Box Office Der Gibson-Effekt
Los Angeles/Hamburg - Damit hatte wohl niemand gerechnet: ein Film über die untergehende Maya-Kultur, komplett mit unbekannten Darstellern im Dialekt der Ureinwohner gedreht - damit kann man keine Kasse machen. Es sei denn, der Regisseur heißt Mel Gibson. "Apocalypto", die mit brutalen Szenen gespickte Flucht eines jungen Mayas durch den Dschungel, besetzte am vergangenen Wochenende den Spitzenplatz der amerikanischen Kino-Charts. Zwar brauchte er nur 14,1 Millionen Dollar, um den Animationsfilm "Happy Feet" zu verdrängen, aber die Überraschung ist perfekt.
"Es gab einen großen Neugier-Faktor", sagte Box-Office-Analyst Paul Dergarabedian der Agentur AP. "Ein Film über die Maya-Zivilisation war nie dazu auserkoren, ein großer Hit zu werden, schon gar keine Nummer eins, aber Disneys Strategie, Mel Gibson und den Film sehr eng zusammen zu vermarkten, hat sich ausgezahlt." Und das, obwohl - oder vielleicht gerade weil - Gibson vor wenigen Wochen wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen wurde und mit antisemitischen Äußerungen für einen Skandal sorgte. Doch nicht alles an "Apocalyptos" Erfolg ist pures Marketing. Die US-Kritiker gaben dem Film gute Noten und lobten abseits aller ideologischen Fragen Gibsons Talent, packende Action zu inszenieren. Dass Gibson nach allem Trubel um seine blutige "Passion Christi" nun erneut rassistische Tendenzen vorgeworfen werden , steht freilich auf einem anderen Blatt. Fest steht, dass die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences es schwer haben werden, Mel Gibson bei der Oscar-Verleihung im Februar zu ignorieren. Ein weiterer Oscar-Anwärter startete am Freitag in den USA, das Diamantenschmuggler-Drama "Blood Diamond" mit Leonardo DiCaprio und Jennifer Connelly setzte jedoch nur 8,5 Millionen Dollar um - Platz fünf. Erfolgreicher war die Romanze "The Holiday" mit Jack Black, Cameron Diaz, Kate Winslet und Jude Law (Deutscher Titel: "Liebe braucht keine Ferien"), die sich mit 13,5 Millionen Dollar Umsatz auf Rang zwei platzierte. Ein weiterer "Urlaubsfilm" debütierte mit 6,2 Millionen Dollar auf Platz sechs: "Unacompanied Minors" erzählt die Geschichte einer Gruppe Kids, die während der Weihnachtsfeiertage auf einem Flughafen festsitzen und Amok laufen.
Die Spitzenreiter der Vorwoche, Warners "Happy Feet" (12,7 Millionen Dollar) und Sonys "Casino Royale" (8,8 Millionen Dollar) landeten auf den Plätzen drei und vier. Die Umsätze waren eher mager. Im Vergleich zum Vorjahres-Zeitraum sanken die Ticketverkäufe um 25 Prozent.
In deutschen Kinos laufen "Apocalypto" und "Liebe braucht keine Ferien" erst am Donnerstag an, daher gab es am Wochenende eher wenig Veränderung unter den Topfilmen: Martin Scorseses "Departed: Unter Feinden" konnte ebenso wenig wie zuvor "Happy Feet" den Überfliegererfolg in den USA wiederholen. Laut "Blickpunkt: Film" behauptete sich beim deutschen Kinopublikum "Casino Royale" an der Chartspitze. Am dritten Wochenende wollten noch einmal rund 515.000 Besucher den neuen James-Bond-Darsteller Daniel Craig sehen.
"Departed", in den USA mit knapp 120 Millionen Dollar Umsatz auf bestem Wege, der erfolgreichste Film von Martin Scorsese zu werden, wurde hierzulande mit 422 Kopien gestartet und von rund 210.000 Besuchern gesehen. Das entspricht laut "Blickpunkt: Film" ziemlich genau den Startzahlen des vor knapp zwei Jahren mit 318 Kopien eingesetzten Scorsese-Vorgängers "Aviator", der mit 207.731 Zuschauern angelaufen war und insgesamt auf 1,1 Millionen Kinogänger gekommen war.
Platz drei ging an "Happy Feet" mit rund 170.000 Besuchern - ein Minus von knapp 20 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Der erste Aardman-Animationsfilm "Flutsch und weg", zweitbester Neustart der Woche, wurde mit 680 Kopien gestartet, brachte es aber auf gerade einmal 160.000 Kinogänger. Spürbar bergab ging es auch für die deutsche Komödie "Wo ist Fred?", für die am vierten Wochenende auf Platz fünf knapp 70.000 Tickets gelöst wurden.
Wenig Lust hatten die deutschen Zuschauer auf das religiöse Drama "Es begab sich aber zu der Zeit ...": 160 Kopien lockten nur knapp 10.000 Besucher. Insgesamt ging es mit der Besucherzahl abermals bergab: 1,5 Mio. Tickets wurden am vergangenen Wochenende in den deutschen Kinos gelöst.
bor/AP