Cannes-Tagebuch: Trauma und Traurigkeit - DER SPIEGEL
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Cannes-Tagebuch Trauma und Traurigkeit

Alte Bekannte an der Croisette: Bruce Willis imitierte muhend die Fotografenmeute, Aki Kaurismäki widmete sich erneut seinem Lieblingsthema - und Oliver Stone sorgte mit ersten Szenen aus "World Trade Center" für zugeschnürte Kehlen.
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Nach den Sex-Verrenkungen von "Shortbus" und den Delirien der missratenen "Southland Tales" kehrte am Sonntagnachmittag ein bisschen Ruhe ein. Nach fünf Tagen Festival, dessen Wettbewerbsprogramm bisher noch nicht so recht überzeugen konnte, sah man sich den außer Konkurrenz laufenden Dreamworks-Animationsfilm "Over the Hedge" an, froh, einmal 90 Minuten unbeschwert über die Abenteuer eines durchtriebenen Waschbären und seiner Kleintierbande in einem amerikanischen Hochglanz-Vorort zu lachen. Zwar betont der Sommerblockbuster, der in den USA am Wochenende erfolgreich angelaufen ist, allzu offensichtlich die unter Nagern, Stinktieren und Stachelschweinen hoch im Kurs stehenden Familienwerte und warnt mit grobschlächtiger Symbolik vor Fast Food. Am Ende des Films hatte man sich aber vom "Southland Tales"-Schock einigermaßen erholt.

Auch die anschließende Pressekonferenz sorgte für Heiterkeit. Dreamworks-Chef Jeffrey Katzenberg war gleich mit einer ganzen Armada von Stars angerückt. Merke: Kein Animationsfilm kommt heute noch ohne prominente Stimmen aus. Echte Schauspieler lassen sich einfach besser auf Festivals herumzeigen als CGI-Figuren. Neben Avril Lavigne, Bruce Willis und William Shatner war auch Altstar Nick Nolte nach Cannes gekommen und hatte am Vorabend ganz offensichtlich ein paar Cocktails an der Bar genommen. Da niemand etwas von ihm wissen wollte, nickte er prompt auf dem Podium ein. Kaum wieder wach, wurde er von einer Journalistin auch noch als "Chuck Norris" angeredet. Kurzum: Für Nolte, der in "Over the Hedge" einen großen, bösen Bären spielt, war es kein guter Tag.

So stellte sich später einzig Bruce Willis der wartenden Fotografenmeute, die den regelmäßigen Cannes-Gast mit aufmunternden "Bruce! Bruuuuuce!"-Rufen begrüßte. Mit professionell kaschierter Verachtung nahm der Actionstar und Waschbär-Sprecher die Herausforderung an und marschierte durchs Blitzlichtgewitter, indem er das Muhen der Meute mit ein paar Brocken Französisch nachmachte: "Bruuuce, Bruuuuce! Je suis Bruuuuce!" - Cannes, wie es lebt und lacht.

Armer Held, reich an Humor

Ein anderer Dauergast an der Croisette zeigte am Abend seinen neuen Film: Aki Kaurismäki war mit "Laitakaupungin Valot" angereist, was übersetzt in etwa so viel heißen soll wie "Licht im Morgengrauen". Tatsächlich aber sieht der arme Held des finnischen Regisseurs über knappe 90 Minuten hinweg fast durchweg schwarz. Janne Hyytiäinen, Darsteller des Losers Kostinen, sieht aus wie Alain Delon nach einer mehrjährigen Lebenskrise und spielt den armen, vom Leben gebeutelten Kaufhaus-Wachmann mit stoischer Melancholie.

Alles, was Kostinen will, ist eine Chance, aber stattdessen gibt es nichts als Rückschläge: Die Kollegen kennen ihn auch nach drei Jahren nicht beim Namen, die Bank verweigert ihm einen Kredit, und dann nimmt ihn auch noch eine verruchte Blondine aus, die ihm erst schöne Augen macht, es aber nur auf seine Schlüssel und Zugangscodes zum Warenhaus abgesehen hat.

