"Conamara" Verwegene Langmut
Gleich sein Abschlussfilm an der Berliner Film- und Fernsehakademie brachte dem Iren Eoin Moore einen Achtungserfolg. "Plus-Minus Null" wurde bei den Festivals in Saarbrücken und München mit Förderpreisen bedacht, im italienischen Turin gab es den Spezialpreis der Jury. Moore hat die Starthilfen jedoch nicht genutzt, um ins harte Business einzusteigen. Für seine zweite Regiearbeit ging er zurück in seine Heimat, um in aller Ruhe weiter an seinem Stil zu feilen.
Axel will ein neues Leben anfangen. Von Frau und Kindern in Berlin hat er sich getrennt und ist nach Irland gefahren. Hier findet er Maria (Ellen Ten Damme), eine flüchtige Bekannte, mit der er vor 12 Jahren in Amsterdam eine Affäre hatte. Maria ist heute Postbotin in dem verschlafenen Küstenort Conamara. Dass sie verheiratet ist, eine Tochter hat und wenig Gastfreundschaft für den ungebetenen Besuch aufbringt, stört den Aussteiger wenig. Er ist entschlossen, das Leben zu nehmen, wie es kommt und bezieht ein verfallenes Haus in Marias Nachbarschaft.
Moore baut seine Charaktere und ihre Beziehungen einfühlsam auf und weiß Klischees auszuweichen. Sein Axel ist kein typischer Tramp, der nur vorübergehend aufs Abstellgleis einer sesshaften Existenz geraten war. Andreas Schmidt gibt einen schlaksigen Traumtänzer, der nicht gerade unwiderstehlich ist, und bestimmt keiner, für den eine Frau alles hinter sich lässt. Aber er versprüht eine unbekümmerte Leidenschaft, die bald Marias Mann und dann auch sie selbst erfasst. Zusammen kaufen sie von einem Schrotthändler ein verrottetes Amphibienfahrzeug und wollen Touristen durch die malerische Einöde der irischen Atlantikküste kutschieren. Es ist Axels unerschütterliche, geradezu verwegene Langmut, die Marias Widerstand bricht und sie gegen jeden Vorsatz in eine Dreierbeziehung lockt.
Die Improvisation zählt zu Moores durchgängigen Stilmitteln. Die Handkamera vermittelt ein dokumentarisches Flair. Markante Nebenfiguren schaffen ein behagliches Lokalkolorit, dazu ein Soundtrack, der auf die irische Sangeslust Bezug nimmt und auf die schöne Stimme von Ellen Ten Damme, die einige Titel zur musikalischen Untermalung beiträgt. Die Ästhetik ist rau und frisch wie das Klima der Grünen Insel. Erdige Farben bestimmen das Bild. Die südländisch grellen Töne, die Axel beim Anstrich seines neuen Domizils bevorzugt, zeigen unmissverständlich, dass er mit seiner lichten Sehnsucht hier keine Wurzeln schlagen wird. All das fügt sich zu einer unprätentiösen Komödie, die Moore am Schluss leider etwas überdramatisiert. Eine offene, lakonische Wendung hätte der Geschichte wohl besser gestanden, als sie bis zu einem definitiven Finale durchzuspielen.
"Conamara". Deutschland/Irland 2000; Regie: Eoin Moore; Buch: Greg O'Braonáin, Eoin Moore; Darsteller: Ellen Ten Damme, Andreas Schmidt, Darragh Kelly; Verleih: Delphi; Länge: 107 Minuten. Start: 14.09.