"Cecil B. DeMented" John Waters milder Amoklauf
Den Sprachwächtern ist es ein Dorn im Auge, dass vor allem amerikanische Filme hier zu Lande zunehmend unter ihrem Originaltitel anlaufen. Laut Statistiken der Kinoverleiher und betreiber wirken diese nämlich auf viele potenzielle Zuschauer immer noch abschreckend. Also wurde etwa der neue Jim Carrey-Film "Me, Myself & Irene" mit "Ich, beide & sie" übersetzt oder "Man On The Moon" als "Der Mondmann" eingedeutscht. Es blüht der Schwachsinn. Fällt unsicheren Marktstrategen einmal gar nichts mehr ein, wird eben gekoppelt: "Chicken Run Hennen Rennen" oder "Durchgeknallt Girl, Interrupted" soll dann keiner Zielgruppe weh tun.
Besonders übel ist es John Waters neuem Film "Cecil B. DeMented" ergangen: Der Titel wurde erst zu "Cecil B." verstümmelt, wohl um das englische Wort "demented" (wahnsinnig) zu eliminieren, dann aber mit dem englischen Zusatz "Real People. Real Terror" versehen. Darüber dürfte Waters allerdings schallend lachen. Denn damit ist empirisch bewiesen, worauf er in seiner Satire über Hollywood und das Kommerzkino zielt: In der Filmindustrie sitzen phantasielose Gleichmacher, die immer nur ängstlich auf das Portemonnaie des Publikums schielen.
Mit (gerade noch fiktiven) Titeln wie "Scream 4" oder "The Postman 2" an den Schautafeln der Kinos führt Waters sein Feindbild höhnisch bereits im Vorspann vor. Unter dem Motto "Movies in the Mall" wird als künstlerische Heuchelei mit "Patch Adams The Director's Cut" familiengerechtes Zelluloid-Opium gemolken. "Vertigo The Remake" prangert mit galligem Witz den Frevel an, dass immer wieder Klassiker ausgeschlachtet werden.
Hollywoods Allzweckwaffe in jeder Saison aber ist die "romantic comedy" ein politisch korrektes Gefühlssurrogat, das Menschen auf der ganzen Welt erheitert und rührt. Ein Star dieser seichten Spielart ist die alternde Zicke Honey Whitlock, grandios gespielt von Melanie Griffith, die schon für Woody Allens "Celebrity" ihren Berufstand persifliert hat. Während einer Benefizveranstaltung wird sie von einer Aktivistengruppe namens "Die Perforationslöcher" entführt. Der Anführer (Stephen Dorff) trägt Reiterhose, Stiefel und Pferdepeitsche und nennt sich Cecil B. DeMented nach Cecil B. DeMille, dem größenwahnsinnigen Regiediktator des alten Hollywoods. Ihre Heiligen haben sich die Terroristen auf die Arme tätowieren lassen, als seien sie bereit, für sie zu sterben: Preminger, Peckinpah, Almodovar, Pasolini, Fassbinder...
Die cineastisch korrekten Dogmatiker wollen Honey von einer Symbolfigur schlechter Filme zur Bannerträgerin eines "wahren" Kinos umerziehen. Sie vögeln und nehmen Drogen, die im Gutmenschen-Drama "Forrest Gump" verteufelt werden. Sie wollen echte Personen in echten Situationen und treten dafür mit echten Kugeln ein. Mit Kamera, Mikrophon und einer als Punk stilisierten Honey überfallen sie zum Schlachtruf "Fuck the studio system" Kinos, Produzententreffen und sabotieren die Dreharbeiten zu "Gump Again". Alles wird mit nur einem Take gefilmt. Aber als nicht nur die Polizei die Anarchisten zu stoppen versucht, sondern auch die Film-Gewerkschafter zurückschießen, wird die Truppe immer mehr dezimiert. Auf dem Dach eines Autokinos kommt es schließlich zum märtyrerhaften, exzessiven Showdown.
Waters erinnert hier auch an seine eigenen Anfänge. Damals hatte er nicht mehr als billiges Equipment und Leidenschaft. In den Siebzigern inszenierte er sich als Bürgerschreck, der in "Pink Flamingos" die Tabus und Sensationslust der Gesellschaft verhöhnte, indem er etwa seine Darsteller genüsslich Hundekot verspeisen ließ. Bei aller Verachtung für die Schemata der Traumfabrikanten spottet er nun aber ebenso über die Vertreter des Kunstkinos oder Verfechter vermeintlich authentischer Filme. Den eigenen Ruf als "Trash-Papst" oder "Kult-Regisseur" spart er dabei selbstironisch nicht aus. Denn ihre einzigen Sympathisanten finden seine Rebellen in Pornokinos ("An all anal evening") oder unter Fans von Karatestreifen. Dort hat sich selbst der schrille Spinner Waters nie gesehen.
Dennoch hetzt er letztlich nur wohlfeile Klischees aufeinander, die leider nie lebendig werden. Ein milder Amoklauf, mit dem Waters in den Perforationslöchern irgendwo zwischen Hollywood und Underground feststeckt.
"Cecil B. DeMented" (deutsch: "Cecil B. Real People. Real Terror"), USA 2000. Regie/Drehbuch: John Waters; Darsteller: Melanie Griffith, Stephen Dorff, Alicia Witt, Adrian Grenier; Länge: 87 Minuten: Verleih: Advanced; Start: 26. Oktober 2000