"Amelia": Verfliegender Esprit
Biopic "Amelia" Mach den Abflug, Feministin!
Flugzeuge im Film. Schlimmer sind nur noch Autos. Rennfahrer auf der Leinwand, das sieht immer aus wie Sportschau. Und zu laut ist es auch. Wenn geflogen wird, denkt man: Reklame für TUI oder Lufthansa. Touristische Impressionen, der über die Landschaft streifende Blick und dazwischen immer mal wieder ein glückliches Gesicht, das sagt: Hier oben bin ich frei!
Wenn die Metaphorik zu offensichtlich ist, muss man ihr misstrauen. Dass zum Beispiel eine Frau sich von Rollenklischees ihrer Zeit losmacht und abhebt in jene Sphären, wo die soziale Zurichtung nicht mehr greifen kann, das ist einfach nur trivial. Es ist aber auch die Prämisse für Mira Nairs Nacherzählung von Amelia Earharts Leben.
Die 1887 in Kansas geborene Amerikanerin war die erste Frau, die den Atlantik überquerte, erst als Passagier, dann als Pilotin. So wurde sie zum Medienstar, das Land erkannte in ihr eine Galionsfigur für jenen Pioniergeist, den man in der aufziehenden Depression schon verloren gegangen glaubte. Man verehrte sie, was in gut kapitalistischer Logik immer auch heißt, man verwertete sie. Mit Earhart ließen sich Reisekoffer ebenso verkaufen wie Zigaretten. Reich wurde sie trotzdem nicht: Das Geld investierte sie in immer größere Flüge, am Ende startete sie zur Weltumrundung und ging am 2. Juli 1937 verschollen.
Flieg! Staun!
Die Stationen dieses Lebens übersetzt Nair in folgende Dramaturgie: Fliegen, staunen, Party besuchen. Ein bisschen mit dem Ehemann (Richard Gere) streiten, wieder fliegen, noch mehr staunen. Eine kurze Affäre haben mit dem Flieger und Unternehmer Gene Vidal (Ewan McGregor). Weiter fliegen. Staunen, bis sich die Augäpfel biegen. Am Ende: zähes Finale mit Flug über die bleierne Weite des Pazifik, während an den Rundfunkgeräten die Welt zittert. Wird sie es schaffen? Wird sie nach Hause kommen?
Wird sie nicht, man weiß das von Anfang an, und man findet's auch nicht wirklich schlimm. Weil das, was diese Film-Earhart (Hilary Swank) an drögen Gesellschaften und prätentiösen Konversationen über sich ergehen lassen muss, schon von der ersten Filmminute an unerträglich. ist. Irgendwann, am Ende des zweiten Akts, wenn Earhart beschlossen hat, mit einem Megatrip selbst Lindbergh wie einen Hobbyflieger aussehen zu lassen, wünscht man sich sogar in den goldenen Lichtkitsch der Flugszenen hinein, weil sie wie autogenes Training wirken. Wenn schon keine Agenda bebildert wird, kann man ja wenigstens Urlaubsvideo gucken.
Was aber hätte der Film denn zeigen sollen? Zum Beispiel die Verkoppelung von Technikbesessenheit, kommerziellem Kalkül und Feminismus, wie sie bestimmend war für Earharts Profil. Earhart, das ist bekannt, wollte einfach nur fliegen. Gefragt, weshalb sie unbedingt ein Flugzeug lenken wolle, antwortete sie: "Warum will ein Mann ein Pferd reiten? Aus Spaß." Ohne einen aufwendigen PR-Apparat waren ihre Expeditionen aber nicht zu haben; sie musste sich abrichten lassen zum Objekt des konsumistischen Blicks. Wie sehr sie die endlosen Fotosessions für Waffeleisen und Handgepäck womöglich gehasst hat, deutet der Film nicht einmal an.
Auch dass sie den US-amerikanischen Fortschrittsgeist verkörpern sollte und für Gene Vidal das telegene Aushängeschild abgab, ist für Nair nur eine Randnotiz. Die politische Dimension von Earhearts Wagemut wird der romantischen Idee geopfert. Die Pilotin hatte eine Affäre mit Vidal, und aus der Konstellation hätte man kritisches Potential schlagen können. Wie vertrug sich das: eine Abenteuerin, deren Idee von Innovation und Entgrenzung beinahe schon abstrakt war, und ein Unternehmer und Funktionär, der jenen Tatendrang immer gleich instrumentalisieren musste?
Verirrte Göre
Aber wie gesagt: Romantik. Earhart führte bekanntermaßen eine offene Ehe; das könnte man als Vermittlung konservativer und libertärer Haltungen sehen. Gemeinsam mit ihrem umfassenden Engagement für fliegende Kolleginnen hätte es Folie sein können für eine Annäherung an den feministischen Esprit der Zeit.
"Amelia" hält aber Kurs auf die entgegen gesetzte Richtung: Wenn die letzten Bilder sie beim Flug übers ozeanische Nichts zeigen, dann sieht sie aus wie eine unerzogene Göre, der dämmert, sie hätte auf Papi hören sollen, anstatt alleine loszuziehen. Die rigorose Entschlossenheit, mit der Earhart soziale, kulturelle und politische Grenzen ignorierte, sie wird mit diesen Bildern schlichtweg geleugnet.
So bleibt schließlich nur die Katalogversion einer mutmaßlich herausragenden Vita. Schade, dass sie keine Rennfahrerin war. Dann hätte man nicht so weit reisen müssen. Und schneller wär's auch gegangen.