Cannes-Tagebuch: Echter Penis oder Plastik? - DER SPIEGEL
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Cannes-Tagebuch Echter Penis oder Plastik?

Amerikaner spielen beim Cannes-Festival zunehmend eine Außenseiter-Rolle - zumindest wenn sie Vincent Gallo heißen. Der US-Regisseur und Schauspieler sorgte mit einem abgefilmten Blow-Job für wildes Gelächter beim Publikum.
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Manchmal macht das Kino Wünsche wahr - und verwandelt sie sogleich in Alpträume. Hatte ich nicht gestern anlässlich des österreichischen Films "Struggle" behauptet, einsame Männer am Lenkrad eines Autos strahlten einen schönen Zauber aus? Und hatte ich nicht die Daumen gedrückt, dass "My Brown Bunny", die zweite Regiearbeit des immer etwas irre dreinblickenden amerikanischen Schauspielers Vincent Gallo, hoffentlich ganz irre wird?

Und? Was passiert? Gallos Zweistundenfilm erweist sich tatsächlich als ziemlich irre; und er zeigt zu etwa drei Vierteln einen einsamen Mann am Steuerrad, der quer durch die USA fährt. Es handelt sich um Vincent Gallo selbst, der ja mal als Model für Calvin Klein angefangen hat und auch mit 41 immer noch verdammt gut aussieht. Dieses entschlossene Kinn, diese strähnig verwuschelten Haare, der stechende Blick, der Kerl ist natürlich ein beneidenswertes Prachtexemplar von Mann. Seinen Film, der in erbärmlicher technischer Qualität mit wackliger Kamera gedreht ist, macht das leider auch nicht besser.

Einsame Männer am Steuer eines Autos, das vergaßen wir gestern zu sagen, haben nämlich meistens Kummer oder zumindest schwer am Schicksal zu tragen. Der einsame spießige Immobilienheini in "Struggle" zum Beispiel ist ein Masochist und darauf versessen, sich in einschlägigen Clubs quälen zu lassen. Der einsame Held namens Bud in "The Brown Bunny" ist offenbar mit seiner großen Liebe entzwei. Wir sehen ihn erst mit seinem Motorrad bei einem Rennen mitfahren. Dann verlädt er die Rennmaschine in einen großen schwarzen Van und wir werden Zeuge, wie er an einer Tankstelle ein wildfremdes Schulmädchen aufgabelt. Er bittet sie mit weinerlicher Stimme, mit nach Kalifornien zu kommen - und lässt sie dann doch stehen.

Es folgt ein kurzer Besuch bei den greisen Eltern seiner Ex-Freundin Daisy irgendwo auf dem Land. Man hat sich nichts zu sagen, die Eltern haben ewig nichts mehr von ihrer Tochter gehört. Also fährt der Held weiter. In einer kleinen Traumsequenz kriegen wir Daisy auch mal vorgeführt: Es ist die süße Chloé Sévigny. Na gut, die folgende Stunde sieht man durch die Windschutzscheibe gefilmte Straßenschilder und Landschaften, immer wieder nur den Asphalt der Straße und den Fahrer Gallo von der Seite oder von schräg hinten. Ansonsten passiert wenig. Einmal, kurz vor Chicago, läuft ein Gordon-Lightfoot-Song ("Beautiful"), als es draußen regnet. Einmal, in Las Vegas, nimmt der Held eine Nutte mit, kauft ihr aber dann doch nur Pommes und lässt sie wieder aussteigen.

Und wozu und warum das alles? Das erfährt man zuletzt in einem Hotelzimmer in Los Angeles. Da tritt Daisy endlich wieder auf, raucht ein bisschen Crack im Klo und nimmt dann für eine ausgiebige Oralsex-Szene den Penis des Helden in den Mund. Danach wird ein bisschen gewimmert - und bekannt gegeben, dass Daisy längst tot ist und der Held daran Mitschuld trägt.

