Cannes-Tagebuch Ein Königreich für ein Pferd
Eigentlich, gestand Quentin Tarantino gestern in Cannes, hatte er an der Croisette ja schon alles erreicht. Mit seinem ersten Film "Reservoir Dogs" schaffte er es gleich in den Wettbewerb, und für "Pulp Fiction" nahm er 1994 die Goldene Palme mit nach Hause. Wie im Himmel habe er sich dabei gefühlt. Doch nun sei er noch eine Stufe höher geklettert. Wie? Höher als der Himmel? Was kommt denn da noch?
Im Trailer des Festivals, der aus dem Meer aufsteigende Treppenstufen zeigt, die schließlich im Himmel enden, erscheint über dem Firmament die Firma: "Festival de Cannes" wird eingeblendet. In der Hierarchie des Festivals kommt nach den Himmel die Jury. Da sitzt er also nun, der selbst ernannte Zeus von Cannes, Quentin Tarantino, und neben ihm die Aphrodite Emmanuelle Béart - sie und all die anderen Juroren, die sich nun auf dem Olymp des Kinos eingefunden haben, werden richten über die filmischen Taten und Untaten der Menschen.
Die Blicke der Filmemacher aller Länder richten sich also ebenso sehnsüchtig nach oben wie die der Figuren in Wolfgang Petersens Historienspektakel "Troja", das am Donnerstagabend im Festivalpalais seine Gala-Premiere feiern wird. Im Film werden die Blicke der Figuren allerdings nie erwidert - es gibt keine Götter in Petersens "Ilias"-Version.
Doch immerhin blickt der Film einmal mit Gottes Augen auf die Welt: Da fliegt die Kamera in großer Höhe über die Strände vor Troja, auf denen die Griechen mit ihrer Flotte soeben gelandet sind. Dies ist eine exakte Kopie der vielleicht spektakulärsten Einstellung der Filmgeschichte: In dem Kriegsfilm "Der längste Tag" (1964), der von der Befreiung Frankreichs im Sommer 1944 durch die Alliierten erzählt, fliegt die Kamera in ganz ähnlicher Manier über die Landungsstrände in der Normandie. Hier in Cannes, wo auf den vorgelagerten Inseln noch Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg von deutscher Wertarbeit zeugen, weiß man diese Anspielung gewiss zu schätzen.
Andererseits: Kommen die Griechen in "Troja" wirklich wie Befreier daher? Was soll's.
Immer wieder fallen Dialogsätze, die keinen Zweifel daran lassen, dass dieser Film nach Cannes gehört. So heißt es zum Beispiel einmal: "I must see Paris." Eine ausgemachte Unverschämtheit also, dass die Weltpremiere des Films bereits am letzten Wochenende in Berlin stattfand. Das Festival von Cannes, das jahrzehntelang für sich das Recht der ersten Nacht verlangte, schmückt sich in diesem Jahr mit einer deflorierten Braut.
Und bei der kopierten Einstellung in Petersens Film fällt man leider auch etwas vom Glauben ab: Die Schiffe und Soldaten sind nur Computeranimationen. 1964 hatte der Produzent Darryl F. Zanuck bei "Der längste Tag" noch Tausende von Statisten und Hunderte von echten Kriegsschiffen herbeigeschafft, um eine einzigartige Schlacht ins Bild zu setzen. Heute ist es dagegen leicht, ein Gott zu sein.
Freilich muss man sich, wenn man dann herabsteigt zu den Menschen, ein Loch in den Bauch fragen lassen. Pedro Almodóvar, der mit seinem neuen Werk "La mala educación" das Festival eröffnete, stand auf seiner Pressekonferenz fast anderthalb Stunden lang Rede und Antwort. Aber was soll man auch machen, wenn französische Journalistinnen Fragen in Essay-Länge stellen und einen dazu nötigen, sich Notizen zu machen, damit man am Ende auch nur eine Ahnung hat, was man vielleicht antworten könnte.
Almodóvar schrieb ganze Blöcke voll - und so schien jener Regisseur, der in den letzten Jahren lieber Selbstgespräche führte und diese dann veröffentlichte, statt Interviews zu geben, auf einmal auf die Seite der schreibenden Zunft gewechselt zu sein. Sein Film, der von der Beziehung zweier früherer Klosterschüler erzählt, hat im Vergleich zu seinen letzten drei Arbeiten einen deutlich schwächeren Pulsschlag - obwohl gerade er, so der Regisseur, besonders von Herzen kommen soll. "La mala educación, der weniger von Leidenschaften als von Missbrauch, Betrug und Manipulation erzählt, scheint den Nullpunkt der Gefühle zu suchen.
Ansonsten plapperte der iranische Regisseur Abbas Kiarostami in seinem bebilderten Ego-Trip "Ten on Ten" mit verblüffender Selbstgewissheit stramme Thesen über das Kino in die Kamera und ließ so nebenbei fallen, dass er prinzipiell immer die Wahrheit und nichts als die Wahrheit filme. Die Italiener besannen sich auf ihren Traditionen und ließen im Wettbewerbs-Beitrag "Le conseguence dell' Amore" (Regie: Paolo Sorrentino) den Helden von sonnenbebrillten Mafiosi in flüssigem Zement versenken. Und die französischen Filmschaffenden machten bisher vor allem auf den Straßen von sich reden - sie protestierten gegen die Verschärfung ihrer Sozialversicherungs-Konditionen. In Erwartung von Ausschreitungen sperrte ein Massenaufgebot von Gendarmen das Palais weiträumig ab.
Ein Kordon um den Bunker - das erwies sich dann doch als des Guten ein wenig zu viel.