Charlton Heston: Moses im Dschungel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Charlton Heston Moses im Dschungel

Charlton Heston ist eine legendäre Heldenfigur des amerikanischen Kinos. Nun hat er mit 77 Jahren die Rolle einer besonders sinistren Figur übernommen: Im brasilianischen Urwald spielt der Altstar den untergetauchten KZ-Arzt Josef Mengele.
Von Matthias Matussek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohne vernünftigen Kaffee kann man weder Filme machen noch Krieg führen", sagt Charlton Heston, und während er in seinen Becher starrt, notieren die Reporter im "Tropical Inn" in Manaus nicht ohne Ehrfurcht: Kaffee!

Der Mann kennt sich aus, im Film und im Krieg, und was er sagt, klingt wie das elfte Gebot, in Stein gemeißelt. Auch wenn seine Triumphe auf beiden Schauplätzen schon eine Weile zurückliegen ­ diese Wagenrennen in römischen Amphitheatern und die Einsätze im Zweiten Weltkrieg ­, so viel steht fest: Damals wurde offenbar besserer Kaffee gemacht.

Noch immer hat er diesen kantigen Schädel mit der Heldenstirn und die blauen Moses-Augen darunter, die direkt ins Gelobte Land schauen können, und noch immer weiß man nicht, ob er lacht, wenn er lacht oder nur einen Stahlnagel zerbeißen will. Was wollt ihr wissen, Jungs?

Den Krieg natürlich. Also, sagt Charlton Heston, er hat die Terroranschläge von New York am Hotelfernseher in Chicago erlebt. "Ich war wütend, maßlos wütend", und in den Augen liegt jene Wehrhaftigkeit, die ihn als Präsidenten der Schusswaffenlobby National Rifle Association so unentbehrlich macht. Natürlich wird die Sache mit einem amerikanischen Sieg enden. "Die Guten werden gewinnen." Er bleckt die Zähne, und die Reporter schreiben mit: Die Guten gewinnen.

So viel zum Krieg. Nun zum schwierigen Teil, zum Film; wo es keine Guten gibt, die gewinnen könnten. Da ist er, schwer zu glauben, nur ein mieser Nazi-Rentner auf Kreppsohlen. Geht das?

Charlton Heston ist das Heldengebiss des amerikanischen Kinos. Er ist Moses und Ben Hur und äh ... Moses und Ben Hur und dieser Kerl aus "Planet der Affen" ­ und jetzt spielt er den alterswirren Josef Mengele. Die Frage ist: Wie kann er diesen Film nicht überragen als Charlton Heston?

Vor 15 Jahren hatte der Schriftsteller Peter Schneider eine kleine, eindringliche, umstrittene Erzählung geschrieben, die, montiert aus nachgelassenen Aufzeichnungen und Interviews des Mengele-Sohns Rolf, die deutsche Nachkriegsmetaphysik zum Thema hatte*: "Wir sind, wie immer wir uns dazu verhalten, die Söhne und Töchter der Täter, wir sind nicht die Kinder der Opfer."

Der italienische Regisseur Egidio Eronico, den Schneiders Erzählung "förmlich verbrannt" hat, trommelte zehn lange Jahre, um die 4,5-Millionen-Dollar-Produktion "Rua Alguem 5555" auf die Beine zu stellen. Gemeinsam mit Schneider schrieb er das Drehbuch. Eronico, der Autorenfilmer, ein sympathisch Besessener. "Es ist eine Geschichte über Väter, auch über meinen."

Die Welt hat sich in diesen zehn Jahren weitergedreht. Besetzungen wurden verworfen. Minetti, an den zunächst gedacht wurde, starb. Die Welt drehte sich weiter und mit ihr das unterschiedslose Morden, und jede neue Bestialität führt eine eigene Rechtfertigungsidee mit sich. Und die Generation der schuldigen Väter starb weiter und machte der Generation der abwesenden Väter Platz. Kurz: Zeitenthobener kann dieser Film gar nicht sein.

Wie kriegt man das Kreisen um geschichtliche Last, das in diesen Tagen kaum noch die Nerven strapaziert, in den öffentlichen Blick? Möglicherweise durch einen Coup wie diesen, der zunächst wie eine athletische Fehlbesetzung, ein gigantischer Missgriff aussieht: Charlton Heston spielt Mengele. Er selbst hatte den Regisseur angerufen, begeistert und bittend. "Ich will Mengele sein." Regisseur Eronico lächelt, eine Spur hinterhältig. "Plötzlich hat die Besetzung für mich Sinn gemacht." Auf zur Heldenzertrümmerung.

Für Heston muss es mehr gewesen sein als der Ehrgeiz, mit Gregory Peck und Laurence Olivier gleichzuziehen, die in "Boys from Brazil" und "Marathon Man" dämonische Mengele-Breitwand-Porträts geliefert hatten, denn das Drehbuch ist das Gegenteil von monumental. Es enthält nichts als eine Vater-Sohn-Geschichte, ein Kammerspiel im Urwald, das darüber hinaus von geradezu dokumentarischer Wahrheit ist.