Cannes gehört den Franzosen

Uff, schwer zu sagen, was dieser Film, der wie ein hilflos-sentimentaler Schuljungenstreich mit müder Schockeinlage wirkt, im Wettbewerb in Cannes zu suchen hat. Ist ein halbwegs realistisch vorgeführter Blow-Job auf der Leinwand echt noch der Rede wert? Und entschuldigt ein solcher Porno-Effekt den stümperhaften Rest des Films?

Während der Pressevorführung jedenfalls wurde schon nach der ersten halben Stunde hemmungslos gejuxt und gebuht. Hinterher rätselten viele Kollegen vor allem darüber, ob der Penis des Helden nun aus Plastik gewesen sei oder ganz und gar echt (Gallo sagte auf seiner Pressekonferenz am Mittwoch gut gelaunt, er habe die Szene total authentisch und ganz allein mit Sévigny gedreht). Es kann einem um Vincent Gallo, der stolz bekennt, nie ein Buch gelesen zu haben, und seinen Film vielleicht besser "Driving Me Daisy" hätte nennen sollen, fast Leid tun.

Andererseits ist es nett, dass Stars wie Gallo überhaupt noch nach Cannes kommen. Denn die Amerikaner, allen voran der Produzent Harvey Weinstein, schimpfen über das französische Festival und wollen keine wichtigen Filme mehr hier zeigen - das ist so was wie das Lieblings-Partytalk-Thema an der Croisette. So war's auch beim Empfang des Berlinale-Chefs Dieter Kosslick, der am Dienstagnachmittag in einem wunderschönen Garten vor einer abgeschabten Villa auf den Hügeln von Cagnes sur Mer (rund 20 Kilometer östlich von Cannes) Regisseure und Kinofunktionäre aus aller Welt bewirtete. Tatsächlich dürfte die Berlinale von der neu erweckten Abneigung der Amerikaner gegen die Franzosen profitieren, noch mehr aber das Festival in Venedig: Dort soll, so heißt es, im September das beste Wettbewerbsprogramm der letzten zwanzig Jahre aufgeboten werden.

Cannes dagegen hätte in diesem Jahr ohne den Dänen Lars von Trier, so lästern hier viele Fachleute, kaum echte Sensationen zu bieten. Von Triers "Dogville" führt denn auch die meisten Kritiker-Listen an und gilt als Top-Favorit für die Goldene Palme, "Dogville"-Star Nicole Kidman ist (obwohl schon wieder abgereist) die Königin des Festivals. Ansonsten müssen sich die Fotografen an internationale Prominenz wie Andie McDowell, Eva Herzigowa oder Liz Hurley halten, die auch schön anzusehen sind, aber nicht mit filmischen Großtaten von sich reden machen.

Festival-Oberguru Gilles Jacob und den Franzosen überhaupt - genügsam, allem Fremdem gegenüber hübsch gleichmütig und hemmungslos in sich selbst verliebt, wie sie nun mal sind - scheint das alles herzlich egal zu sein. Sie behaupten, das internationale Interesse am Festival sei mit 4000 angereisten Berichterstattern größer denn je. Angesichts der Sparbestrebungen allüberall in den Medien darf man diese Zahl aber stark anzweifeln. Sie zeigen im Wettbewerb - in der Konkurrenz und außerhalb - so viele französische Filme wie wohl noch nie. Mag Bertrand Bonellos Schocker "Tiresia" samt einer brutalen Augenausstech-Szene auch wütend verrissen werden, wen schert's? Zudem steckt bis auf drei oder vier Ausnahmen in allen für die Hauptreihe eingeladenen Filmen französisches Geld. Cannes gehört den Franzosen, heißt offenbar hier das Motto - und so feiern sie eben ihre eigenen Stars wie Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire und die Fußballerfrau Adriana Karembeu.

Okay, es gibt noch Meg Ryan, die in der Hauptjury sitzt, aber ansonsten ist auch auf dem roten Teppich vor dem Festivalpalast diesmal tout France in erstaunlicher und ein wenig beklemmender Weise unter sich.