Berlinale-Tagebuch: Sucht und Sehnsucht - DER SPIEGEL
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Berlinale-Tagebuch Sucht und Sehnsucht

Zerplatzte Träume am sechsten Berlinale-Tag: Italienische Gangster scheiterten an ihrer Gier nach Macht, australische Junkies an ihrer Heroin-Sucht. Der deutsche Beitrag "Sehnsucht" überzeugte mit einer Momentaufnahme aus dem tristen Beziehungsalltag in der Provinz.
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So ein Filmfestival ist schon ein Wechselbad der Gefühle. Morgens hetzt man unausgeschlafen und ohne wärmenden Kaffee im Magen zum Berlinale-Palast, um pünktlich um neun Uhr den ersten Wettbewerbsfilm in der Pressevorführung zu sehen. Kaum hat man schwitzend und berauscht von der eigenen Geschwindigkeit einen Platz ergattert, geht das Licht aus und man wird brutal entschleunigt. Merke: So rasant sich das Berlinale-Leben zwischen den Filmen gestaltet, so gemächlich und zeitverschwenderisch dümpelt es manchmal auf der Leinwand dahin.

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Berlinale: Der Stoff, aus dem Träume und Albträume sind

Umso hoffnungsvoller hatte man gestern auf die italienische Gangster-Ballade "Romanzo Criminale" gewartet, die einen Action-Schub im Defilee der kontemplativen Wettbewerber versprach. Inszeniert hat den "Kriminalroman" der inzwischen weißhaarige Schauspieler und Regisseur Michele Placido, einigen vielleicht noch bekannt aus der TV-Reihe "Allein gegen die Mafia". Mitgespielt hat der Commissario von einst in seinem Porträt einer Gangsterbande leider nicht, stattdessen versuchte er sich hinter der Kamera an einem Genre, mit dem Martin Scorsese und Sergio Leone Kinohistorie schrieben. "Romanzo Criminale" erzählt die Geschichte einer Bande kleiner Gangster, die sich in den siebziger Jahren zu den Unterwelt-Herrschern Roms aufschwingen - und an ihrer Gier nach Macht und Reichtum zugrunde gehen.

Dass man solche Milieu-Studien, die sich gerne über mehrere Jahrzehnte erstrecken, mit epischem Atem angehen muss, weiß der Kinozuschauer spätestens seit "Good Fellas" oder "Es war einmal in Amerika". Die hinreichende Länge (146 Minuten) hielt Placido ein, ansonsten ließ seine Banden-Saga jedoch viel zu wünschen übrig, unter anderem eine nachvollziehbare Handlung, eine dem Sujet angemessene Ästhetik und differenzierte Charaktere. Die schlimmen Jungs tragen zwar griffige Namen wie "Dandy", "Ice" oder "Libanese", wirklich kennen lernt man sie deshalb aber leider noch lange nicht. Statt seine Figuren glaubwürdig zu gestalten, versetzt Placido seinen Film lieber mit dokumentarischen Szenen über die Moro-Entführung, den Terror-Angriff auf den Bahnhof von Bologna und das Papst-Attentat.

So schrumpft der grandios angelegte Roman letztlich zum dokumentarisch aufgemotzten Groschenheft. Einziger Lichtblick ist die wunderschöne Jasmine Trinca, die leider nicht die weibliche Hauptrolle spielt (die ging an die Französin Anna Mouglalis), aber dafür demnächst in Nanni Morettis Berlusconi-Film "Caimano" zu sehen sein wird.

Seitensprung ins Zentrum der Angst

Während sich die aus armen Verhältnissen stammenden Gangster Roms vor allem nach Geltung und Einfluss sehnen, wünschen sich die Figuren in Valeska Griesebachs deutschem Wettbewerbsbeitrag "Sehnsucht" vor allem Abwechslung vom tristen Alltag - und einen Hauch Romantik. Der Film erzählt von einer Krise im Leben des Schlossers Markus, der um die 30 ist, in einem 200-Seelen-Kaff in der ostdeutschen Provinz lebt und seine Jugendfreundin Ella geheiratet hat.

Alles läuft gut, bis Markus auf einem Lehrgang der Freiwilligen Feuerwehr in einer größeren Stadt die Kellnerin Rose kennenlernt und fremdgeht. Die Rückkehr in sein altes Leben scheint unmöglich und die vormals festgefügte Struktur seines kleinen Glücks droht zu zerbrechen - vor allem an Markus' Unfähigkeit, seine Träume und Wünsche zu artikulieren.

