Cannes-Tagebuch Fromme Lügen
Entweder tun sie's nämlich, weil ihnen leider keine ordentliche Story einfällt - das ist noch verzeihlich. Oder aber sie sind Überzeugungstäter - das ist meistens ganz schlimm.
"Hijack Stories" ist der Titel eines Films, in dem der weiße Südafrikaner Oliver Schmitz von der Gewalt in den Schwarzenghettos von Soweto und im Schwarzenkino erzählt. Die Geschichte eines schwarzen Schauspielers aus der Mittelschicht, der sich zu realen Gangstern aufmacht, damit er von ihnen lernt, sich auf der Leinwand wie ein echter Gangster zu benehmen. Ziemlich konstruiert das Ganze, aber mit viel Komik und Action inszeniert, weswegen man zunächst ganz gut unterhalten ist - nur leider geht einem der Regisseur mit seiner Moral zunehmend auf die Nerven: Du sollst das Leben nicht mit dem Kino verwechseln, predigt er seinem Helden und dem Zuschauer, und damit das auch der Dümmste begreift, gibt's eine Schlüsselszene über die gefährliche Vorbildfunktion von Kinogangstern. Da schießen dann die echten Kriminellen vor lauter Begeisterung über ein paar coole Filmgangster im dunklen Kinosaal mit echten Kugeln auf die Leinwand.
Naja, "Hijack Stories" läuft in der Reihe "Un Certain Regard" und wenigstens nicht im Hauptwettbewerb wie "Roberto Succo", in dem der Franzose Cédric Kahn ebenfalls einen Gangstermythos entzaubert. Den schönen jungen Mörder Roberto Succo gab es wirklich, er trieb in den achtziger Jahren sein Unwesen. Der grandiose, sehr jung an Aids gestorbene französische Dramatiker Bernard-Marie Koltés hat den Mörder Succo in seinem (auch in Deutschland gespielten) Theaterstück "Roberto Zucco" zum Todesengel verklärt. Der Filmregisseur Kahn aber will jetzt die reale Geschichte erzählen - und landet dabei leider sehr schnell in der pseudodokumentarischen Langeweile.
Wenn schon Aufklärung, dann bitte eine, die sich darüber bewusst ist, dass in jeder Wahrheit schon wieder eine neue Lüge steckt. Ebenfalls im Rahmen von "Un Certain Regard" zeigt die Hollywoodschauspielerin Jennifer Jason Leigh einen Film aus dem Leben der Hollywoodschauspieler. "The Anniversary Party", den Leigh zusammen mit dem Schotten Alan Cumming gedreht hat, zeigt Leigh und Cumming als Helden eines Ehedramas; zu den Mitspielern gehören Gwyneth Paltrow, Kevin Kline und Jennifer Beals. Der ganze Film spielt im Haus und im Garten eines Schauspieler-Anwesens in den Hügeln über Los Angeles und ist eine Mischung aus Robert Altmans "The Player" und dem Theater-Ehekriegsklassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Sehr lustig, sehr zynisch ist das - und bei aller Bekenntniswut bleibt doch immer klar, dass hier Schauspieler nicht von sich erzählen, sondern brillante Schauspieler Kunststücke vorführen.