Deutsche Oscar-Hoffnungsträger: "Bitte, bitte, bitte. Shit." - DER SPIEGEL
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Deutsche Oscar-Hoffnungsträger "Bitte, bitte, bitte. Shit."

Die Gala-Anzüge verschwunden, Hauptdarstellerin Julia Jentsch im Schneechaos in Deutschland - und dann noch das Bangen um den Oscar: Das Team um "Sophie Scholl"-Regisseur Marc Rothemund musste Stress aushalten - den Filmpreis bekamen die Deutschen trotzdem nicht.
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Donnerstag, 11:30 Uhr. Der Countdown läuft: noch knapp 80 Stunden bis zum Beginn der 78. Verleihung der Academy Awards. Auf der mit blauem Kunstrasen ausgelegten Terrasse des Hotels Standard in Hollywood sitzt der deutsche Oscar-Anwärter Marc Rothemund und erklärt, dass er die Auszeichnung eigentlich gar nicht haben will. "Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass der Oscar noch mehr Trubel auslöst, als wir bisher schon hatten, dann ist mir das als Privatmensch eigentlich eher unangenehm." Seit einem Jahr tourt der Regisseur mit "Sophie Scholl - Die letzten Tage", seinem Drama über die Widerstandskämpferin der Nazi-Widerstandsgruppe "Weiße Rose", durch die Welt. Hollywood ist die letzte Station - und eigentlich der Höhepunkt eines Triumphzuges, der dem Film schon mehr als ein halbes Dutzend internationaler Auszeichnungen eingebracht hat. In den Oscar-Prognosen für die fremdsprachigen Filme liegt "Sophie Scholl" allerdings nur auf dem dritten Platz - hinter "Tsotsi", dem Favoriten aus Südafrika, und dem Palästinenserdrama "Paradise Now". Seit zehn Tagen ist Rothemund, 37, in Hollywood, um seinen Film zu promoten; blass, unrasiert und übernächtigt blinzelt er unter seiner Baseballkappe hervor.

Von einem Oscar-High keine Spur, und obwohl sich ringsum junge schöne Frauen am Pool räkeln, hält sich für die deutsche Filmdelegation, die hier im Hotel einquartiert ist, auch der Glamour-Faktor in Grenzen. "In Deutschland meinen alle: Boah, nominiert und Hollywood und Stars treffen", sagt Rothemund. "Aber ganz im Gegenteil: Hier wird man schnell wieder auf den Boden zurückgeholt, weil der Best Foreign Language Film irgendwo ganz weit hinten rangiert. Kaum jemand beschäftigt sich damit. Die feiern hier ihre Stars, was ich ja toll finde." Statt Glamour hat Rothemund vor allem Stress: Interviews, Auftritte bei Filmvorführungen und der Kampf um mehr Tickets für die Verleihung. Vier stellt die Academy allen Nominierten freiwillig zur Verfügung, um jedes weitere muss gefeilscht werden. "Meine erste Anfrage war für 15", sagt Rothemund. "So ein schnelles Antwortfax habe ich überhaupt noch nie bekommen." Jetzt hofft er auf acht. "Es ist ein harter Kampf um jedes einzelne Ticket." Auf jeden Fall wird er seine Hauptdarsteller Julia Jentsch und Alexander Held mitnehmen, alle anderen müssen noch bangen.

Samstag, 10:00 Uhr. Noch 31 Stunden bis zu den Academy Awards. Zwischen zwei übermannshohen Oscar-Statuen sitzen die fünf nominierten ausländischen Regisseure auf der Bühne des Samuel-Goldwyn-Filmtheaters am Wilshire Boulevard in Beverly Hills und dürfen vor ausverkauftem Haus ihre Filme vorstellen. Rothemund lümmelt sich am linken Rand in seinen Sessel und sieht ungefähr zehn Jahre älter aus als am Donnerstag. Am Abend zuvor hatte die Academy ihren offiziellen Empfang für die fremdsprachigen Oscar-Anwärter gegeben; alle Nominierten bekamen eine Urkunde in die Hand gedrückt, und dann wurde gefeiert. "Heute früh ist sicher nicht nur einer der Anwesenden verkatert", sagt der Moderator Mark Johnson, und Rothemund hat sich die Baseballkappe so tief in die Stirn gezogen, als würde er am liebsten unauffällig ein Schläfchen halten.

