Cannes Menschelnder Hitler
Cannes - Eva Braun und Adolf Hitler - oder, was es bedeutet, einen so deformierten, monströsen Menschen zu lieben: An dieses Thema hat sich der Russe Alexander Sokurow gewagt. Sein in deutscher Sprache gedrehter Film "Moloch" steht im Wettbewerb um die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes und hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Die private Geschichte im weltpolitischen Kontext ist wie eine Theaterfarce inszeniert. Mit vielen künstlerischen Mitteln erzeugt Sokurow Distanz zum menschelnden Diktator. Das macht es dem Publikum schwer, sich auf den Film einzulassen.
Ein Tag im Frühjahr 1942: Eva Braun, wie ein Vögelchen gefangen im goldenen Käfig einer Bergfestung mit grandiosem Blick über die Wolken, wartet auf Hitler, der hier gemeinsam mit Joseph und Magda Goebbels und Martin Bormann "entspannen" will. Das Zusammensein der Gruppe ist verkrampft lustig, stets geprägt von Konkurrenz- und Machtverhältnissen. Auch zwischen Eva Braun und ihrem ersehnten "Adi" gibt es keine Zärtlichkeit, Nähe ist dem Führer, der seine Rolle selbst im Privaten mit beinahe lächerlicher Beharrlichkeit inszeniert, unerträglich. "Ein Genie zu lieben, ist wie die Sonne oder den Mond zu lieben", sagt Eva Braun zu Magda Goebbels. Dennoch läßt Hitler es zu, daß Eva, sein "Patscherl", als einziger Mensch überhaupt ihm sehr persönliche Wahrheiten ins Gesicht sagen kann.
Der mit Deutschland koproduzierte Film Sokurows ist wie durch graue und braune Schleier gefilmt, die farblich ausgewaschenen Bilder sollen nicht echt, nicht realistisch wirken. Dialoge und Personen haben Bühnencharakter. Dabei sind viele Sätze und Marotten Hitlers und seiner Entourage historisch belegt. "Gerade die ganz absurden Dinge haben wir in Dokumenten und Aufzeichnungen gefunden", sagt der Regisseur.
Hitler in Unterhosen: Es gelingt Sokurow durchaus, die Banalität des Bösen auf die Leinwand zu bringen. "Der Ursprung des Nazitums ist militante Mittelmäßigkeit, in neuen Formen findet diese Haltung auch heute immer neue Energiequellen", sagte der Regisseur in Cannes. "Wenn wir das simple menschliche Antlitz des Nazismus nicht verstehen, werden wir nie verstehen, was sie politisch getan haben."