfaul, haben sich nichts mehr zu sagen, das aber in gereiztem Ton. Zum Ausgleich klaut sie Klamotten, er bleibt so lange im Büro, bis der Putzmann Bill (Dylan Baker) kommt, der dritte Soziopath in diesem Film. Bill trägt eine riesige Kassenbrille und hört beim Staubsagen gern italienische Opernarien über Kopfhörer. Zu Hause hört er durch die dünnen Wände, wie sich seine Nachbarn streiten. Bill träumt schlecht, einmal sogar von einer blutigen Sauerei, bei der sein Hemd schmutzig wird. Mit einem Paket Persil könnte man ihm bestimmt eine Freude machen.
Wer darauf wartet, dass sonst noch irgendetwas passiert in diesem Film: Fehlanzeige. "When a Man Falls in the Forest" schleppt sich mies gelaunt und leidenschaftslos über die Runden. Um mit Sharon Stone zu sprechen: "Sich schlecht zu fühlen fühlt sich manchmal richtig gut an." Auch diese Weisheit verkündet sie in der Pressekonferenz. Eigentlich könnte man Frau Stone jetzt nach ihrem letzten Flop "Basic Instinct 2" fragen, um den Unterschied zwischen echter und gespielter schlechter Laune zu erleben. Es traut sich aber niemand.
Dass Hollywood-Stars auch herrlich gelassen sein können, hatte am Vortag Clint Eastwood demonstriert. Als habe er gerade einen Spaziergang im Wald hinter sich, so erfrischt wirkte Eastwood, 76, als er den Pressekonferenzssaal der Berlinale betrat.
Logik von Ehre, Pflicht und Gehorsam
Eastwood stellte "Letters from Iwo Jima" vor, seinen zweiten und besseren Film über jene Schlacht im Zweiten Weltkrieg um eine Pazifikinsel, bei der 7000 Amerikaner und 22000 Japaner starben. Im ersten, "Flags of our Fathers", hatte Eastwood die Geschichte aus amerikanischer Sicht erzählt und vor allem den heimischen Propagandafeldzug danach kritisiert.
In "Letters from Iwo Jima" nimmt er nun ganz den japanischen Blickwinkel ein, soweit davon die Rede sein kann: Viele Japaner wissen bis heute fast nichts über Iwo Jima, die verheerende Niederlage wird noch immer tabuisiert. Doch als Schauspieler sei er es gewohnt, "mich in andere Personen zu versetzen", sagt Eastwood in Berlin. Und nun "bin ich eben ein japanischer Regisseur", scherzt er. Wahr ist, dass er mit Hilfe von Dolmetschern seinen Film komplett auf Japanisch mit japanischen Schauspielern drehte, darunter Ken Watanabe ("Last Samurai") als General Kuribayashi jener Feldherr, der seine Truppen tiefe Höhlen in die Felsen der Insel graben ließ, aus denen sie die amerikanischen Soldaten unter Feuer nahmen.
In oft blutigen Bildern führt Eastwood die selbstmörderische Logik von Ehre, Pflicht und Gehorsam vor, die die Soldaten daran hindert, sich einfach der amerikanischen Übermacht zu ergeben. In einer der bewegendsten Szenen liest ein japanischer Offizier seinen Untergebenen einen Brief vor, liebevolle Nachrichten aus der Heimat, die eine Mutter ihrem Sohn im Felde geschrieben hat. Jeder der Japaner könnte so einen Brief erhalten haben doch dieser hier wurde in Oklahoma aufgegeben, der Adressat ist ein Feind, ein Amerikaner und seit ein paar Minuten tot. Spätestens an dieser Stelle verwandelt sich Eastwoods Kriegsspektakel in eine menschliche Tragödie.
"Letters from Iwo Jima" ist bislang der beeindruckendste Film im Wettbewerbsprogramm der Berlinale, doch er läuft außer Konkurrenz. Das Rennen um den Goldenen Bären ist noch offen.