Cannes "Code Inconnu" - Schwergängige Auseinandersetzung mit der Gegenwart
"Es ist für mich immer schwer bis unmöglich, jene doch seltsam komplex gewordene Sache', für die man eineinhalb Jahre lang den Großteil seiner Zeit und Energie verwendet hat, auf ein paar Absätze zusammenzukürzen." So lehnte der 1942 in München geborene Wiener Regisseur Michael Haneke die Bitte des Verleihers ab, einen Text für das Presseheft zu schreiben. Immerhin nennt er die "vordergründige Thematik"seines Films: Babylonische Sprachverwirrung, Kommunikationsunfähigkeit, Kälte der Konsumgesellschaft und Xenophobie.
Der Titel - "Code unbekannt" - spielt vordergründig auf das Passwort an, das man in eine Türanlage eingeben muss, um diese zu öffnen. In dem Film - der in unserer Gegenwart spielt - scheinen die Menschen den Zugang zueinander verloren zu haben, man redet aneinander vorbei und behält seine wahren Gedanken für sich. Begegnungen sind flüchtig und weit zerstreut: die Fäden der ineinanderverwobenen Episoden führen von Paris in den Kosovo, nach Rumänien und Afrika.
Bei der Schauspielerin Anne (Juliette Binoche) taucht der junge Jean (Alexandre Hamidi) auf, der Bruder ihres Freundes Georges (Thierrz Neuvic), der Fotos von den Kriegsgräueln im Kosovo macht. Jean hielt es auf dem Bauernhof seines Vaters (Sepp Bierbichler) nicht mehr aus. Unterwegs in Paris schmeißt er eine Papiertüte vom Bäcker achtlos in den Schoß einer bettelnden Frau (Luminita Gheorghiu). Der junge Schwarze Amadou (Ona Lu Yenke), Musiklehrer in einem Institut für Taubstumme (deren wuchtige Trommelmusik den Film begleitet), fordert ihn auf, sich bei der Frau zu entschuldigen. Es kommt zu einem Streit mit dem Ergebnis, dass die Polizei Amadou und die Frau verhaften. Sie wird nach Rumänien deportiert, und dann eine entwürdigende Reise zurück nach Frankreich unternimmt.
Wie in seinen früheren Filmen (auch "Benny's Video", 1992, und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls", 1994, sind hier zu nennen) zeigt der Moralist Haneke seine Figuren von der hässlichen Seite des Lebens. So sitzt zum Beispiel Anne in der U-Bahn und wird von einem jungen Araber angemacht. Sie schenkt ihm keine Aufmerksamkeit, was ihn aber nur noch anstachelt. Zum Schluss spuckt er ihr ins Gesicht und springt aus der im rechten Moment anhaltenden U-Bahn. Als Jean seinem Vater schreibt, dass er ihn verlässt, erschießt der im Stich gelassene Bauer das ganze Vieh im Stall.
Diese Anhäufung von unsympathischen Figuren und Aktionen löste bei einigen Zuschauern laute Buhrufe aus. Auch filmisch kommt "Code Inconnu" an die Kraft der früheren Filme des Regisseurs nicht heran. Doch mit einem diskussionswürdigen Beitrag zum gegenwärtigen Stand unserer Gesellschaft kann man in den Filmen Michael Hanekes hier und immer rechnen.