Schauspielstar Daniel Brühl: Die Furchtlosigkeit von Niki Lauda
Kinostar Daniel Brühl "Her mit den Serienkillern!"
SPIEGEL ONLINE: Herr Brühl, bei der Premiere von "Rush" hat Ihnen Niki Lauda das rote Basecap aufgesetzt, das er immer trägt. Ist das für Sie nicht doch eine Nummer zu groß?
Brühl: Nee, zu klein! Ich habe so einen Eierkopf, ich sehe mit dem Basecap völlig bescheuert aus. Ich wollte Niki schon sagen: Nimm das mal besser zurück. Doch Niki zeigt so selten Emotionen, wenn der gerührt ist, dann haut's dich um. Mir stand das Pipi im Gesicht.
SPIEGEL ONLINE: Auf den ersten Blick wirken Sie wie eine Fehlbesetzung: Sie sind sympathisch und sehen dem jungen Lauda nicht besonders ähnlich.
Brühl: Ja, als ich zum Casting nach London flog, war ich auch nicht besonders zuversichtlich. Ich dachte mir, es ist völlig unmöglich, diesen Typen zu spielen, aber ich wollte es wenigstens versuchen.
SPIEGEL ONLINE: Wie lief das Casting ab?
Brühl: Ich traf mich dem Regisseur Ron Howard, dem Drehbuchautor Peter Morgan, einem der Produzenten und der Casterin. Zur Vorbereitung hatte ich mir Videos mit Niki auf YouTube angeschaut. Nachdem wir eine halbe Stunde über Rennfahrerfilme geplaudert hatten, wurde ich übermütig und versuchte, Nikis Wiener Dialekt zu imitieren. Plötzlich redete mich Peter Morgan auf Deutsch an und sagte: "Was soll der Blödsinn? Wienerisch klingt völlig anders." Ich wusste nicht, dass seine Frau aus Wien stammt.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten's vermasselt.
Brühl: Dachte ich. Normalerweise läuft das so: Die rufen dich an und sagen dir, wie toll du warst. Dann teilen sie dir mit, dass sie leider jemand anderen genommen haben. Doch diesmal entdeckte ich eines Tages drei Anrufe von derselben Londoner Nummer auf der Mailbox meines Handys. Da sagte ich mir: Dreimal absagen werden sie wohl nicht.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den Job bekommen?
Brühl: Ich glaube, die haben einfach gespürt, dass es mich gerade deshalb so unglaublich reizt, Niki zu spielen, weil er in vieler Hinsicht das Gegenteil von mir ist. Dass ich mich lange nach einer solchen Figur gesehnt habe. Ich musste mich komplett verwandeln, bin nach Wien gezogen, um den Dialekt zu lernen. Am Anfang haben die mich im Kaffeehaus immer sofort als Piefke enttarnt. Aber langsam wurde es besser.
SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie Lauda getroffen?
Brühl: Erst nach einiger Zeit. Ich wollte mich an die Figur herantasten, eine Idee von ihr entwickeln. Zunächst kam ich mir vor wie ein Papagei. Der Akzent saß noch nicht, die Gesten kamen mir übertrieben vor. Es fühlte sich an wie eine Karikatur. Erst habe ich viel Zeit vor dem Spiegel verbracht. Dann habe ich viel Zeit mit Niki verbracht. Das war entscheidend.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Lauda erstmals eine reale Figur gespielt, die noch lebt. Hemmt es nicht, wenn das Vorbild mitredet?
Brühl: Das kann passieren, aber wenn man von Niki etwas lernen kann, dann Furchtlosigkeit. Er ist offen und klar, das macht vieles leichter. Er gibt dir das Gefühl, dass du drauf scheißen kannst, was andere über dich denken. Das war befreiend. Er schaute sich eine Szene an und sagte nur: "Alles okay, aber der Ring, den du da trägst, der passt nicht."
SPIEGEL ONLINE: Lauda war bei den Dreharbeiten oft dabei?
Brühl: Nein, aber ich wollte, dass er ganz früh Muster sieht, damit ich noch nachjustieren kann.
SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als ginge es um die Performance eines Autos.
Brühl: Wer in den Details versagt, kackt ab, ob auf der Leinwand oder auf der Rennstrecke. Ich habe Niki häufig angerufen. Es gab an einer Stelle einen Dialogsatz mit einem religiösen Schimpfwort. Das kam mir seltsam vor, es passte nicht zu ihm. Ich rief Niki an, fünf Minuten später hatte ich eine Liste mit herrlichen Schimpfwörtern.
SPIEGEL ONLINE: Sie schimpfen im Film ständig, lächeln nie. Sie machen keinerlei Anstalten, Lauda sympathisch wirken zu lassen.
Brühl: Früher war das so: Selbst wenn ich einen totalen Unsympathen gespielt habe, musste ich mir in Interviews immer anhören, wie irre nett ich doch auf der Leinwand wirke. Das ist diesmal anders.
