Berlinale-Tagebuch Stirb Brüderlein, stirb!
Geht's noch ein bisschen finsterer? Bisher konnte man im Berlinale-Wettbewerb Frauen unter schweren Depressionen dahinwelken sehen (in Stephen Daldrys "The Hours") oder einer jungen Mutter dabei zugucken, wie sie angesichts ihres nahen Todes tapfer und verwegen die allerletzten Dinge regelt (im kanadisch- französischen Melodram "My Life Without Me" von Isabel Coixet) - und alle Festivalbesucher wirken schwer beeindruckt und bedrückt und scheinen ganz vergessen zu haben, dass es auch ein Kino gibt, das die Zuschauerherzen in glückselige Raserei versetzt. Genau darauf haben es Regisseure aber derzeit offenbar nicht abgesehen, wie Patrice Cheréaus neuer Film mit lapidarer Genauigkeit belegt: So drastisch wie hier konnte man dem Tod im Kino schon lange nicht mehr bei der Arbeit zugucken.
Cheréaus Wettbewerbsbeitrag heißt "Son frère" (Sein Bruder) und spielt die meiste Zeit in einem Pariser Krankenhaus. Bruno Todeschini und Eric Garavaca spielen zwei Brüder, die Anfang dreißig sind und sich jahrelang aus dem Weg gegangen sind. Nun ist der Ältere durch eine rätselhafte Blutkrankheit geschwächt und bittet den Jüngeren um Beistand - und genau darum geht es die folgenden anderthalb Stunden: um Beistand im Zustand der Schwäche, ums schiere Da-Sein für den anderen, wo es echte Hilfe nicht geben kann. Cheréau zeigt den geschundenen Körper des Kranken, die Abszesse auf seinen Beinen und später seine frische Operationsnarbe; er zeigt, wie der Patient gegen die zuständige Ärztin wütet, die nicht wirklich weiter weiß, und wie er seine Freundin zur Verzweiflung treibt; und er zeigt, wie sich das Leben des gesunden kleinen Bruders allmählich verändert.
"Son frère" ist ein ziemlich wüster Film, der schon mal drei Minuten lang zwei Krankenschwestern dabei zuschaut, wie sie den Kranken für die Operation am ganzen Körper rasieren. Ein Film, der manchmal mehr verschweigt als er erzählt - dass der jüngere der Brüder schwul ist, könnte der Anlass für die Entfremdung der beiden gewesen sein, aber wer weiß? Zwischen den Krankenhaus-Szenen sieht man die beiden, wie sie an der Küste der Bretagne streiten, im Ferienhaus der Familie herumhängen, schließlich einander ihre Bruderliebe gestehen. Und das ist in all seiner Lakonie natürlich schwer pathetisch und ganz und gar großartig.
Tausendmal leichter wird da Claude Chabrol mit dem Tod fertig. Sein Film "La Fleur du Mal" ("Die Blume des Bösen") hat mit Baudelaire nur sehr entfernt zu tun und ist ein eleganter, auch sehr gemütlicher Krimi aus besseren Kreisen. Eine südfranzösische Großbürgerfamilie wird vom Fluch der eigenen Vergangenheit eingeholt, zwischen den Jungen gibt es eine pittoreske Bruder-Schwester-Liebe, zwischen den Alten herrschen Lügen und Gier. Es geht um die Kollaboration mit den Nazis, um einen doppelten Vatermord, um Rechtsradikale in Frankreichs Kommunalpolitik, um Inzest und überhaupt um Sex, Sex, Sex - aber in Wahrheit wirkt der mit grandiosen Schauspielern wie Nathalie Baye und einer sensationell zauberhaften jungen Frau namens Melanie Doutey besetzte Film, als nehme der Regisseur all das nicht besonders ernst. Tatsächlich feiert Chabrol die Schönheit der Interieurs, der Landschaft, der Menschen, ja die Pracht des Lebens - und das macht seinen Film nicht wirklich spannend, dafür aber die Zuschauer (zumindest mich) glücklich. "La Fleur du Mal" ist der heiterste Film dieser Berlinale (bis jetzt, und ich wette, es kommt kein heiterer nach), eine reine Augenweide.
Und noch eine kleine Tagebuch-Jubelkritik: Weil Dustin Hoffman die Berlinale-Gäste mit wunderbaren Showeinlagen, markigen Antikriegsreden und seiner umwerfenden Herzlichkeit blendend unterhalten hat, ist fast übersehen worden, dass der Mann in Berlin eigentlich einen Film vorgestellt hat. Der heißt "Moonlight Mile", spielt in den siebziger Jahren und erzählt eine seltsame Geschichte: Joe Nast (gespielt von dem ebenso gut aussehenden wie begabten Jake Gyllenhaal) ist mitten in der amerikanischen Provinz gelandet, wo er vorhatte, sein Mädchen zu heiraten und bei seinem künftigen Schwiegervater, einem Immobilienmakler (Dustin Hoffman) zu arbeiten - nur leider ist die Braut ermordet worden.
Sie wurde Opfer eines durchgeknallten Zufallstäters, weil sie im falschen Augenblick am falschen Ort war. Der Film schildert nun, wie Joe bei seinen verhinderten Schwiegereltern bleibt (die Schwiegermutter wird von Susan Sarandon gespielt), wie er seltsam teilnahmslos in den Seilen hängt - und wie nach und nach herauskommt, dass es mit der Liebe zwischen Joe und der Ermordeten nichts mehr war.
"Moonlight Mile", der in Berlin im Panorama gezeigt wird und nicht im Wettbewerb (weil er unter anderem schon in Toronto als Festspielbeitrag zu sehen war), machte viele Zuschauer ein bisschen wütend: Weil er eher die Unfähigkeit zu trauern zeigt als echte Trauer; vielleicht auch, weil er ein wenig schwelgerisch mit Siebziger-Jahre-Kolorit protzt (als wolle da jemand noch mal den "Eissturm" nachspielen) - am meisten aber, weil dem Film der Ruf vorauseilt, der Regisseur Brad Silberling habe darin selbst Erlebtes verarbeitet, da eine seiner Jugendfreundinnen ermordet wurde.
Ich halte das für völlig egal. Die Kraft dieses Films liegt gerade darin, dass er zeigt, wie Joe den Schmerz mal verdrängt und dann wieder von ihm gelähmt wird; wie er sich plötzlich neu verliebt und seinen Ersatzeltern das zunächst nicht erzählen will; wie die Eltern selber auf fast komische Weise mit dem Verlust ihrer einzigen Tochter nicht fertig werden. Okay, das Ende, bei dem alle dann doch irgendwie klar kommen, mag ein bisschen sehr versöhnlerisch sein; aber insgesamt ist auch und gerade "Moonlight Mile" ein kluger, herzerwärmender Film über den Tod. Und jetzt warten wir auf die ersten großen Spaßfilme dieser Berlinale.