"Capote": Schriftstellers Sterbehilfe - DER SPIEGEL
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"Capote" Schriftstellers Sterbehilfe

Kunst kann verbrecherisch sein. Wer wusste das besser als der US-Schriftsteller Truman Capote, der die Geschichte zweier Mörder recherchierte und am Ende auf ihre Hinrichtung hoffte. "Kaltblütig" nannte er seinen Roman - und kaltblütig, im besten Sinne, ist auch Bennett Millers Film über den Autor.
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Die Verfilmung der Künstlervita ist immer problematisch, vor allem die des Autors. Bei Malern ist der kreative Akt unter Umständen expressiv, bei Musikern lässt sich zur Not - siehe "Walk the Line" - immer noch eine Nummernrevue aufbieten. Wie wenig dramatisch aber ist der Schreibprozess, dieses stille Aneinanderreihen sprachlicher Zeichen.

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"Capote": Verbrecherischer Kunstsinn

Foto: SONY PICTURES

Autoren sind Weltverschlinger, sie saugen die Wirklichkeit aufs Papier, ihre Existenz ist meist so aufregend wie ein Buchrücken. Wer dennoch einen Schriftsteller zum Leinwandhelden machen will, braucht einen Abenteurer; einen, bei dem das Schreiben nicht allzu sehr auf Kosten des Handelns geht. Warum also nicht Truman Capote? Er war exzentrisch, drogensüchtig, ein schwuler Dandy, der die New Yorker Schickeria der Sechziger mit Bonmots unterhielt wie einst Oscar Wilde das viktorianische London.

Seinen ersten Roman veröffentlichte er mit 17 - der Literaturbetrieb hatte ein Wunderkind, wie es sich besser nicht vermarkten ließ. Als Prosa-James-Dean belieferte er Cocktailpartys mit Smalltalk und den Markt mit leichter Kost wie der Manhattan-Posse "Frühstück bei Tiffany". Mit 35 dann begann er seine Recherche zu "Kaltblütig", dem Tatsachenroman über den Mord an einer Farmerfamilie in Kansas. Das Werk machte ihn weltberühmt, reich und zum Wegbereiter eines eigenen Genres: des sogenannten New Journalism.

Wirkliche Innovation

Ein neuer, harter und präziser Ton wurde angeschlagen: Autoren wie Norman Mailer und Tom Wolfe nutzten reale Begebenheiten für ihre Storys, vermengten Fakten und Fiktion und schufen damit die Blaupause für einen neuen Realismus. "Kaltblütig" war der Paukenschlag, mit dem diese Entwicklung begann, und Capote wusste, was er geschaffen hatte. "Es besteht also kein Zweifel, dass Sie mit diesem Buch Literaturgeschichte gemacht haben?", wurde er in einem Interview gefragt. "Ja, habe ich", war die Antwort.

"Capote" hätte leicht ein beflissener Rundgang durch die Kulissen der vielfach kolportierten Truman-Show werden können, eine dieser Künstlerhagiografien, die stets der Dramaturgie von Aufstieg, Fall und Läuterung folgen. Regisseur Bennett Miller und Drehbuchautor Dan Futterman haben Capotes Geschichte jedoch auf eine Reflexion des Verhältnisses von Kunst und Leben zugespitzt und dafür konsequent jenen Ausschnitt seiner Biografie gewählt, in dem dieser Konflikt am schärfsten deutlich wurde: der Entstehungszeit von "Kaltblütig".

Sechs Jahre lang pendelte der wirkliche Capote zwischen New York und der Ödnis von Holcomb, Kansas, hin und her und recherchierte. Hier hatten zwei junge Männer eine vierköpfige Farmerfamilie brutal ermordet. Die Beute belief sich auf 40,50 Dollar. Im Film besucht der Literat die beiden Männer erst im Gefängnis, dann in der Todeszelle und wohnt schließlich ihrer Hinrichtung bei.

Was für eine perfide Konstellation: Damit der Autor seine Geschichte zu Ende erzählen kann, muss es einen dramatisch konsequenten Schluss geben. Und so schmachtete Capote, der für die Delinquenten anfänglich bessere Anwälte finanzierte, am Ende ihrer Ermordung entgegen. Kaltblütig ist hier nicht nur das Verbrechen, sondern auch das ästhetische Verfahren: Damit das Sujet seine angemessene Form findet und sich die Motive zu einer Erzählung runden, muss ihr Gegenstand sterben.

Wurde die Gewalt, die von der Ordnung des Diskurses ausgeht, jemals so schonungslos ins Bild gesetzt? Die narrativen Muster, nach denen wir uns die Welt deuten und zugänglich machen, sie kennen keine Gnade, nur den Zwang zur Dramaturgie. Die Story ist wertlos, dass weiß Capote, wenn sie keinen Abschluss findet; ein Szenario des ewigen Aufschubs, in dem sich Sinn mehr und mehr verliert.

Der Terror des Textes

Philip Seymour Hoffman, heißester Oscar-Anwärter des Jahres, spielt den Autor deshalb weniger als moralisch Bedrängten, sondern als Opfer und Täter der Literatur. In bizarrem Näselton vor sich hin parlierend, stets elegant und dabei in koketter Weise melancholisch ist Hoffmanns Capote ganz Kunstfigur. Dieser Autor leidet, weil er keine Autorität hat über seine Kreation. Wenn Faktentreue zum Stilprinzip des Genres gehört, verwandelt sich die literarische Form in einen Fluch, die den Schreiber geißelt. (Dass Harper Lee (Catherine Keener), Capotes Jugend- und Literaturfreundin, vergleichsweise unbeschwert ihre Karriere absolviert, ist nur konsequent: Sie kann ihre Figuren ans Messer liefern wann immer sie will.) So gelingt es Millers Inszenierung, ein strukturelles Problem auf inhaltlicher Ebene anschaulich zu machen: dass der Plot immer auch eine Zurichtung, einen Abschluss, einen Tod bedeutet. To plot is to die, schrieb Postmoderne-Veteran Don DeLillo in einem Roman.

In den sechziger Jahren kam auch das Wort vom "Tod des Autors" auf. Die damalige Literaturtheorie meinte damit eine Emanzipation des Textes von seinem Verfasser, der nicht mehr als Souverän der Bedeutung des Werkes auftrumpfen, sondern verschwinden sollte. Ist der Schreibprozess abgeschlossen, sind Leser und Interpret am Drücker, der Autor hat ausgespielt. Capote ist am Ende tatsächlich gestorben, ein versoffenes Wrack, ausgelaugt und überflüssig gemacht von seinem Text.

Kaltblütig sind nicht also nur Killer und Autor, sondern auch die Kunst selbst, und Seymour Hoffman gibt in "Capote" dieser Einsicht auf beklemmende Weise Gestalt. Ein Verbrechen, würde man ihn dafür nicht mit dem Oscar ehren.

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