Putzfrauen-Komödie "Der Sommer mit Mama" Eine Perle probt den Aufstand
Putzfrauen-Komödie "Der Sommer mit Mama": Eine Perle probt den Aufstand
Foto: PandoraEine einfache Frau probt den Aufstand: Die Schauspielerin Regina Casé spielt in der erstaunlichen, wilden und herzergreifenden Klassenkampfkomödie "Der Sommer mit Mama" mit Pferdegebiss und schratiger Hornbrille eine Haushälterin namens Val. Eine Frau, die für ihre Arbeitgeber in einem Reichenviertel von São Paulo den mondänen Vorstadtvillen-Laden schmeißt.
Val ist eine resolute Perle. Sie putzt, kocht und kellnert von früh bis spät, als sei der Achtstundentag noch nicht erfunden. Sie kuscht vor ihrer Chefin, der Karrierefrau Barbara, umhegt Barbaras verstrahlten Künstlergatten, hätschelt den Kiffersohn der beiden, und bevor sie sich abends in einem muffigen Dienstbotenverschlag zur Ruhe legt, nimmt sie es als höchstes Lob, wenn man ihr versichert, sie sei ein vollwertiges Mitglied der Familie.
In Wahrheit hat Val ihre eigene Familie im Stich gelassen. Das kommt raus, als Vals Tochter Jéssica, gespielt von Camila Márdila, plötzlich in São Paulo auftaucht. Das Mädchen ist fernab der Mutter und der armen Verwandtschaft irgendwo in Brasiliens Norden aufgezogen worden, gerade erwachsen und will sich nun an der Universität um einen Studienplatz bewerben. Seit zehn Jahren hat Val ihre Tochter nicht gesehen. Als sie Jéssica am Flughafen abholt, ist deren bockigem Verhalten und genervten Blicken schon anzusehen, dass eine Menge Wut in ihr schlummert.
"Sommer mit Mama": Dienstboten im Swimmingpool
Wie in vielen anderen Ländern auch ist es in Brasilien üblich, dass wohlhabende Menschen die Betreuung ihrer Kinder und die Haushaltsarbeit ans bezahlte Küchenpersonal aus den unteren sozialen Schichten delegieren - und sich gegenüber den Dienstboten, die den eigenen Nachwuchs irgendwelchen Verwandten überlassen haben, nach Großbürgerart total jovial geben.
Der irrste Heiratsantrag des Kinojahrs
Im Film von Anna Muylaert erlaubt denn auch Vals Chefin betont gastfreundlich, dass das Mädchen Jéssica vorübergehend im Luxushaus wohnen darf. Jéssica findet die strikt sortierte Parallelwelt lächerlich, in der die teuren Eis-Sorten im Kühlschrank den Hausbesitzern vorbehalten sind und die billigen dem Personal. Sie findet nichts dabei, im Pool ihrer Gastgeber zu planschen, und sie verdreht bald sämtlichen Männern im Haus den Kopf. "Wo gibt's denn sowas!", jauchzt ihre Mutter fassungslos, weil ihr Lebens- und Arbeitsmodell aus den Fugen gerät.
Die Kunst der Regisseurin Muylaert zeigt sich darin, dass sie dem von diesem Punkt an scheinbar absehbaren Lauf der Dinge immer wieder überraschende Wendungen abgewinnt. Vals Entsetzen über das Benehmen der eigenen Tochter weicht der Empörung über die Hochnäsigkeit der Chefin, und natürlich spitzen sich die Dinge so lange zu, bis auch Val sich plötzlich Freiheiten herausnimmt, die ihr bisher undenkbar schienen. Irgendwann steigt sie sogar selbst in den Swimmingpool.
Im Regelfall betreibt gutes Unterhaltungskino hemmungslos die Verschleierung der Klassengegensätze: indem es dem Massenpublikum im Kino vorgaukelt, die mit Reichtum und Glamour Beschenkten dieser Welt seien ganz gewöhnlich verliebte, leidende, sich abstrampelnde Menschen wie alle anderen auch.
Charlie Chaplin hat behauptet, das Grundrezept aller Kinokomik bestehe darin, dass man einen Helden gleichwelcher Herkunft in eine peinliche Lage befördern und ihn dann zum Handeln zwingen müsse. Ganz so macht es auch Anna Muylaert: nur dass sie bei all dem Schlamassel, der ihren Protagonisten in der Villa in São Paulo widerfährt, stets im Auge behält, ob es die Reichen oder die Armen unter ihren Helden sind, die sich - oft mit den allerbesten Absichten - zum Narren machen.
Bemerkenswert ist der zugleich hellwache und liebevolle Blick, mit dem die Regisseurin die Herren und die Knechte im Haus beobachtet. Sie zeigt die kleinen Bosheiten der Haushälterin Val, die sich am Liebesunglück ihrer Arbeitgeber und am Schulversagen ihres Ziehsohns ergötzt. Und sie zeigt die Verzweiflung des Hausherrn, welcher der herzlich entgeisterten Jéssica am Küchentisch den garantiert irrsten, trotzdem todtraurigen Heiratsantrag des Kinojahres macht.
Bei der diesjährigen Berlinale lief "Der Sommer mit Mama" in der Nebenreihe Panorama und gewann dort den Publikumspreis. Klar war der Film auch in Brasilien ein Hit. Man kann nicht sagen, dass Anna Muylaert besonders optimistisch in die Zukunft blickt, was die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse angeht, in Südamerika oder sonstwo in der Welt. Aber sie führt auf ungeheuer charmante Weise vor, wie seltsam ungerecht unser schöner Planet doch eingerichtet ist.
Brasilien 2015
Regie: Anna Muylaert
Drehbuch: Regina Case, Anna Muylaert
Darsteller: Regina Casé, Helena Albergaria, Lourenco Mutarelli, Michel Joelsas, Camila Márdila
Produktion: Africa Filmes, Globo Filmes, Gullane Filmes
Verleih: Pandora
Länge: 111 Minuten
Start: 20. August 2015