Was sich banal anhört, entfaltet im Spielfilmdebüt der 37-jährigen Regisseurin ungeahnte Intensität. Griesebach recherchierte vor Drehbeginn ausgiebig die Lebensumstände und Befindlichkeiten 30-jähriger Paare im Raum Berlin-Brandenburg und besetzte ihren Film fast ausschließlich mit Laiendarstellern. Vor allem Andreas Müller (Markus) und Ilka Welz (Ella) sind beeindruckend authentisch: Man nimmt sie ihnen ab, die wortlose Sehnsucht nach Veränderung und Abenteuer, die sich dem verzweifelten Willen entgegensteht, das Gewohnheit gewordene Glück zu retten.

Anrührend sind die beiden, wenn ihnen schlicht die Worte fehlen, um dem anderen mitzuteilen, was der Beziehung im einförmigen Fluss der Zeit abhanden gekommen ist. Die Szene, in der Ella nach Markus' Rückkehr um Nähe buhlt und selbst beim Sex noch mit angstvoller Stimme betteln muss ("Schlaf mit mir"), ist ein schonungsloser Blick in deutsche Vorstadt-Schlafzimmer. Man kann nur hoffen, dass Griesebach hier dann doch dramatisch zugespitzt hat.

"Sehnsucht" ist ein kleiner und unaufdringlicher Film, der dem Zuschauer Raum für eigene Projektionen lässt - vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Allzu melancholisch gestimmt entließ er einen in das graue Berliner Festival-Wetter, das sich kurz darauf von seiner nieseligsten Seite zeigte.

Harter Stoff, schöne Darsteller

Wenig amüsant, dafür jedoch etwas weniger dokumentarisch-karg, kam auch der dritte Wettbewerbsfilm des Tages daher. "Candy", die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Luke Davies, beschreibt den unaufhaltsamen Verfall eines heroinabhängigen Pärchens. Auch der Film des renommierten australischen Theater-Regisseurs Neil Armfield kann sich vor allem auf seine hervorragenden Darsteller verlassen.

Gespielt werden die total verliebten, aber eben leider auch verdammt abhängigen Junkies von "Brokeback Mountain"-Star Heath Ledger und Abbie Cornish ("Somersault"), die in ihrer Heimat bereits als neue Nicole Kidman gefeiert wird. Verschwitzt, mit dunklen Augenrändern geben sie die jungen und hoffnungsvollen Lover Dan und Candy, die das Leben gemeinsam meistern wollen, aber letztlich vor die Hunde gehen.

Regisseur Armfield beschrieb das übergreifende Thema seines Films auf der anschließenden Pressekonferenz als Spiegel der in unseren Zeiten vorherrschenden Obsession, jede erlebte Lust und Freude möglichst ins Absolute zu steigern - um jeden Preis. Heroin als Medium der hedonistischen Ekstase also; Sucht als Spiegel und Zerrbild transzendentaler, ewiger Liebe, die vor der gleichzeitigen Vernichtung des Körpers nicht Halt macht.

Das intensive, letztlich aber nicht überragende Ensemblestück, hat immer dann seine besten Momente, wenn es die hermetische Welt der Süchtigen verlässt und den selbstzerstörerischen Wahnsinn der Berauschten an den Ängsten und Sorgen ihrer Eltern bricht. Und natürlich sehen die schönen Jungstars Ledger und Cornish auch als kunstvoll abgewrackte Süchtige nicht elend genug aus, um wirklich zu schockieren. Dennoch gibt es ergreifende Szenen, etwa wenn Dan und Candy auf einer Matratze tagelang den kalten Entzug durchleiden oder sich nach Candys Fehlgeburt an ein totes Baby klammern.

Heath Ledger wurde auf der Pressekonferenz gefragt, warum er sich in letzter Zeit so extreme Charaktere aussuchte - vom irren Bruder Grimm über einen schwulen Cowboy bis hin zum glasig schauenden Fixer. So richtig wollte er sich auf die Frage nicht einlassen: "Je härter das Thema, desto mehr Spaß hatte ich", erklärte er - eine Regel, die manchmal auch für Kritiker gilt. Aber nicht bei jedem Film.