Es ist zwar die immer gleiche Trauerkloß-Geschichte, die Kaurismäki ("Der Mann ohne Vergangenheit") hier erzählt, aber die resignierte Ruhe, mit der Kostinen Prügel, Verrat und Gefängnis hinnimmt, setzt einem auch diesmal zu. Außerdem gibt es alles, was man in Kaurismäki-Filmen zu schätzen gelernt hat: den dickflüssigen Kaffee, das andauernde Zigaretten-Qualmen und die langen, wunderschön komponierten Kamera-Einstellungen, in denen die ganze Tragweite der Tragödie konzentriert ist. Ein finnischer film noir mit viel Herz und Mitgefühl, der seinen Wettbewerbsplatz auf jeden Fall verdient hat.

Kinokrieger an der Croisette

Den eigentlichen Höhepunkt des Tages aber lieferte ein weiterer Cannes-Liebling: Festival-Chef Thierry Frémaux hatte Oliver Stone zu einer Sondervorführung von "Platoon" eingeladen. Das kanonische Kinowerk über den Vietnam-Krieg feiert dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum. Mitgebracht hatte der ewig umstrittene Filmemacher nicht nur die damaligen Darsteller Willem Dafoe, Tom Berenger und Charlie Sheen, sondern vor allem den ersten, 20-minütigen Akt seines neuen Films "World Trade Center", der im August anlaufen soll.

Die (An)-Spannung ist groß, zumal Stone ("Alexander") für seine zerquälten Kino-Provokationen und seine im Alter immer drastischer werdende Exzentrik mehr gehasst als geliebt wird. Ausgerechnet das enfant terrible der amerikanischen Filmemacher hat sich nun eines nationalen Traumas angenommen, der Katastrophe des 11. September. "World Trade Center" erzählt die Geschichte zweier New Yorker Polizeibeamten, die unter den Trümmern eines der beiden Türme verschüttet werden und auf Rettung warten.

Aller Argwohn gegenüber Stone zerstreute sich jedoch schnell: Die Fassungslosigkeit und das lähmende Entsetzen auf den Gesichtern der Polizisten, die am Morgen des 11. Septembers realisieren, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, überträgt sich direkt auf den Zuschauer. Mit zugeschnürter Kehle sieht man zu, wie sich die Beamten nach dem Einschlagen des ersten Flugzeugs durch das New Yorker Verkehrschaos immer näher an die qualmenden Türme des World Trade Centers heranarbeiten.

Nachhall des Schreckens

Die unmittelbare Nähe zum Geschehen ist auch der entscheidende Unterschied zu Paul Greengrass' 9/11-Film "United 93", der das Grauen mit seinen dokumentarischen Bildern einigermaßen in Schach hält. Wenn der Verleih plant, die Filmplakate für "World Trade Center" mit einer Warnung zu versehen, so spekuliert er genau auf diesen Effekt, den Stone perfekt zu setzen weiß. Geradewegs hinein in die Hölle aus umherwirbelnden Papierfetzen, Staubwolken und blutüberströmten Menschen wird der Zuschauer geführt; mit großer Suggestivität lässt Stone den Horror real werden: Als sich die Beamten im Nebengebäude WTC 5 ausrüsten, hört man dumpfe Schläge - es sind die Aufprallgeräusche derjenigen, die dem Inferno mit einem verzweifelten Sprung aus dem Fenster entkommen wollten.

Benommen verließ man den Festivalpalast und erschrak kurz beim Blick in den bereits dunklen Himmel: Ein Schwarm weiß leuchtender Möwen erinnerte für einen Moment an die wie Schneeflocken herabschwebenden Büropapiere aus dem World Trade Center. Vielleicht ist Stone hier - zwei Jahrzehnte nach "Platoon" - tatsächlich wieder ein großer Wurf gelungen. Zumal er seinem Thema treu bleibt: Wieder rückt ein Trupp Uniformierter im Dienste Amerikas in ein Kriegsgebiet ein, dessen Fährnisse noch nicht absehbar sind - nur Ort und Zeit sind verschoben. Das Schaudern blieb einem jedenfalls den Abend über erhalten - trotz schwüler Sommerwärme. Der kurze, sonntagnachmittägliche Moment der Ruhe, er war vorüber.