"Dating Queen"-Star Amy Schumer: Krass und dreckig - DER SPIEGEL
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Amy Schumer: Engelsmund tut Zoten kund

Foto: Michael Buckner / Getty Images

Comedy-Star Amy Schumer Krass und dreckig

Amy Schumer macht Witze über Sexismus und Vergewaltigungen. Und ist zu Recht der derzeit hellste Stern am amerikanischen Comedy-Himmel. Jetzt kommt ihr erster Film in Deutschland in die Kinos.
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Im April ging Amy Schumer auf dem roten Teppich der "Time 100"-Gala in die Knie. Konkreter: Sie warf sich vor dem Rapper Kanye West und seiner Frau Kim Kardashian zu Boden. Vor "das Epizentrum Amerikas", wie Schumer später sagte. "Das musste ich tun."

Tatsächlich brachte Schumer mit ihrem Kniefall den vielleicht pointiertesten Kommentar zum Stand der amerikanischen Popkultur. Denn mit ihrem Auftritt stahl Schumer den beiden größten Egos in der Unterhaltungsbranche die Schau und verhöhnte zugleich die absurde Verehrung von Kimye. Das war ganz und gar Amy Schumer: vermeintlich unschuldig, aber eigentlich zutiefst unverschämt.

Schumer ist der derzeit hellste Stern am amerikanischen Comedy-Himmel - seit 2013 hat sie bei Comedy Central mit "Inside Amy Schumer" ihre eigene Show. Hier mischt sie Sketche mit Passantenumfragen, Stand-up-Versatzstücken und "tiefschürfenden" Interviews mit illustren Berufsgruppen wie Polizisten, Schönheitschirurginnen und Porno-Filmern.

Am Donnerstag kommt nun ihr Film "Dating Queen" (Originaltitel "Trainwreck") in Deutschland ins Kino, eine Komödie über eine New Yorker Journalistin, die mit Bindungsängsten kämpft - Schumer hat das Drehbuch geschrieben und spielt die Hauptrolle. Es gilt zu hoffen, dass ihr der Film auch in Europa den Durchbruch bringt. Denn Schumer ist die scharfzüngigste feministische Komödiantin der Comedy-Szene.

"Ich selbst finde mich nicht dreckig"

Auf der Bildfläche erschien Schumer zuerst mit krassen Witzen beim sogenannten Comedy-Roast (dem scharfzüngigen "Rösten" einer prominenten Persönlichkeit durch berühmte Comedians). Sie nahm sich 2011 Charlie Sheen vor und 2012 Roseanne Barr. Bei letzterer sagte Schumer zu den anwesenden älteren Komikerinnen, darunter die offen lesbische Jane Lynch: "So viel lose Haut habe ich seit Janes Beschneidung nicht gesehen." Und bei Charlie Sheen kommentierte sie den zwei Meter entfernt sitzenden Mike Tyson mit den Worten: "Mike hat sich ein Arschgeweih ins Gesicht tätowiert. Männer wissen nicht, ob sie es fürchten oder darauf kommen sollen."

Foto: © Mario Anzuoni / Reuters

Schumers Humor hat nichts von der intellektuellen Abgeklärtheit einer Tina Fey oder von der provokanten Wut einer Sarah Silvermann. Er dreht sich um Sex, ums Trinken, um Geschlechterbeziehungen. Aber Schumer sagt "Vagina" und "fuckable" mit einer dermaßen wohltemperiert-glockenhellen Mädchenstimme, als würde sie ihrer Oma von der Kuchenauswahl beim Bäcker berichten. Gerade noch machte da eine pausbackige Blondine einfach nur ein herrlich pampiges Kindergesicht, zog die Nase kraus. Doch schon kommt wieder einer dieser messerscharfen Sprüche aus ihrem Kussmund. "Kommen Ihnen alle anderen Menschen übergewichtig vor?", fragte sie mal eine Ballerina. Oder einen Passanten in einer ihrer Umfragen: "Hat dir schon mal jemand eine MMS von seinem Penis geschickt?"

