"Der Schmetterling": Märchenhafte Metamorphosen - DER SPIEGEL
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"Der Schmetterling" Märchenhafte Metamorphosen

Wenn Kinder mal nicht nerven: Philippe Muyls leise und klischeefreie Komödie über die Freundschaft zwischen einem alten Schmetterlingssammler und einem bezaubernden kleinen Mädchen ist ein Glücksfall des französischen Kinos.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kinder nerven. Im Kino gilt das noch viel mehr als im Leben. Es ist ein beliebtes Sujet, einen älteren und einen möglichst jungen Menschen einer Situation auszusetzen, die sie gemeinsam bewältigen müssen. Es ist die ideale Kombination, um Lernprozesse, Respekt, Lebensfreude, neu erwachte Gefühle, Verständnis und Vertrauen durchzuexerzieren. Die Drehbuchautoren schreiben dabei den Kindern jedoch oft derart naseweise, unglaubwürdige, auf freche Pointen zielende Dialoge, dass man versteht, warum die erwachsene Figur keine Kinder mag.

"Klein sind sie ein Traum, größer ein Albtraum", sagt denn auch Julien (Michel Serrault) über Kinder. Der Rentner lebt in einer kleinen, abgedunkelten Pariser Wohnung nur noch für seine Schmetterlinge, die jeden Raum einnehmen, an allen Wänden hängen. Man merkt ihm bereits das Unbehagen an, als unter ihm eine junge Frau mit ihrer achtjährigen Tochter Elsa (Claire Bouanich) einzieht. Nachts kann er nicht schlafen, da das Mädchen lärmt, tagsüber sieht er es auf dem Flur oder gar in seinem Café hocken. Elsa ist viel allein, denn die Mutter übernachtet bei Männern und verspätet sich ständig um Stunden. Als sie zufällig mithört, dass Julien für einige Tage wegfahren wird, versteckt sie sich in seinem Auto.

Er will in den Bergen einen seltenen Schmetterling fangen, den Isabelle-Nachtfalter, der nur an fünf Tagen im Mai fliegt und dann stirbt. Das sei so schwierig, als suche man eine Nadel im Heuhaufen, erklärt Julien. Und dabei kann er eigentlich keine Großstadtgöre gebrauchen, die ihn ernsthaft fragt, was ein Heuhaufen sei. Doch Julien lässt sich erweichen und nimmt sie mit. Denn er ist zwar ein vereinsamter, störrischer Kauz, aber nicht gefühlskalt. Diese Nuance spielt Frankreichs Altstar Michel Serrault bemerkenswert wie alle Rollen seiner Karriere. Die Herzlichkeit hinter seinem Panzer aus kultivierten Ritualen schimmert immer durch, Strenge und Sanftmut verkörpert er mit Selbstverständlichkeit. Vor allem aber nimmt er sich zurück, ohne an Präsenz zu verlieren, um der Debütantin Claire Bouanich den Film zu überlassen.

Auf den ersten Blick ist sie das kecke, sommersprossige Mädel, dass man als Klischee immer so fürchtet. Doch Bouanich darf Kind bleiben, spricht und begeistert sich natürlich, bezaubert ganz unschuldig selbst in launischen Phasen. Was sie mal werden möchte, wenn sie groß sei, fragt Julien. Und sie antwortet: "So groß wie Edith Piaf. Meine Mutter sagt immer, sie sei die größte Sängerin." Man nimmt ihr sogar ab, dass sie Juliens Handy zu manipulieren versteht, damit er nicht ihre Mutter anrufen kann, während er der erschrockenen Elsa erklärt, weshalb manche Leute auf die süßen Rehe schießen.

So kreuzen sich Alter und Zeiten, Natur und Technik - und so wachsen wie Schmetterlinge aus ihren Puppen auch diese beiden aus sich heraus. Wie Regisseur Philippe Muyl in den Weiten einer blühenden Gebirgslandschaft von dieser zarten, nie zu sentimentalen, humorvollen und immer wieder Schwankungen ausgesetzten Freundschaft erzählt, ist ein Glücksfall. "Hinter jedem Sammler steckt ein Psychopath", sagt der Polizist, der eine Fahndung einleitet, als die Mutter Elsa als vermisst meldet. Die Aussage steht nur für eine der festgefahrenen Ansichten, die hier unprätentiös widerlegt wird. Auch wenn Muyls Metamorphose märchenhafte Züge hat, bleibt sie inklusive des Happy Ends ganz dem Leben verhaftet.


Der Schmetterling (Le Papillon)


Frankreich 2002. Regie/Drehbuch: Philippe Muyl. Darsteller: Michel Serrault, Claire Bouanich, Nade Dieu, Francoise Michaud, Helene Hily. Produktion: Patrick Godeau, Alicéleo, France 2 Cinéma, Gimages Films, Canal+. Verleih: Koolfilm. Länge: 83 Minuten. Start: 11. März 2003