SPIEGEL ONLINE: War der enorme Erfolg von "Goodbye, Lenin!" ein Segen und ein Fluch für Sie? Sie kamen danach kaum noch weg vom Image des perfekten Schwiegersohns.
Brühl: Fluch ist ein großes Wort. Aber es stimmt schon, das Bild des Lieben, Netten hat irgendwann echt genervt. Ich musste das mühsam abarbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch mit 30 manchmal noch Jungs gespielt.
Brühl: Ich sehe nun mal jünger aus, als ich bin, da kannst du nichts machen. Selbst wenn ich einen Bart trage, wecke ich Vertrauen.
SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie die Rollen nicht einfach ablehnen können? Mehr als 20 Filme in zehn Jahren - das war ja vielleicht auch ein bisschen viel.
Brühl: Ich bin sehr ungeduldig. Was meine Mutter schon immer wahnsinnig gemacht hat, ist dieses ständige nervöse Gewibbel mit dem Bein. Hört einfach nicht auf. Drückt aber einen großen Hunger aus. Ich will einfach immer arbeiten, und dann mache ich eben auch mal Filme, mit denen ich am Ende nur halbzufrieden bin. Aber nun kommen die Männerrollen.
SPIEGEL ONLINE: Die Serienkiller und die Amokläufer?
Brühl: Her damit! Im neuen Film von Wolfgang Becker, "Ich und Kaminski", der auf Daniel Kehlmanns Roman basiert, spiele ich einen opportunistischen, schmierigen Journalisten. Das hat irre viel Spaß gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Während des Filmfestivals von Toronto war die ganze Stadt mit Ihnen plakatiert. Außer "Rush" lief dort auch "Inside WikiLeaks", ein Thriller, in dem Sie den Berliner Netzaktivisten Daniel Domscheit-Berg spielen. Was macht das mit Ihrem Ego?
Brühl: Als ich mit meiner Freundin durch die Stadt ging, bin ich immer ein paar Meter vorausgeeilt, sobald ein Plakat kam. Sie hat dann ein Foto gemacht. Ist doch peinlich, wenn dich jemand dabei sieht, wie du dein eigenes Plakat fotografierst! Andererseits möchte ich diese Zeit gerne festhalten.
SPIEGEL ONLINE: Auf den Plakaten wird Brühl sogar mit Umlaut geschrieben.
Brühl: Tja, was will man mehr?
SPIEGEL ONLINE: Den Oscar vielleicht?
Brühl: Das ist viel zu früh, darüber zu spekulieren.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt Branchenkenner, die darauf Geld setzen wollen, dass Sie für einen Oscar nominiert werden.
Brühl: Es wird sicher auch davon abhängen, wie gut der Film läuft.
SPIEGEL ONLINE: Die Oscar-Saison hat begonnen. Müssten Sie nicht schon längst dabei sein, Lobbyarbeit für sich zu machen?
Brühl: Mir wurde bedeutet, dass ich zu einem Essen mit Mitgliedern der Hollywood Foreign Press Association...
SPIEGEL ONLINE: ...die die Golden Globes vergibt...
Brühl: ...auf jeden Fall erscheinen sollte.
SPIEGEL ONLINE: Kommen jetzt täglich Anrufe aus Hollywood?
Brühl: Das nicht, aber als ich mit einem Freund in einer Kneipe ein Champions-League-Spiel guckte, hatte ich plötzlich Harvey Weinstein am Telefon. Es ist momentan eine wahnsinnig tolle Phase. In den vergangenen Jahren habe ich zwischendurch auch schon mal gedacht: Wenn das jetzt so weitergeht, mache ich eine zweite Tapasbar auf.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Agenturen haben Sie?
Brühl: Vier, in Deutschland, Spanien, England und den USA. Es nimmt alles gerade eine ungeheure Dynamik auf, doch man darf sich nicht kirre machen lassen. Du musst darauf vertrauen, dass der Hype länger hält.
SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie als Nächstes?
Brühl: Ab November drehe ich mit dem britischen Regisseur Michael Winterbottom "The Face of an Angel". Der Film beruht lose auf dem Fall von Amanda Knox, die in Italien wegen Mordes vor Gericht stand. Ich spiele einen Regisseur, der über diesen Fall eine Dokumentation dreht.
SPIEGEL ONLINE: Kein Hollywood-Blockbuster.
Brühl: Ich bekam zur gleichen Zeit das Angebot für einen 200-Millionen-Dollar-Film. Viele Drehtage, interessanter Regisseur, aber eine Rolle, an die sich niemand erinnert hätte. Die Versuchung war groß. Doch ich bin nicht auf Hollywood fixiert, ich möchte mich austoben, in verschiedenen Sprachen drehen, gerne mal in Südamerika. Rollen spielen, mit denen ich die Leute verblüffe. Auch auf die Gefahr hin, dass ich's vergeige.