Sie sei in einer Familie groß geworden, in der nicht viele Tabus herrschten, sage Amy Schumer im Gespräch mit dem Radiosender NPR. "Als meine Mutter uns unsere Körperteile beibrachte, lernten wir, Vagina mit einer Selbstverständlichkeit zu sagen wie Ohr." Andere Menschen würden immer wieder darauf hinweisen, dass sie noch nie so viel über Sex aus dem Mund einer Frau gehört hätten. "Ich selbst finde mich nicht dreckig", sagt Schumer selbst. "Nur sind die meisten Leute es nicht gewohnt, eine Frau über ihre Genitalien reden zu hören."

Über die eigene Verletzlichkeit scherzen

Tatsächlich geht es bei Amy Schumer weniger um Sex als um den verkorksten gesellschaftlichen Umgang damit. Um die pausenlose Sexualisierung von Frauen, um die lächerlichen Attraktivitätsansprüche, die ihnen auferlegt werden. Um beiläufige Erniedrigungen im Zeitalter der Internetpornografie.

Foto: Michael Buckner / Getty Images

Zu ihren vielleicht schärfsten Sketchen zählt der, in dem ein Footballcoach - man kennt das Erzählmuster aus unzähligen Hollywood-Sportfilmen - in einer Kleinstadt dem Team neue Regeln auferlegt. Seine Regel: keine Vergewaltigungen mehr. Die jungen Männer maulen entrüstet los: "Auch nicht, wenn sie vorher zu etwas anderem Ja gesagt hat? Oder wenn sie es für Vergewaltigung hält, aber ich nicht?" Der Coach bleibt dabei, das Team verliert, schließlich wird eine Motivationsansprache fällig: "Wollt ihr etwa darauf warten, dass die Gegner sich für euch hinlegen? Geht und nehmt sie euch!"

Witze über Vergewaltigung, sagt Amy Schumer, sind angebracht, weil dieses Verbrechen zum Übelsten überhaupt gehöre. Sie spricht von unbehaglichem, ekligem, widerwilligem Sex als grape - grey rape -, die Umschreibung einer grenzwertigen Vergewaltigung. Schumer sagt, jede Frau, die sie kennt, habe das in der einen oder anderen Form schon mal erfahren. Und eben weil das unerträglich sei, müsse darüber gelacht werden.

Neben ihrem scharfen Sinn fürs Absurde beeindruckt an Amy Schumer am stärksten, dass sie über ihre eigene Verletzlichkeit scherzt. Bei den Gloria Awards im vergangenen Jahre erinnerte sie sich in einer Rede an einen erniedrigenden Sexualakt im College, nachdem sie ihr Selbstwertgefühl neu bestimmte. Heute sei sie eine "heißblütige, furchtlose Kämpferin" - ein Gefühl, das aber binnen Sekunden verschwinde, wenn ein Radio-DJ sie fragt: "Hast du zugenommen?"

Manchmal, sagte Amy Schumer in der Talkshow "Ellen", halte sie sich für tatsächlich attraktiv - wie neulich, als sie bei einer Gala eingeladen war und sich in Schale schmiss. "Aber dann stand ich vor einer Wand von Supermodels, und ich verstand: Ich bin keine echte Frau, ich bin sozusagen nur die Organbank für Bikini-Models. Wenn Kate Upton eines Tages eine neue Leber braucht, dann reiche ich ihr meine."

Schumer sagt, dass sie stolz war, als man ihr anbot, die Hauptrolle in "Dating Queen" zu spielen. "Und dann sagten sie, jetzt musst du natürlich aufhören zu essen. Versprochen? Klar, sagte ich, ich kann Essen sowieso nicht leiden." Im Trailer wirkt es , als habe sie für den Film tatsächlich Gewicht verloren. Bleibt zu hoffen, dass der Erfolg aus Amy Schumer keine Kate Upton macht.