Cannes 2015 Über sie werden wir reden
Eröffnet mit ihrem Film "La tête haute" das Festival: Emmanuelle Bercot
Foto: Cannes Film Festival/ Benni Valsson/ moddsNoch kennen wir den US-Schauspieler Karl Glusman höchstens aus dem B-Movie "Ratter", und noch kennen wir ihn vollständig bekleidet. Beides sollte sich nach "Love", dem neuen Film von Gaspar Noé, nachhaltig ändern. Glusman spielt darin einen Mann, der in eine Ménage-à-trois mit zwei Frauen verwickelt ist. Den Film als erotisch zu bezeichnen, dürfte untertrieben sein - das Poster ist zumindest wirklich explizit.
Noé, der vor allem mit dem Vergewaltigungsdrama "Irréversible" 2002 für einen Skandal an der Croisette gesorgt hat, hat bei "Love" wieder mit seinem angestammten Kameramann Benoît Débie gearbeitet, erstmalig aber in 3D. Mal sehen, ob die beiden wieder die Schockwerte ihrer vorherigen Arbeiten erzielen können.
Für Glusman dürfte der Film den Durchbruch markieren. Zurzeit dreht er mit Nicolas Winding Refn den Horrorfilm "The Neon Demon", vorher wird er noch in Roland Emmerichs Drama "Stonewall" über den Aufstand in der Christopher Street zu sehen sein. Bis die beiden Filme ins Kino kommen, dürfte Glusman aber erst einmal als der Mann gelten, der den freizügigsten Festivalauftritt der vergangenen Jahre hingelegt hat. Michael Fassbender wird ihm den Titel sicher gern abtreten.
Regisseurin Emmanuelle Bercot (r.) mit "La tête haute"-Star Catherine Deneuve
Foto: Hannibal Hanschke/ dpaWenn es um die Präsenz von Regisseurinnen geht, muss man in Cannes traditionell tief in die Archive steigen: Erst einmal in seiner mittlerweile 68-jährigen Geschichte hat ein Film von einer Frau das Festival eröffnet, 1987 war das "Un homme amoureux" von Diane Kurys. 2015 folgt nun endlich "La tête haute" von der französischen Schauspielerin und Regisseurin Emmanuelle Bercot. "Dass die Wahl auf diesen Film gefallen ist, mag angesichts der Regeln für die Eröffnungszeremonie überraschend erscheinen", hat Festivalleiter Thierry Frémaux gesagt. "Das spiegelt unseren Willen wider, das Festival mit einer anderen Art von Film, die mutig und bewegend zugleich ist, zu eröffnen."
Normalerweise legt Cannes viel Wert auf einen glamourösen Auftakt mit A-Prominenz auf dem roten Teppich. Wenn es sein muss, auch mit amerikanischer Blockbuster-Ware. Solange Regisseurinnen aber nicht große Budgets und große Stars anvertraut werden, hat das ihre Filme von dem prestigereichen Eröffnungsplatz ausgeschlossen. Dass die Festivalleitung nun vom Blockbuster-Prinzip abweicht und ein Sozialdrama über einen Jungkriminellen in der französischen Provinz ausgewählt hat, zeigt, dass hier ein tiefergehendes Umdenken stattgefunden hat.
Die zweite Frau, die nach Jane Campion die Goldene Palme gewinnt, kann Bercot aber nicht werden: "La tête haute" läuft außer Konkurrenz.
Natalie Portman zeigt ihr Regiedebüt "A Tale of Love and Darkness" in Cannes
Foto: © Danny Moloshok / ReutersWenn schon Regisseurin, dann bitte auch Schauspielerin: Wie Emmanuelle Bercot, die nebenbei auch die Hauptrolle im Wettbewerbsfilm "Mon roi" spielt, ist auch Natalie Portman mittlerweile doppelgleisig unterwegs. Die Oscarpreisträgerin ("Black Swan") zeigt in Cannes in einer Sondervorführung ihr Regiedebüt "A Tale of Love and Darkness". Das Drehbuch nach dem autobiografischen Bestseller von Amos Oz hat Portman selbst verfasst, gedreht hat die gebürtige Jerusalemerin Portman den Film komplett auf Hebräisch. Außerdem ist sie in der Rolle von Oz' Mutter Fania zu sehen. Sollte "A Tale of Love and Darkness" so sehr floppen wie das Regiedebüt von Hollywood-Kollege Ryan Gosling im vergangenen Jahr an der Croisette, könnte Portman also nicht umhin, das sehr persönlich zu nehmen.
