Blockbuster "Poseidon": Große Welle, kleine Wirkung - DER SPIEGEL
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Blockbuster "Poseidon" Große Welle, kleine Wirkung

Wolfgang Petersens "Poseidon" ist das vielleicht unnötigste Remake der Filmgeschichte, es sei denn, man steht auf digitale Wassermassen. In den USA havarierte der Blockbuster im großen Stil. Ist der klassische Katastrophenfilm ein Auslaufmodell?
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Katastrophen, das erkannte schon Immanuel Kant 1756 angesichts des Erdbebens von Lissabon, sind keine von Gott gesandten Strafen für arme Sünder, sie haben zumeist natürliche Ursachen und viel mit den weltlichen Verfehlungen der Menschen zu tun. Kant wusste, dass die Verwüstungen durch Beben und Flutwelle in der portugiesischen Hauptstadt weit weniger desaströs ausgefallen wären, hätte es nicht eklatante bauliche Mängel, politische Fehlentscheidungen und eine hanebüchene Siedlungspolitik gegeben. Dieser Erkenntnis des großen Aufklärers sollten vielleicht auch jene Produzenten folgen, die planen, einen Film über den Hurrikan Katrina zu drehen.

Vorbildlich könnten die frühen siebziger Jahre sein, die Hochzeit des amerikanischen Disaster Movies, in der die säkulare Haltung zur Katastrophe Konsens war. Filme wie "Erdbeben" und "Flammendes Inferno" (beide 1974) reflektierten immer auch die kulturelle und politische Lage - zum Beispiel Watergate und Vietnamkkrieg -, indem sie unschuldige Durchschnittsamerikaner (meist gespielt von den Topstars der Branche) Extremsituationen aussetzten.

Moralisch Oberwasser

Nur wer die größtmögliche moralische Integrität zeigte, wurde nicht von brennenden Balken erschlagen, fiel nicht in den Fahrstuhlschacht, hinab ins Bodenlose. Auf diese Weise versuchte das im Niedergang befindliche Hollywood, Filme erneut als Starvehikel zu designen. Unter der Oberfläche aus Suspense, Star-Power und Spektakel verbarg sich dazu die Sehnsucht nach Katharsis, die Beschwörung der guten alten amerikanischen Werte.

Ronald Neames "Poseidon Inferno" kam bereits Ende 1972 in die Kinos, als Watergate noch eine ominöse Abhör-Affäre war, die immer weitere Kreise zog. Dennoch finden sich auch in dem damals erfolgreichsten Film des Jahres schon jene Muster wieder, die zur Blaupause des Genres wurden. Die Story: Ein Ozeandampfer wird in der Silvesternacht von einer Riesenwelle überrollt und kentert, bis er kieloben im Wasser liegt. Eine Handvoll Überlebende bahnt sich einen Weg bis zu den Schiffsschrauben, um ins Freie zu gelangen. Einige schaffen es, viele nicht.

Gene Hackman spielt einen abtrünnigen Priester, der im Angesicht der Apokalypse wieder zu Gott findet und sich am Ende selbst opfert, um die anderen zu retten. Ernest Borgnine ist als miesgelaunter New Yorker Cop zu sehen, der schließlich sein großes Herz entdeckt. Und die große Shelley Winters, die sich 35 Kilo für die Rolle anfraß, ist mit einer walfischartigen Tauchaktion die wahre Heldin des Films.

Als Wolfgang Petersens "Poseidon" Anfang Mai in den USA in die Kinos kam, nannte ein Kritiker das 150 Millionen Dollar teure Spektakel zu Recht das sinnloseste aller Remakes. Denn der wasseraffine Deutsche ("Das Boot", "Der Sturm") fügt der auf dem Roman von Paul Gallico basierenden Story kaum etwas Neues hinzu. Sicher, die Anfangssequenz mit einer komplett am Computer errechneten Fahrt rund um das Schiff ist beeindruckend, ebenso wie die Monsterwelle, die angsteinflößend auf den Dampfer zurollt. Ansonsten gilt: Tricks haben noch keinen Film vor dem Untergang gerettet, zumal die animierten Wassermassen im Inneren des Schiffes ihre digitale Natur oft allzu deutlich offenbaren.

Gespart wurde dafür an den Darstellern. Während Ronald Neame über eine stattliche Anzahl Oscarpreisträger verfügte, setzt Wolfgang Petersen in seinem Remake konsequent auf B-Darsteller. Deutliche Botschaft: Hier ist die Technik der Star. Viel zu melden haben Josh Lucas, Emmy Rossum, Jacinda Barrett, Mike Vogel und Kurt Russell laut Drehbuch nicht. Am Ende des Abklapperns verschiedenster Gefahrensituationen (Wasser, Feuer, enge Luftschächte, rasende Schiffsschrauben, wieder Wasser) bleiben zwei weiße, heterosexuelle Pärchen im zeugungsfähigen Alter übrig, die Amerika nach überstandener Katastrophe wieder aufbauen könnten.

Die Natur des Terrors

An der US-Kinokasse ging "Poseidon" grandios unter. In zwei Monaten Laufzeit spielte der Film in den USA lediglich rund 60 Millionen Dollar ein. Die Pleite wird nicht nur an dramaturgischen Mängeln liegen, sondern auch an einem kulturellen Wandel: Das Genre Katastrophenfilm verlangt nach anderen Vorzeichen.

Wenn schon drastische Folterszenen in billigen Horrorfilmen an Abu Ghureib gemahnen und der reale Horror des 11. Septembers vielen noch vor Augen steht, liefern spektakuläre Schiffsuntergänge als Kinokulisse nicht mehr den nötigen Thrill. Die wirklich Furcht erregenden Wiedergänger der Disaster Movies in der Post-9/11-Ära werden eher jene Filme sein, die die katastrophale Wirkung des Terrorismus thematisieren.

Weil die Apokalypse der New Yorker Anschläge jedoch mit keiner gängigen Kinometapher abgebildet werden kann - weder mit Monsterwellen, noch mit Erdbeben oder Alien-Attacken -, liegt die Zukunft des Genres im Dokumentarischen. So durfte man Paul Greengrass’ naturalistisch inszenierten "Flug 93" bereits als Pendant zum Hijack-Thriller "Airport" betrachten. Oliver Stones "World Trade Center", der im Herbst in die Kinos kommt, könnte dementsprechend eine moderne Version des Wolkenkratzerdramas "Flammendes Inferno" sein.

"Poseidon", Wolfgang Petersens allzu originalgetreues Remake eines großartigen Genrefilms, schippert am Zeitgeist vorbei, als könnten 9/11 und Katrina kein dramaturgisches Wässerchen trüben.

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