Cannes-Bilanz: Die Batterien sind leer - DER SPIEGEL
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Cannes-Bilanz Die Batterien sind leer

Beim Festival in Cannes suhlten sich viele Regisseure im sozialen Elend ­ und ließen fürchten: Noch schlimmer als der Zustand der Welt ist der des Weltkinos.
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Doch, doch, es gab auch Lichtblicke im Kino ­ allerdings führten auch die beim weltweit wichtigsten Filmfestival geradewegs in die Hölle.

In den Schreckensjahren des Holocaust etwa spielt Roman Polanskis Film "The Pianist". Das Werk schildert den Kampf eines jüdischen Klavierspielers im Warschauer Ghetto gegen die Nazis, den Hunger und die Einsamkeit ­ und wenn der von Adrien Brody gespielte Held die Finger über den Klaviertasten schweben lässt, ohne sie zu berühren, wird sehr beklemmend spürbar, dass noch das schönste Geräusch diesen Mann das Leben kosten kann.

Durch die Gedankenwelt eines psychisch Kranken lässt der kanadische Regisseur David Cronenberg den Schauspieler Ralph Fiennes in "Spider" geistern ­ und noch mehr als die sepiafarben zelebrierte Erinnerungsarbeit des Helden beeindruckt die Szene, in welcher der Direktor eines Irrenhauses eine zersplitterte Fensterscheibe wieder zusammenpuzzelt, weil in seinem Reich jede kleine Scherbe zum (Selbst-)Mordinstrument taugt.

Wer glaubt, dass das Kino ein Ort des Entertainments und der Illusion sei, an dem man für kurze Zeit die Wirklichkeit vergessen dürfe, der musste sich im Cannes-Jahr 2002 wie ein Aussätziger fühlen.

Offensichtlich hatten die Cannes-Organisatoren unter der Fuchtel des Festivalpräsidenten Gilles Jacob, 71, zum Wettbewerb um die Goldene Palme diesmal nur eine Sorte von Filmen zulassen wollen: solche, in denen die Kamera möglichst umstandslos auf die Geschicke der Elenden und Armen dieser Welt draufhält.

Mal zeigte der Iraner Abbas Kiarostami in "Ten" fast ausschließlich Aufnahmen aus dem Innern eines Autos und ließ vom schweren Los iranischer Frauen erzählen. Mal klemmten die Belgier Luc und Jean-Pierre Dardenne sich in "Le Fils" ins Genick eines Schreiners, dem sie in Wackelbildern bei der Arbeit zusahen.

Mal guckte der Chinese Jia Zhang-ke in "Unknown Pleasures" in die ausdruckslosen Gesichter Jugendlicher, die schwer damit beschäftigt sind, einander anzuöden.

Ein Film sei das Leben, aus dem man die langweiligen Teile herausgeschnitten habe, hat Alfred Hitchcock einst gesagt. Aus dem Rest machen Kinoregisseure offenbar mittlerweile Filme für Cannes.

Da wirkte der depressive Witz des unter Gedächtnisverlust leidenden Helden in "The Man Without A Past", dem neuen Film des Finnen Aki Kaurismäki, schon wie ein beherzter Befreiungsschlag. Und als geradezu geniale ironische Volte konnte gelten, dass der Amerikaner Alexander Payne im bittersüßen Altmännerdrama "About Schmidt" mal nicht seinen Star Jack Nicholson zeigte, sondern nur die spießigen Sammelfiguren, die auf dem Dach seines lostuckernden Wohnmobils wie auf einer Eisfläche hin und her schlidderten.

Insgesamt mussten sich die Gäste der abendlichen Galavorstellungen in Cannes in ihren maßgeschneiderten Anzügen und Roben oft fühlen wie beim Zoobesuch. Lauter arme Schweine waren da auf der Leinwand zu begaffen, im Käfig der Kunst ausgestellte Verlierer wie die Protagonisten der britischen Proletenpassionen von Mike Leigh ("All Or Nothing") und Ken Loach ("Sweet Sixteen"). Bei Loach sagt der junge, als Messerstecher gejagte Held am Ende den fast schon unerhört poetischen Satz: "Meine Batterien werden leer."

Im Bemühen, die Wirklichkeit an Wirklichkeitsnähe zu übertreffen, sackte vielen Filmemachern in Cannes diesmal auch die visuelle und erzählerische Ausdruckskraft auf Low-Energy-Stufe. Nur konsequent, dass mit "Bowling For Columbine" erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Dokumentarfilm am Wettbewerb teilnahm: Michael Moores Polemik spürte dem Waffenwahn der Amis und den Motiven der Schülermorde von Littleton nach.

Spätestens beim Stichwort Littleton ist klar, dass das gräuelsüchtige Weltkino sich in Cannes auch mit der Gewaltdarstellung und ihrer hässlichen Wirkung beschäftigen musste: Irgendwas in dieser Art hatte wohl der Franzose Olivier Assayas mit "Demonlover" im Sinn, dem am heftigsten gestylten Film des Wettbewerbs. Nur erwies sich dessen Handlung als derart wirr, dass selbst die Rätselfilme des diesjährigen Cannes-Jurypräsidenten David Lynch dagegen so transparent wirken wie die Kleider des Jurymitglieds Sharon Stone bei ihren abendlichen Auftritten.