Es gab dieses Zusammentreffen. Mengeles Sohn Rolf besucht seinen Vater 1977 in Brasilien, zwei Jahre vor dessen Tod. Diesen Mann, dem er nach dem Krieg an der Hand seiner Mutter auf Waldwegen bei Rosenheim begegnet war, und den er nur als dunklen Schatten in Erinnerung hat. Der bei einem Skiurlaub, Jahre nach der Flucht, als Onkel vorgestellt wird. Und der ihm später, als ihm die Mutter das Inkognito lüftet, hölzern-belehrende Briefe schreibt und ihn mit einem Geheimnis belastet, das er nie verraten wird.

Wie es ist, der Sohn eines Massenmörders zu sein, den die Menschheit verachtet ­ das versucht dieser Film zu erkunden. Es hätte spektakulärere Bearbeitungen des Mengele-Stoffs geben können. Ein Thriller über das Nazi-Netzwerk, das Mengele 1949 über den Brenner brachte. Über den Mann mit den 1000 Masken und Adressen, der die Protektion durch Perón in Argentinien genießt und durch Paraguays Stroessner.

Möglicherweise ein anklagender Film über den quälend geringen Fahndungseifer der deutschen Behörden oder das politische Kalkül Jerusalems, das ihn wieder von der Angel lässt, nachdem ihm Mossad-Agenten in Paraguay zum Greifen nahe gekommen sind ­ sie wurden 1960 abgezogen, weil Jerusalem nach dem Eichmann-Kidnapping nicht einen weiteren internationalen Skandal riskieren wollte.

Ein magenausstülpender KZ-Film wäre möglich gewesen: Mengele, eines jener blonden gebildeten Tiere, denen die Nazi-Ideologie die Lizenz zum Töten gab und die diese mit Lust nutzten. Ein gut aussehender Industriellensohn, Frauen verliebten sich in ihn. Er schätzte Brahms.

Der Mann, der in Auschwitz Lebende sezierte, schwangeren Frauen in die Bäuche trat, Neugeborene ins Feuer warf und Kindern in den Kopf schoss, wenn er wütend war, dieser Mann schrieb sentimentale Gedichte. Die gingen so: "Wo immer froh ein Vogel singt / singt er für einen anderen / Wo immer fern ein Sternlein blinkt / blinkt es für einen andern."

Was für eine verkrüppelte Innenwelt sabbert sich da aus? Das ist eine der Fragen, die den Sohn bewegen. Wer ist sein Vater? Er trifft einen störrischen Mann, verschlampt in einem Elendsquartier bei São Paulo, einen monologisierenden Alten ohne einen Funken von Schuldgefühl, und als er wieder abreist, ist es wie eine Flucht.

Wie es ist, Mengele zu sein? Hestons Antwort klingt zunächst enttäuscht: "Ich glaube, er war kein besonders interessanter Mensch." Es ist die Antwort eines Schauspielveteranen, der die großen Kaliber von innen kennt. Er hat ja nicht nur die guten Übermenschen gespielt, sondern auch die bösen. Dschinghis Khan, Heinrich VIII., Richelieu.

Letzteren hat er geliebt. "Ich habe keine Feinde ­ Frankreich hat Feinde." Was für Sätze! Und erst die der Shakespeare-Schurken, die er im Theater spielte, Richard III. oder Macbeth. Wie verkrümelt daneben der wirre Rassenschrott eines Altnazis! Kurz: Mengele sein ist eine Tortur!

Doch gleichzeitig ist dieser Mengele ein Vater, dem am Respekt seines Sohnes gelegen ist. Der um ein Zeichen der Anerkennung kämpft, der Zuneigung, vielleicht sogar der Liebe. Und hier scheint die Sache für Heston spannend zu werden. Wie kämpft einer um Nähe, der sich komplett verhärtet hat?

Er hat sich einen deutschen Akzent zugelegt, und mit dem schnarrt er plötzlich aus seiner Rolle heraus, als werfe er mit kantigen Steinen: "Ich habe dir gesagt, du sollst um drei Uhr zu Hause sein, pünktlich!" Das ist gänsehauttreibend, weil er es zu gut kann, und seine Augen glänzen triumphierend. Ahnt er, dass das alles gar nicht so weit wegliegt?

Und lässt er sich darauf ein? In dem Buch "What It Takes To Be A Man" hat Heston einst seinem Enkel erklärt, "was es heißt, ein Mann zu sein". Nämlich? Heston klingt plötzlich wie ein alter Gefangener, der die Zuchthausregeln kennt: "Sag stets die Wahrheit, halte deine Versprechen ein, sei der Beste." Genau das habe er schon seinem Sohn mitgegeben.

