Cannes-Tagebuch: Alte Männer, altes Kino - DER SPIEGEL
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Cannes-Tagebuch Alte Männer, altes Kino

Im Festivalprogramm gibt es bislang viele müde Filme, die das Vorurteil zu bestätigen scheinen, dass das diesjährige Festivalprogramm vom Altmännerkino bestimmt wird.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Altmännerkino I

Asbachalt und superweise ist selbst der Film "Pau und sein Bruder" des erst 30-jährigen Spaniers Marc Recha, der im Wettbewerb um die Goldene Palme läuft: Ein junger Mann, der in Barcelona lebt, erfährt, dass sich sein lange verschollener Bruder umgebracht hat. Gemeinsam mit Mama fährt er in die Pyrenäen, um rauszukriegen, wie und wo der Gestorbene gelebt hat.

Ein Film wie eine Predigt: Es gibt unglaublich lange Einstellungen von Gesichtern und Bergwiesen, nur ganz wenige karge Dialoge und die frohe Botschaft, dass in jedem Abschied ein neuer Anfang wohnt. Im Klartext: Mama und Sohn finden im Gebirge je einen Menschen, mit dem sich zumindest für eine Weile das Bett teilen lässt.

Altmännerkino II

Michel Piccoli ist sehr pittoresk gealtert. Sein schöner Schädel wird zwar ein bisschen kahler, aber das maliziöse Lächeln, das der in Frankreich wie ein Heiliger verehrte Schauspieler gerne vorzeigt, lässt ihn gleich wieder sehr jugendlich wirken. Piccoli steht im Foyer eines Kinos im Scheinwerferlicht und gibt TV-Interviews über den zweiten Film, bei dem er selber Regie geführt hat. Der heißt "Der schwarze Strand" und läuft hier in der Reihe "Quinzaine des Realisateurs", die eigentlich junge Talente vorführen will. Leider ist Piccolis Film ein echtes Altmännerwerk: Edle Schauspieler spielen politisches Theater in staubigen Kulissen, reden von Folter, Unterdrückung, Freiheit. Ein Ausflug in die sechziger Jahre zu Peter Weiss, Pinter, Ionesco und Konsorten. Schon bei Drehstart museumsreif.

Das schadet Piccolis Ruf natürlich nicht: Gerade dass er nichts riskiert, macht diesen Film so ätzend langweilig. Im Wettbewerb ist Piccoli übrigens als Schauspieler zu sehen, in einem Film des über 90-jährigen Portugiesen Manoel de Oliveira. Wer dessen letzte beiden Werke gesehen hat, muss fürchten, dass auch in diesem Fall keine Verjüngungskur mehr anschlägt.