Als letzter in der Runde darf er über seinen Film erzählen. Urplötzlich erwacht er zum Leben und schildert, wie er und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer als erste die Gestapo-Vernehmungsunterlagen Sophie Scholls aufgestöbert haben, die unbeachtet in einem Berliner Archiv lagerten. "Wir konnten es gar nicht glauben", sagt er, "und haben gefragt: Können wir Kopien davon bekommen? Ja, hieß es dann, aber die kosten einen Euro." Die Zuschauer, darunter auch die "Sophie Scholl"-Produzenten und Alexander Held, der den Gestapo-Vernehmungsbeamten spielt, lachen und applaudieren begeistert. Kein anderer verkauft seinen Film an diesem Morgen so gut wie Rothemund.

Samstag, 15:00 Uhr. Noch 26 Stunden bis zu den Academy Awards. Zu den deutschen Ritualen vor jeder Oscar-Verleihung gehört der Empfang in der Villa Aurora. Alles, was Rang und Namen in der "German Community" von Los Angeles hat oder gerne hätte, trifft sich an diesem Nachmittag in der Villa hoch in den Bergen über dem Pazifik, die einst dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger eine neue Heimat nach seiner Flucht vor den Nazis geboten hatte und inzwischen eine deutsche Künstlerstiftung beherbergt. In diesem Jahr gibt es neben "Sophie Scholl" auch noch die Hamburger Filmemacherin Ulrike Grote, 42, zu feiern, die mit ihrem Kurzfilm "Der Ausreißer" gute Chancen auf einen Oscar hat, und diverse nominierte Filme wie "Capote", an denen deutsche Produzenten beteiligt sind.

Rothemund hat sich mit einer Flasche Bier und seinen Zigaretten in den hintersten Winkel des Gartens verzogen und erzählt, dass die beiden Anzüge, die ihm ein großer deutscher Herrenausstatter für die Verleihung zur Verfügung gestellt hat, immer noch beim Zoll fest hängen und er wohl seinen alten Smoking aus dem Münchner Kostümfundus anziehen werde. Ach ja, und seine Baseballkappe werde er zur Feier des Tages morgen abnehmen. Inzwischen hat er auch ein paar Hollywoodstars getroffen, bei einer Party haben ihm Jodie Foster und Anjelica Huston gar von ihrem Interesse an "Sophie Scholl " erzählt. Seine Erfahrung: "Die größten Stars sind eigentlich die Normalsten und machen kein Brimborium." In seiner Gartenecke kriegt Rothemund gar nicht mit, dass Darsteller wie Jürgen Prochnow, Diane Kruger und Ralph Möller durch die Menge schwirren und die Security-Herren mit dem Knopf im Ohr allen anderen Gästen kategorisch das Rauchen im Garten verbieten. Nur eine fehlt noch: die "Sophie Scholl"-Hauptdarstellerin Julia Jentsch, 28, die eigentlich längst hier sein sollte und auf die alle unruhig warten.

Bis Freitagabend hatte Jentsch noch im Hamburger St. Pauli-Theater auf der Bühne gestanden, mehr als ein Wochenende hat sie von ihrem Regisseur nicht frei bekommen, auch nicht für die Oscars. Und dann hat sie am Frankfurter Flughafen im Schneesturm festgesteckt. Um kurz vor sechs Uhr geht die Kunde, dass Jentsch endlich in Los Angeles gelandet ist - zumindest zur Verleihung morgen wird sie es schaffen.

Sonntag, 19:40 Uhr. Es ist soweit. Die Academy Awards sind in vollem Gang. Sechs Tickets hat Marc Rothemund letztlich für sein Team ergattert, und während die sechs Auserwählten im Kodak Theater an der Highland Avenue sitzen, feiert der Rest der Crew einen Block entfernt im Café des Artistes die deutsche "Viewing Party". Im hinteren Speiseraum drängen sie sich am Tisch der Ehrengäste aufgeregt um einen Großfernseher, Champagnergläser in den Händen. Seit gut zweieinhalb Stunden warten sie darauf, dass die Kategorie bester fremdsprachiger Film an der Reihe ist. Als Will Smith auftritt, der den Gewinner verkünden wird, wird gejohlt, und als "Sophie Scholl" unter den Nominierten genannt wird, bricht schon Jubel aus. Dann öffnet Smith den Umschlag, und in die plötzliche Stille hinein murmelt eine Frauenstimme "bitte, bitte, bitte". Der Gewinner ist "Tsotsi", aber einen Augenblick lang tobt der Saal, als hätten die Gäste es noch nicht begriffen.

Irgendjemand zischt "Shit", aber die meisten haben den Anstand des Verlierers, in die grellen Kameralichter zu winken und ihre Gläser auf den Gewinner zu heben. "Ich freue mich auch ohne Preis", hat Marc Rothemund am Donnerstag gesagt. "Es ist so eine große Ehre und so eine große Freude, überhaupt nominiert zu sein, da ist es schon wurscht, ob du den Preis nun kriegst oder nicht."