"Black Box BRD" Männer mit Visionen
Terrorismus in Deutschland. Sechs Morde, die seit 1985 im Namen der Roten Armee Fraktion (RAF) verübt wurden, sind bis heute unaufgeklärt. Eines der Opfer heißt Alfred Herrhausen. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank wurde am 30. November 1989 mit seiner Limousine in Bad Homburg in die Luft gesprengt. Nicht weniger spektakulär ist der Tod des Terroristen Wolfgang Grams am 27. Juni 1993 auf dem Bahngelände von Bad Kleinen. Ein V-Mann hatte ihn und seine Partnerin Birgit Hogefeld aufgespürt. Bei der Festnahme flüchtet Grams, tötet dabei einen Grenzschutzbeamten, fällt mit dem Kopf ins Gleisbett und stirbt an einem aufgesetzten Schuss in den Hinterkopf. Hatte ihn ein Beamter im Affekt ermordet, hatte sich Grams selbst erschossen?
Zu viele Fragen und Unklarheiten. Nun stehen sich Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen in einem Dokumentarfilm gegenüber, der mehr liefern will als Stichworte und Fakten zur Korrektur der Geschichte. Stattdessen wirft Andres Veiel mühsam aufgespürte Puzzle-Teile zum Werdegang und Charakter der beiden Männer in seine "Black Box BRD": Fotos, Super-8-Material und die Erinnerungen von Familienangehörigen und Freunden. Keiner schont sich für diesen Film. "Black Box BRD" wühlt im Nährboden von Grams' und Herrhausens Idealen, zitiert die aufgeladene Stimmung vergangener Tage und offeriert letztlich Kontrahenten mit menschlichen Zügen.
Plötzlich ist der Terrorist nicht länger nur ein linker Killer, sondern der Junge mit dem absoluten Gehör, ein Grübler mit schauspielerischem Talent, der am Strand bekifft Frisbee spielt, ein Wehrdienstverweigerer, der Behinderte bis zu ihrem Tod begleitet. Und dann die US-amerikanischen Flieger vor der eigenen Haustür gen Vietnam starten sieht. Studentenproteste, die Verhaftung erster RAF-Mitglieder, ihr Hungerstreik, die Zwangsernährung - Grams zählt zum Sympathisantenkreis, sitzt einmal unschuldig 153 Tage in Untersuchungshaft. Er führt endlose Diskussionen mit seinen Freunden, die noch heute davon schwärmen. Als sich Grams jedoch für den bewaffneten Kampf entscheidet und 1984 in den Untergrund geht, können und wollen sie ihm nicht mehr folgen.
Auf der anderen Seite: Alfred Herrhausen, Jahrgang 1930. Fotos von seiner Zeit auf der NSDAP-Eliteschule. Sein Ehrgeiz wird vom Vater forciert. Mitarbeiter zeichnen ihn als energischen, rastlosen Mann mit unkonventionellen Ideen. Ein Neuer, ein moderner "Siegfried", der bei den Jungen schnell zum Sympathieträger wird: "Bei der Deutschen Bank zu arbeiten, war auf einmal mehr als ein Job", erinnert sich das Vorstandsmitglied Thomas R. Fischer und vermittelt, wie sich das Image der Bank unter Herrhausen auch für die Angestellten änderte: "Wir verdienen nicht nur viel Geld, wir tun uns auch noch honorig. Und wir reden darüber, das war neu. Irgendwie war es vorbei mit dem schlechten Gewissen." Doch als Herrhausen schließlich zu den mächtigsten Männern zählt, drängt er weiterhin auf Veränderung des Status quo. Brütet über der Entschuldung der Dritten Welt und stellt das Renditeprinzip der Bank in Frage. Den 68ern gefallen seine Ideen, seine Kollegen gehen auf Distanz.
Idealismus, Kompromisslosigkeit und Vereinsamung - die Parallelen zwischen Grams und Herrhausen sind überdeutlich. "Es war faszinierend, zu entdecken, was von diesem deutschen Idealismus bleibt und wie er sich an zwei vollkommen unterschiedlichen Punkten der deutschen Realität auswirkt", so Andres Veiel zu seinem mutigen Film.
"Black Box BRD". Dokumentarfilm, D 2001. Regie und Buch: Andres Veiel; Länge: 102 Minuten; Verleih: X Verleih (Central), Start: 24. Mai 2001