Christian Bale "Mein Bateman ist lächerlich"
SPIEGEL ONLINE:
Schauspieler tendieren generell zu Rollencharakteren, die ihnen nahe stehen. Wie identifiziert man sich mit einem Serienmörder?
Christian Bale: Von dieser Theorie halte ich nichts. Ich weiss, viele Kollegen sind verliebt in ihre Rollencharaktere. Ich kann damit nichts anfangen. Ich bin ein Schauspieler. Das bedeutet, ich muss dem Rollencharakter weder ähnlich sein noch mit ihm sympathisieren. Ich muss ihn nur so glaubwürdig wie möglich darstellen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist der Reiz, eine solche Rolle zu spielen und dabei brüllend, nackt und blutbeschmiert die Kreissäge zu schwingen?
Christian Bale: Dieser Patrick Bateman, den ich darstelle, erfüllt alle Kriterien einer Elite. Er ist perfekt gestylt, trägt Maßanzüge, hat die Aura eines Gewinners - das Produkt eines seelenlosen Kapitalismus. Und plötzlich entpuppt er sich als ein genauso seelenloses Monster. Für mich ist Bateman eine Art Dorian Gray des 20. Jahrhunderts. Das ist doch wohl eine Herausforderung, oder?
SPIEGEL ONLINE: Was genau hat Sie dabei am stärksten herausgefordert?
Christian Bale: Bateman ist keine reale Person. Er nennt sich selbst eine Abstraktion, inszeniert sich 24 Stunden am Tag selbst. Diese Multi-Levels sind es, die ihn so faszinierend machten: einen Charakter darzustellen, der sich selbst darstellt.
SPIEGEL ONLINE: Dazu gehört wohl auch die Rage, in die er sich angesichts der besser designten Visitenkarte eines Kollegen steigert. Wie geht denn Christian Bale mit Kollegen um, die ja wohl alle auch Kontrahenten sind?
Christian Bale: Ich bringe sie um, ist doch logisch. Wenn ich höre, dass mir jemand eine Rolle weggeschnappt hat, breche ich ihm zumindest die Beine.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten keine Angst, dass diese Rolle Sie auf einen bestimmten Typus festlegt, der dann Ihre Karriere behindert?
Christian Bale: Die Gefahr besteht durchaus. Aber es liegt an mir, dagegen zu steuern. Könnte ich keine anderen Rollen spielen, hätte ich eben diesen Typus verdient.
SPIEGEL ONLINE: Ihr walisischer Landsmann Anthony Hopkins hat ohne Karriereschaden zu nehmen eine ganz ähnliche Rolle gespielt...
Christian Bale: Richtig. Aber Hannibal Lector (in "Das Schweigen der Lämmer") war charismatisch, intellektuell und richtig furchterregend. Mein Bateman dagegen ist eher lächerlich. Eine schauerliche Witzfigur. Da ist die Gefahr weit größer für den Film, ebenfalls ins Lächerliche abzurutschen.
SPIEGEL ONLINE: In "Shaft" haben Sie dann wieder die Rolle eines Mieslings übernommen. Also doch type casting?
Christian Bale: Ich habe gleich nach "American Psycho" Jesus gespielt (in dem TV-Film "Mary, Mother of Jesus"). Gibt es noch größere Gegensätze?
SPIEGEL ONLINE: Ihre Karriere ist ohnehin ungewöhnlich. Als Kind spielten Sie die Hauptrolle in Spielbergs "Im Reich der Sonne". Was hat dieser frühe Erfolg für Sie bedeutet?
Christian Bale: Ich war damals 13 und hatte mich bis dahin kaum für Filme interessiert. Natürlich spürte ich all die Aufmerksamkeit, die meine Rolle auslöste. Aber gleichzeitig störte mich der Verlust meiner Anonymität. Ich sagte damals zu meinem Vater, ich wolle nie wieder vor einer Kamera stehen. Er fragte mich dann aber, ob mir denn die Schauspielerei Spaß machte und ich musste ganz ehrlich sagen: Ja. Also machte ich weiter, auf eine stille Art.
SPIEGEL ONLINE: Viele Kinderstars schaffen ja den Sprung ins Erwachsensein nicht.
Christian Bale: Weil sie eben "Kinderstars" waren. Weil die Leute sagten: Oh, ist der niedlich. Und wenn man dann plötzlich nicht mehr so putzig, süß und knuddelig ist, will kein Mensch mehr etwas von dir wissen. Bei mir war das nicht so. Ich war kein Star, sondern ein sehr junger Schauspieler. Deshalb war der Übergang möglich.
SPIEGEL ONLINE: Über Ihr Privatleben ist nicht sehr viel bekannt. Außer dass Sie in London und L.A. leben und ihre Frau Sibi Blazic in Las Vegas geheiratet haben. Verraten Sie uns doch mehr.
Christian Bale: Warum? Ich finde das unnötig. Im Gegenteil, ich finde das sogar kontraproduktiv. Ich genieße einen Film um so mehr, je weniger ich von den Schauspielern weiß. Denn dann werde ich nicht abgelenkt.
Zur Person: Christian Bale wurde am 30 Januar 1974 im walisischen Pembrokeshire geboren. Seinen Einstand als professioneller Schauspieler gab er auf diversen Theaterbühnen im Londoner West End, spielte unter anderem mit dem Komiker Rowan Atkinson. Nach seinem verfrühten Filmdebüt in Spielbergs "Im Reich der Sonne" wurde Bale durch seine Rollen in "Portait Of A Lady" (1996) und "Velvet Goldmine" (1998) bekannt. Derzeit arbeitet er zusammen mit Samuel L. Jackson an "Shaft's Return".