Bernardo Bertolucci: Der ewige Tango - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Zum Tode Bernardo Bertoluccis: Umsturz und Unterdrückung

Foto: Ernesto S. Ruscio/ Getty Images

Zum Tod Bernardo Bertoluccis Der ewige Tango

Ein gigantischer Film oder ein gigantischer Fehltritt? Weshalb das Skandalwerk "Der letzte Tango von Paris" Bernardo Bertolucci bis zum Tod verfolgte - und progressiv und repressiv oft nah beisammen liegen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Musik war schon lange verklungen, aber der Tango nahm einfach kein Ende. Es ist der Film, der Bernardo Bertolucci in sein Grab verfolgte. Verfolgen musste. Ein gigantischer Film. Und ein gigantischer unbeglichener Haufen Schuld. Am Anfang stand die Utopie einer absoluten Freiheit, am Ende die brutalste Form der Unterdrückung: die von einem Mann erzwungene Verfügbarmachung der Frau.

Der Marxist Bertolucci wollte 1972 mit der "Letzte Tango von Paris" einen Raum schaffen, der frei sein sollte von allen gesellschaftlichen Konventionen und Repressionen. In seinen vorherigen Filmen, etwa dem Aktivisten-Bildungsroman "Vor der Revolution" von 1964 oder dem Drama "Der große Irrtum" über einen Mitläufer des Faschismus aus dem Jahr 1970, erzählte er sehr konkret über Umsturz und Unterdrückung. "Der letzte Tango von Paris", beim Dreh war Bertolucci gerade mal 31 Jahre alt, sollte nun extrem abstrakt sein. Und zugleich extrem sinnlich.

Das Szenario: Ein älterer, fast geschichtsloser Amerikaner und eine junge, fast geschichtslose Französin wälzen sich betrunken zwischen Tango-tanzenden Paaren auf der Tanzfläche und geben sich in einer Rumpel-Mansarde dem Eros hin. Es geht um das Kaputtmachen von Konventionen, es geht um das Zerstören von Machtstrukturen. Der Amerikaner wird vom 48-jährigen Superstar Marlon Brando gespielt, die Französin von der 19-jährigen unbekannten Schauspielerin Maria Schneider - und das ist leider schon mal ein Machtgefälle, das die Strukturen, die überwunden werden sollen, eher bestätigt als zerstört.

Fotostrecke

Zum Tode Bernardo Bertoluccis: Umsturz und Unterdrückung

Foto: Ernesto S. Ruscio/ Getty Images

Dann die Szene mit der Butter: Der Amerikaner überwältigt die Französin, schmiert ihren Anus mit Frühstücksbutter ein, vergewaltigt sie, während er schnaufend auf ihr liegt und marxistische Maximen über bürgerliche Familienstrukturen und kapitalistische Lügen von sich gibt. Angeblich soll die Idee zum Film einem Traum von Bertolucci entsprungen sein, in dem er eine fremde Frau in einer fremden Stadt liebt.

So gesehen bietet "Der letzte Tango von Paris" interessante Einsichten über den Typus des revolutionären Mackers, über Links-Sein und Sexismus, über die ewige Wiederkehr der ausbeuterischen Geschlechterverhältnisse in ihrer angeblichen Überwindung. Ziemlich krank, ziemlich ehrlich.

Der männlichen Lust und Darstellungslust untergeordnet

Perfide unehrlich war jedoch der Entstehungsprozess der Szene: Bertolucci und Brando dachten sie sich am Morgen vor dem Dreh beim Frühstück aus, weihten aber Schneider nicht ein. Angeblich wollte Bertolucci so ihren authentischen Schock über die improvisierte (simulierte) Vergewaltigung einfangen. Schneider wurde als Schauspielerin verfügbar gemacht, sie wurde als Frau der männlichen Lust und Darstellungslust untergeordnet.

2013 hatte Bertolucci die Entstehungsgeschichte bei einer öffentlichen Veranstaltung vor laufender Kamera preisgegeben, 2016 machten die Aussagen dann eine größere Runde um die Welt, die Schauspielerin Jessica Chastain rief zum Boykott auf. Im #MeToo-Jahr 2018 wurde die Art des Drehs von "Der letzte Tango von Paris" dann als Paradebeispiel für den im Filmbetrieb fest eingebuchten Sexismus angeführt. Schneider starb 2011, Bertolucci fühlte sich zu Recht schuldig.

Er gehörte zu einer Generation von hochpolitisierten Regisseuren, die mit dem Filmemachen die gesellschaftlichen Zustände benennen und ändern wollten, etwa mit dem fünfstündigen Revolutionsdrama "1900" aus dem Jahr 1976. Und er gehörte zu einer Generation von Selbsterkenntnishunger getriebener Auteurs, die psychoanalytisch zum Kern von Lust und Angst vorstoßen wollten, etwa in dem opernhaften Inzestdrama "La Luna" von 1976. Dass hinter der progressiven Absicht oft ein repressiver Geist zum Vorschein kam, eben wie in der Butter-Szene, verlieh Bertoluccis Filmen oft eine Wahrheit auf zweiter Ebene. Eine grausame Wahrheit.

Kleines Kammerspiel, große Kunst

Abbitte hatte Bertolucci bei Schneider vor ihrem Tod nicht mehr leisten können. Aber im Jahr ihres Ablebens begann er, der Titan des europäischen Arthouse-Kinos im Big-Budget-Format, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren monumentale Produktionen wie "Der letzte Kaiser" oder "Himmel über der Wüste" gedreht hatte, nach acht Jahren krankheitsbedingter Pause die Arbeit an einem kleinen italienischen Kammerspiel. Es wurde sein letzter Film: "Ich und Du", die Geschichte eines 14-Jährigen und seiner drogensüchtigen Halbschwester, die von allen gesellschaftlichen Zwängen befreit in einem Kellerloch hausen.

In vielerlei Hinsicht ist der Film eine Spiegelung von "Der letzte Tango": der enge Raum, die eigenen Regeln, die Hingabe zweier Menschen, der Glaube an eine private Art der Utopie. In einer zentralen Szene wird ebenfalls sehr eigenwillig getanzt, und zwar zu einer italienischen Version von David Bowies "Space Oddity".

Da ist so viel Zärtlichkeit im Raum wie in vielleicht keinem anderen Film des Gesellschaftsdeuters, der am Montag im Alter von 77 gestorben ist. Bertolucci, das war nicht nur der junge Mann mit der Butter. Sondern auch der alte Träumer.