Netflix-Programmchef Ted Sarandos wird über neue Verleihmodelle sprechen
Foto: © Gonzalo Fuentes / Reuters/ REUTERSEtliche Branchenexperten hatten "Beasts of No Nation", den neuen Spielfilm von "True Detective"-Regisseur Cary Fukunaga, im Wettbewerb vermutet. Doch das Drama über afrikanische Kindersoldaten taucht nirgendwo im offiziellen Programm auf. Liegt es vielleicht daran, dass sich der Streamingdienst Netflix die Vertriebsrechte gesichert hat und den Film parallel zum Kinostart als Video-on-Demand (VoD) herausbringen will?
In den USA ist der Streit um eine mögliche Konkurrenz zwischen Kino und VoD bereits in vollem Gange. Die vier größten Kinoketten haben bereits angekündigt, "Beasts of No Nation" zu boykottieren, da der Netflix-Deal die traditionelle 90-Tage-Spanne zwischen Kino- und VoD-Start unterlaufe. Perfektes Timing also für Netflix-Programmchef Ted Sarandos, um in Cannes über neue Vertriebswege und ihre Auswirkung auf die Finanzierung und Produktion von Filmen zu sprechen.
Sarandos, der sonst vor allem auf TV-Konferenzen und -Festivals auftritt, scheint auf eine kontroverse Debatte über Netflix' Vorstöße in den Filmbereich vorbereitet zu sein. "Wir freuen uns, während dieser bewegten Zeiten in Cannes zu sein und freuen uns auf eine offene und unterhaltsame Diskussion über unsere Industrie", hat er im Vorfeld verlautbaren lassen.
"Ich bin außerordentlich gerührt, Teil des Festivals in diesem Jahr zu sein", hat der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve gesagt, als bekannt wurde, dass sein Thriller "Sicario" für den Wettbewerb ausgewählt worden war. "Ich hätte nicht gedacht, dass er genommen wird. Die meiste Zeit rufen sie dich in allerletzter Minute an und sagen dir: 'Sorry, wir nehmen deinen Film nicht.' Dann weinst du."
Dass hier ein oscarnominierter Regisseur ("Die Frau die singt", 2010) spricht, hält man kaum für möglich, so bescheiden tritt Villeneuve auf. Tatsächlich hat er sich seit seinem Regiedebüt "Der 32. August auf Erden" (1998) sehr langsam in die internationale Festivalriege vorgearbeitet. Doch seit dem Doppelschlag "Prisoners" und "Enemy" von 2013 zählt Villeneuve zu den großen Kritikerlieblingen, denen auch noch Studiobosse und Stars vertrauen: Als nächstes soll er die Fortsetzung von "Blade Runner" drehen.
Vorher gibt Villeneuve aber noch sein Cannes-Debüt mit "Sicario". Emily Blunt spielt darin eine FBI-Agentin, die den Boss eines mexikanischen Drogenkartells zu Fall bringen soll. Wer "Prisoners" kennt, weiß: Was wie Hollywood-Dutzendware klingt, kann unter Villeneuves feinnerviger Regie zu einem aufreibenden Psychodrama mit überraschender Vielschichtigkeit werden. Aber ob es auch für eine Preis in Cannes reicht? Dass Villeneuve neben den zwei Palmen-Gewinnern Todd Haynes und Gus van Sant Nordamerika im Wettbewerb repräsentiert, ist in jedem Fall eine große Ehre für den schüchternen Québecois.
Forest Whitaker ist als Produzent gleich doppelt in Cannes vertreten
Foto: Gus Ruelas / REUTERSVom verschneiten Utah an die sonnige Croisette: Viele Hits des US-amerikanischen Indie-Kinos feiern erst ihre Premiere auf dem Sundance Festival, bevor sie in Cannes dem Weltpublikum vorgestellt werden. So geschah es letzte Jahr mit dem gefeierten Polizeigewaltsdrama "Fruitvale Station" und wird es dieses Jahr mit "Dope" und "Songs My Brothers Taught Me" geschehen, die beide in der Nebenreihe "Quinzaine des Réalisateurs" laufen werden.
Was "Fruitvale Station", "Dope" und "Songs" aber noch gemeinsam haben: Sie sind alle von Oscargewinner Forest Whitaker ("The Last King of Scotland") produziert worden. Whitaker ist zwar weiterhin als Schauspieler gut im Geschäft, doch mit seiner Produktionsfirma Significant Productions scheint er echte Herzensprojekte voranzutreiben. "Songs" ist das Spielfilmdebüt der chinesischstämmigen Regisseurin Chloe Zhao, das in einem Reservat in South Dakota spielt. Die Komödie "Dope" vom afroamerikanischen Regisseur und Autor Rick Famuyiwa über drei schwarze Teenager, die aus Versehen in ein großes Drogengeschäft hineingezogen werden, ist sogar der Abschlussfilm der "Quinzaine".
Da Whitaker die Erzählstimme von "Dope" ist, ist es aber noch zu früh, um zu sagen, dass man seine besten Filme daran erkennt, dass er erst im Abspann auftaucht.