Berlinale-Tagebuch: Miesepeter hat abgedankt - DER SPIEGEL
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Berlinale-Tagebuch Miesepeter hat abgedankt

Blendende Wintersonne, strahlende Gesichter allerorten, Hoffnungsschimmer selbst in den düstersten Filmen und sogar ein lachender Spike Lee - die Berlinale, bei der früher oft der große Miesepeter regierte, ist nicht mehr wiederzuerkennen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Morgens um neun ist der Tag schon vorbei. Wenn sich die Journaille auf der Berlinale in die erste Pressevorführung schleppt, geht mit dem Gang ins Kino die Sonne, die sich gerade träge über die Stadt erhoben hat, schon wieder unter. Zwar hat man ein paar lichte Momente, wenn man zwischen den Vorführungen für kurze Zeit das Kino verlässt, doch wenn das Wettbewerbsprogramm meist erst am späten Nachmittag abgespult ist, herrscht draußen schon wieder Finsternis.

Das Festival ist für die Filmkritiker eines langen Tages Reise durch die Nacht. Als sie am Mittwoch den chinesischen Wettbewerbsbeitrag "Mang Jing" von Li Yang sahen, blickten sie folglich auf die Leinwand wie in einen riesigen Spiegel: Von Bergarbeitern, die nur unter Tage arbeiten, erzählt dieser Film und öffnete den Kritikern die Augen. Wohin man auch blickte, sah man nur Alter egos und hatte laufend Déjà-vu-Erlebnisse - gerade bei völliger Dunkelheit.

Man fühlte sich endlich einmal von einem Film verstanden, wenn zu Beginn die Kamera mit einem Aufzug in die Tiefe fährt und wie verzweifelt den Schacht hinaufstarrt, zu dem Lichtspalt, der immer kleiner wird wie ein verdämmernder Hoffnungsschimmer. Oder wenn der jugendliche Held am Ende aus der Tiefe zurückkehrt und die gleißende Sonne ihm die Sicht nimmt. Ja, nun kommt es ans Licht: Filmkritiker sind die Bergarbeiter des Kulturbetriebes. Sie steigen hinab auf jedes Niveau und schuften unter lebensfeindlichen Bedingungen verdammt hart, um noch im letzten Dreck etwas von Wert zu finden.

Li Yang findet in seinem Film hinter den schwarzen Gesichtern noch schwärzere Seelen. Zwei Bergarbeiter bringen unter Tage einen Kumpel um, den sie als Verwandten ausgegeben haben. Anschließend kassieren sie vom Minenbesitzer die Versicherung. "Mang Jing" zeigt, wie tief man in die Abgründe der Niedertracht hinabsteigen kann. Er erzählt lakonisch und deshalb sehr eindringlich von zwei Männern, denen das Leben anderer Menschen weniger wert ist als die Kohle in ihren Händen. Dann treffen sie auf einen Jungen, den sie für ein ideales Opfer halten. Doch von seiner bezwingenden Unschuld wird einer von ihnen beinahe wieder zur Güte verführt.

Schleuser sind auch nur Menschen

Der Wert des Menschenlebens wird auch im slowenischen Wettbewerbsbeitrag "Rezervni Deli" (Regie: Damjan Kozole) ständig taxiert und sinkt immer mehr. Manche Flüchtlinge, erzählt darin ein Schleuser, würden auf dem Weg nach Italien getötet und ausgeschlachtet: Für viel Geld könne man ihre Organe einzeln verkaufen. Während Li Yangs Film den Zuschauer in rauen, schroffen Bildern mit einer Rohheit und Gefühlsarmut konfrontiert, die an die Grundfeste der human condition rührt, will Kozole das Schaf im Wolfspelz entdecken: Schleuser sind auch nur Menschen, die leiden und sterben, sagt er und hat für die Opfer dann am Ende oft nur noch Seitenblicke übrig. Da fängt man an zu zweifeln, ob der Film sein Herz am rechten Fleck hat.

Die Berlinale ist in diesem Jahr in einem Metier ganz besonders erfolgreich, das bisher nicht zur ihren Stärken zählte: der Partnervermittlung. Es bilden sich immer mehr Paare wie "Mang Jing" und "Ersatzteile. Das amerikanische Musical "Chicago", das im Todestrakt einen Tanz auf dem Vulkan entfesselt, findet sein holländisches Gegenstück in "Ja Zuster, Nee Zuster", das den Bewohnern eines Altenheims Beine macht; "Good Bye, Lenin!", in dem ein junger Mann alles für seine sterbende Mutter tut, trifft auf "My Life Without Me", in dem eine sterbende Mutter alles für ihre Familie tut. Einsam und allein bleibt im im geschickt zusammengestellten Wettbewerb kaum ein Film.

"Lichter" von Hans-Christian Schmid führt fort, was Michael Winterbottom in "In This World" vorbereitete und Damjan Kozole in "Rezervni Deli" fortführte: Er erzählt von Flüchtlingen, die ihr Leben riskieren, um nach Westeuropa zu gelangen, und dabei oft erkennen müssen, dass das Licht am Ende des Tunnels ein Irrlicht ist. In allen drei Filmen sieht man Menschen, die auf Ladeflächen von Lastern oder im Kofferraum verstaut werden wie Gepäck - oft mit den schlechtesten, manchmal, wie in einer Episode in Schmids Film, auch mit den besten Absichten.

Schmid wird des Flüchtlingsandrangs allerdings nicht ganz Herr: "Lichter" bordet etwas über vor Figuren und Geschichten, lässt seine stärkste Episode (über einen Pleite gehenden Matratzenhändler in Frankfurt/Oder) vor lauter noch schwereren Schicksalen verkümmern und seine Stars August Diehl und Herbert Knaup so spät auftauchen, dass sie wie Störenfriede in dem wunderbaren, überwiegend mit weniger bekannten Darstellern besetzten Ensemble wirken. Das Glanzlicht, das der Film in seinen besten Momenten ist, flackert sehr.

Von Stunden, die gezählt sind, war bereits die Rede. So passt es, dass Spike Lee gegen Ende des Festivals seinen Film "25 Stunden" zeigt. Lee erzählt darin von einem Drogenhändler (Edward Norton), der vor Antritt einer siebenjährigen Haftstrafe seinen letzten Tag auf freiem Fuß verbringt. Der Regisseur, der mit seinem neuen Film in den USA einen Misserfolg verkraften muss, hier aber auf viel mehr Gegenliebe trifft (in Kritiker-Umfragen gilt der Film bereits als einer der Favoriten für den Goldenen Bären), war beim Empfang im Greenwich-Club in Mitte entsprechend gut gelaunt, locker und zugänglich. Das gewaltige Cocktailglas, mit dem er schwungvoll durch die Reihen tänzelte, widerlegte alle Vorurteile: Dieser Mann hat und versteht tatsächlich Spaß. Früher regierte auf der Berlinale Miesepeter der Große. Er hat nun endgültig abgedankt.