Cannes "In the Mood for Love" - Verpasste Chancen
Cannes - Wong Kar-wai ist dafür bekannt, dass er mit einer einfachen Idee anfängt und sie während der Dreharbeiten und beim Schnitt bearbeitet und verändert, bis fast nichts mehr von der ursprünglichen Idee übrig geblieben ist. Die beiden Hongkong-chinesischen Superstars Maggie Cheung und Tony Leung haben diese Erfahrung in Cannes bestätigt. Sie sprachen von den unendlichen Frustrationen und Schwierigkeiten, die sie mit dem Regisseur durchmachten - und von dem Glücksgefühl, dass sie mit ihm arbeiten durften.
Erst im Laufe dieses einjährigen Arbeitsprozesses entstanden das Thema und die Figuren, die man im Film erlebt. "In the Mood for Love" spielt im Shanghai-Viertel von Hongkong im Jahre 1962. Herr Chow (Tony Leung) und seine Frau sowie Frau Chan (Maggie Cheung) und ihr Mann beziehen gleichzeitig zwei kleine Appartements in zwei nebeneinander liegenden Wohnungen. Chows Frau und Frau Chans Mann, die wir nie zu sehen bekommen (wir hören gelegentlich ihre Stimmen, wenn sie mit dem jeweiligen Ehepartner reden oder telefonieren), sind häufig unterwegs. Mit der Zeit wird es Chow und Frau Chan klar, dass die beiden eine Affäre miteinander haben.
So verbringen Chow und Frau Chan immer mehr Zeit zusammen. Sie schlüpfen sogar in die Rolle ihres jeweiligen Partners und versuchen sich vorzustellen, wie die Affäre entstanden ist und wie sie reagieren würden, wenn sie den jeweiligen Partner mit der Wahrheit konfrontieren würden. Dabei wächst offensichtlich die Attraktion zwischen den beiden. Frau Chan ermutigt den Zeitungsredakteur Chow, Kung-Fu-Geschichten zu schreiben, und versucht es auch selber. Da die jeweiligen Vermieter alles mitbekommen und darüber tratschen, treffen sich die beiden heimlich wie Liebhaber, nur kommt es anscheinend nicht dazu.
Oder vielleicht doch. Ein paar Jahre später, nachdem die beiden sich - vielleicht - in Shanghai getroffen haben, hat Frau Chan ein Kind. Im letzten Bild sehen wir Chow in der Tempelanlage von Angkor Wat. Er spricht ein paar Worte gegen eine Wand. Wenn man Geheimnisse in ein Loch flüstert und das Loch wieder zumacht - so wird erzählt -, bleiben sie ewig erhalten. Wir wissen nicht, was er flüstert, doch es könnte das Bedauern über den Verlauf seines Lebens sein.
Wie in "Days of Being Wild" kehrt der 1958 geborene Wong Kai-wai hier an den Ort seiner Kindheit zurück. Es war eine Zeit, da man die Nachbarn kannte und jeder mit jedem über die Verhältnisse quatschte (Chris Doyles Kamera beobachtet die beiden, als würde man sie ausspionieren wollen). Nat King Cole war der Lieblingssänger von Wongs Mutter, und lateinamerikanische Rhythmen hörte man ständig im Radio. So lebt dieser Film von der Nostalgie, der Atmosphäre einer unwiederbringlichen Epoche und der traurigen Vorstellung, dass man das Leben vielleicht ganz anders hätte gestalten können.