So klingen sie, die Eichenholz-Maximen der Vätergeneration, mit denen auch die Mengeles einst aufwuchsen. Maximen für Helden und Mörder. Ja, gerade die Schmutzigsten sprachen von nichts anderem als Geradlinigkeit, Sauberkeit.

Kurz: Da gibt es manche verblüffende Kontaktstelle zwischen amerikanischem Helden und deutschem Monster, und wenn es die ist, in den Überzeugungen felsenfest zu sein und stets ohne Zweifel Recht zu haben. Ahnt Heston, dass er sich da auf ein inneres Dschungelabenteuer eingelassen hat?

Am nächsten Tag, auf einer roten Piste im Wald, soll die Szene gefilmt werden, in der sich der Konflikt zwischen Vater und Sohn zuspitzt. Charlton Heston sitzt auf seinem Klappstuhl und kämpft mit der Hitze und den Moskitos und ist nach 40 Drehtagen fix und fertig. Und der junge Thomas Kretschmann kämpft mit den Auskünften über seine Rolle, die blond und blauäugig und jugendzornig sind.

Die Rolle des Mengele-Sohns schaffe ihm Gelegenheit, sagt er, "all diese richtigen Sätze" herauszubrüllen. Etwa, dass wir nie fertig werden mit dieser Geschichte und dass wir sie immer wieder neu erzählen müssen. Die brasilianischen Reporter nicken verständnislos. So viel ist klar ­ mit Fitzcarraldo hat das wenig zu tun, aber offenbar mit einer anderen Art von Wahnsinn.

Mittlerweile lebt Kretschmann, der 1983 aus der DDR floh und in Vilsmaiers "Stalingrad" seinen Durchbruch hatte, in Hollywood. Er will all die richtigen Sätze sagen, und der 77-jährige Superstar, der in seinem Klappstuhl in die brütende Hitze dämmert, am liebsten gar nichts mehr.

Wie es ist, mit ihm zu arbeiten? "Er ist diszipliniert, deutscher als deutsch", sagt Kretschmann nach einem Blick hinüber. Er träumt von den Rollen, die Heston bereits hinter sich hat. Leise sagt er: Heston sei ihm fremd. Er sei monumental. Er wolle geliebt werden ­ das alles helfe ihm in seiner Rolle als Sohn.

Kurz darauf steht er neben ihm im Wald und hört zähneknirschend seinen Monologen zu. Einen richtigen Wald will Mengele seinem Sohn zeigen, nicht diese bayerischen Weihnachtsbäume, sondern Baumriesen. "Seit Millionen von Jahren dieser Kampf, nur die Stärksten schaffen es und wachsen ins Licht."

Dann bramarbasiert der Alte über die Notwendigkeit von Rasse und Auslese und spielt auf einem mitgebrachten Kassettenrekorder Brahms. Kretschmann neben ihm ist wie eine tickende Bombe.

In der nächsten Einstellung wird er sich auf ihn stürzen, und er wird versuchen, Heston dabei nicht wehzutun, oder nur ein bisschen, denn auch Hollywood-Riesen können einem auf die Nerven gehen. Regisseur Eronico ist zufrieden, und Heston stöhnt: "Sind wir durch für heute?" Mengele bei 40 Grad, das verlangt einen ganzen Kerl.

Neben ihm steht Ben, ein Sicherheitsbeamter, der ihn durch die Welt begleitet. "Mr. Heston is a national treasure", sagt er, eine lebende Legende, und die wird er schützen. Sie steht für alles, was Amerika an sich feiert. Mut, Gottesfurcht, Geradlinigkeit, Heldentum.

Nun sitzt die Legende im brasilianischen Dschungel, wie bruchgelandet, um einem deutschen Massenmörder für einen mittelmäßig budgetierten Autorenfilm Stimme zu geben. Ben missbilligt das alles.

Und dann gibt es diese Begegnungen der dritten Art. Am Vortag sind sie in einer Drehpause alle den Amazonas stromaufwärts getuckert zur berühmten Ariau-Dschungel-Lodge, wo eine Plakette für Mr. Heston enthüllt wurde. Ein amerikanischer Tourist war dort auf ihn zugegangen und hielt ihm eine Puppe hin. "Die habe ich seit 40 Jahren" sagte er. Die Puppe zeigte Heston als Moses. Der Mann hielt die Puppe wie einen kostbaren Fetisch, wie einen Abwehrzauber gegen alles Böse in der Welt. Noch nicht einmal der Star selbst durfte sie berühren. "Und auf dem Rückweg", sagt Heston, "ging der Motor kaputt."

Was nimmt man nicht alles auf sich für einen späten Schauspieltriumph. Wäre schön, wenn jemand hingucken würde.

Wenn nur der Kaffee besser wäre!


* Peter Schneider: "Vati". Rowohlt Verlag; 62 Seiten; 9,90 Mark.