Berlinale-Tagebuch Gefangenen-Kunst
Zum Glück gibt es auf dieser Welt noch ein paar Gesetze, auf die man sich fast 100-prozentig verlassen kann: Das Leben geht weiter. Der Ball ist rund. Männer sind Schweine. Oder: Der schlimmste Film im Wettbewerb ist immer ein Italiener. Zwar machen die Italiener auch sehr, sehr schöne Filme. Nur landen die seltsamerweise so gut wie nie im Wettbewerb der Festivals von Berlin oder Cannes. Das kann man für eine ganz gemeine Verschwörung halten oder aber für einen Akt der Barmherzigkeit. Dieter Kosslick nimmt eben die Filme bei sich auf, die sonst nirgendwo ein Obdach finden. Und das bei diesem Wetter! Haben wir also ein Herz für Saverio Costanzos spirituelles Drama "In Memoria Di Me".
Der Film folgt einem jungen Mann, Andrea heißt er und wird von Christo Jivkov gespielt, ins Kloster. Bei Gebeten und Lektürestunden will er innere Einkehr halten und hofft, dass ihm der ritualisierte Alltag und die Besinnung auf sich selbst aus einer tiefen Existenzkrise helfen. Doch die Gesichter der Mönche, Priester und Novizen, von denen er umgeben ist, sind kaum weniger abweisend als die kahlen, kalten Räume. Einmal, mitten in der Nacht, sieht Andrea, wie sein Zellennachbar den Kopf gegen die Wand des Flures wummert: der verzweifelte Versuch, eine Mauer des Schweigens zu durchbrechen.
Costanzo erzählt vom Terror der großen Stille. Das Geräusch eines startenden Flugzeugs oder einer wummernden Disco wirken wie Lockrufe aus dem Jenseits: dem pulsierenden Leben. Die Leinwand scheint fast zu explodieren, als draußen vor dem Kloster ein Feuerwerk abgefackelt wird. Doch leider erzeugt der Film den Eindruck von Monotonie mit monotonen Mitteln. Immer wieder zeigt Costanzo den kahlen Flur, an dem Andreas Zelle liegt, in den immergleichen Einstellungen. Hauptdarsteller Jivkov schafft es, so ausdruckslos zu gucken, dass man in seinem Gesicht bald nichts mehr entdecken kann als völlige Leere. Manche Filme nehmen die Zuschauer gefangen; dieser Film nimmt sie in Haft.
KZ-Häftlinge müssen Devisen fälschen
Dieter Kosslick ist in diesen Tagen der große Schließer, der uns alle einsperrt und dann den Schlüssel wegwirft. Denn neben "In Memoria Di Me" handeln noch zwei weitere Filme von Freiheitsentzug und Gefangenschaft: Stefan Ruzowitzkys Film "Die Fälscher" erzählt von einer Gruppe jüdischer KZ-Häftlinge, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von den Nazis gezwungen wurden, in Sachsenhausen Pfund- und Dollarnoten zu fälschen; Bille Augusts Gefängnisdrama "Goodbye Bafana" beschreibt die fast dreißig Jahre lange Haftzeit Nelson Mandelas (gespielt von Dennis Haysbert) im Südafrika unter dem Apartheids-Regime und von der Freundschaft Mandelas zu dem weißen Wärter James Gregory (Joseph Fiennes).
Beide Filme drehen sich um moralische Konflikte. Die Fälscher bei Ruzowitzky (unter anderem gespielt von Karl Markovics, August Diehl und Andreas Schmidt) wissen, dass sie den Nazis helfen, den Krieg weiterzuführen, wenn sie das Geld herstellen; tun sie es nicht, werden sie ermordet. Der Rassist Gregory bei August gewinnt immer mehr Respekt vor dem charakterstarken Mandela, der auf keinen Fall in eine Gesellschaft entlassen werden möchte, in der die Schwarzen weiterhin unterdrückt werden. Es geht also in beiden Filmen um Entscheidungen, die hinter Gittern getroffen werden müssen, um außerhalb der Gefängnismauern und Zäune ein Leben in Freiheit zu ermöglichen.
"Goodbye Bafana" trägt schwer an seinem Star
Bei Ruzowitzky, der seinen Figuren mit fiebrig-nervöser Kamera und in grobkörnigen Bildern auf die geschundenen Leiber rückt, kommt dieser Konflikt in der Mitte des Films an einen toten Punkt. Ständig tauschen die Figuren die gleichen Positionen aus, und weil sie nichts tun können, außer die Herstellung des Geldes zu verzögern, fehlt es dem Film an einem handlungstreibenden Element. Wenn dann schließlich aus heiterem Himmel ein Bündel frischer Dollarscheine auf den Tisch fliegt, ohne dass auch nur angedeutet würde, wie sie hergestellt worden sind, fühlt sich der Zuschauer selbst betrogen.
Die großartigen Darsteller, vor allem auch Devid Striesow und Martin Brambach in den Rollen von Nazis, tragen "Die Fälscher" über die Schwächephasen hinweg. Mit einem wild grimassierenden Joseph Fiennes, der jede zweite Großaufnahme zur Zumutung macht, hat Bille August da die weitaus schlechteren Karten. "Goodbye Bafana" trägt schwer an seinem Star und dem schauspielerischen Gefälle zu dessen Leinwandpartner Dennis Haysbert, dem es gelingt, mit sonorer Stimme, mimischem Minimalismus und außerordentlicher Wärme den Zuschauer zu rühren.
Wohin man auf der Berlinale also guckt: gefangene Männer. Jetzt läuft außer Konkurrenz auch noch Clint Eastwoods klaustrophobisches Kriegsdrama "Letters from Iwo Jima" über japanische Soldaten, die sich im Jahre 1945 auf einer umkämpften Pazifikinsel in Höhlen verstecken und gegen eine amerikanische Übermacht verteidigen. Hätte Kosslick nicht wenigstens einen Frauengefängnisfilm zeigen können?
Andererseits, wenn man sieht, wie sich Diane Kruger in "Goobye Bafana" in einen sehr uneleganten Büstenhalter zwängt, um die Rolle einer ewig quengelnden Hausfrau mit Leben zu füllen, spürt man: Als Frau im Klischee gefangen zu sein, das ist auch kein Vergnügen.