Deutsches Kino down under Lust auf Heavy German Stuff
Das deutsche Kino ist voller Rätsel. Im eigenen Land tut man dieses mythenschwere Metaphernkino gerne als banal ab, doch je weiter man sich geografisch von ihm abwendet, desto verführerischer schimmert sein schwarzer Glanz. Am besten man reist gleich ans andere Ende der Welt, um sich der vollen Wirkung hingeben zu können. Denn ausgerechnet im ewig sonnigen Australien erfährt die düstere deutsche Filmkunst ihre weltweit vielleicht größte Wertschätzung.
Benno Fürmann in "Jerichow": Mythenschweres Metaphernkino
Foto: Christian Schulz / SchrammfilmEinmal im Jahr findet hier das Audi Festival Of German Films statt, bei der zwei Wochen lang in vier Städten rund zwei Dutzend aktuelle Produktionen präsentiert werden. Nach Sydney, Perth und Melbourne wird die Veranstaltung am kommenden Dienstag in Brisbane zu Ende gehen. Beachtliche 20.000 Zuschauer hatte sie vergangenes Jahr, daran wird man 2009 ersten Auswertungen zufolge anknüpfen - und das, obwohl diesmal auf besonders schwere Stoffe gesetzt wurde.
Kleine Dramen zu großen Themen
Glücklicherweise stellt in Australien niemand die Frage, weshalb deutsche Filme immer diese dunkle Note haben. Wieso auch? Heiter und optimistisch - darin sind wir nun mal nicht gut. Düster und traurig - darin sind wir Weltmeister. So gesehen konzentrierte sich die vom Goethe-Institut und German Films zusammengestellte Schau quasi aufs Kerngeschäft des deutschen Films: kleine Dramen zu den großen gesellschaftlichen Verwerfungen der jüngeren Geschichte.
Dabei war das Programm fast deckungsgleich mit den wichtigsten Nominierungen für den deutschen Filmpreis Lola, der am Freitagabend in Berlin vergeben wird. Und ob man nun das Kapitalismusmelodram "Jerichow" oder die RAF-Chronik "Baader Meinhof Komplex" nimmt, die Rentnersexstudie "Wolke 9" oder das Wendedrama "Novemberkind" - leicht macht es den Zuschauern keiner dieser Filme.
Und die Aussies? They just loved this heavy german stuff - oder diskutierten zumindest sehr angeregt darüber. Und das lag nicht nur daran, dass als Co-Sponsor ein bayerischer Bierbrauer dieses trinkfreudige Völkchen vor und nach den Vorstellungen mit Alkohol versorgte. Unglaublich, was man hier über das deutsche Kino und deutsche Geschichte weiß.
Ob in Melbourne oder Sydney, überall trifft man Kritiker und Historiker, die einem 100 Jahre deutsche Filmgeschichte aus der Westentasche zitieren können - und die dezidierte Fragen haben, auf die man erst mal keine Antwort weiß. So kann es einem passieren, dass man auf einer Podiumsdiskussion zu Wiedervereinigungsfilmen sitzt und ein australischer Kollege wissen will, woher es eigentlich kommt, dass bei uns in den vergangenen Jahren so viele starke Frauenrollen wie in keiner anderen nationalen Filmindustrie gibt. Erst ist man einigermaßen perplex, dann stellt man fest, wie recht der Mann hat.
So sah man auf dem Festival Claudia Michelsen, Nina Hoss, Martina Gedeck, Karoline Herfurth, Johanna Wokalek und Julia Jentsch in ihren aktuellen Produktionen. Und beim besten Willen: Man findet keine männlichen Gegenstücke, die es auf ein ähnlich rigoroses Spiel bringen. Manchmal muss man eben weit reisen, um zu einfachsten Erkenntnissen zu gelangen. Eine lautet: Das deutsche Kino ist inzwischen ein Kino der Frauen. Männer, da können sie testosterongetrieben vor sich hin ballern wie im "Baader Meinhof Komplex", wirken hier oft nur noch wie Statisten.
Die Aussies und die Ossis
Eine der starken Frauen war auch in Australien vor Ort: Anna Maria Mühe, dieses Jahr als beste Hauptdarstellerin für eine Lola nominiert, stellte ihren stillen, bewegenden und abgründigen Film "Novemberkind" vor. Die schmerzhafte Selbstfindung einer jungen Frau lässt sich hier als Metapher für ein wiedervereinigtes, aber längst noch nicht bei sich selbst angekommenes Deutschland lesen. Ein gutes Beispiel, wie deutsche Filmakteure zurzeit größte Themen in intimsten Kontexten aufgehen lassen. Mühe musste jedenfalls bei den an die Vorführungen angehängten Fragestunden viel Auskunft über die politische Dimension ihres vermeintlich kleinen Filmes geben.
Die Aussies und die Ossis: Tagsüber sprach Anna Maria Mühe also vor wissbegierigen jungen Menschen aus Sydney und Melbourne über die Wiedervereinigung, nachts zog sie feiernd durch die Bars und Discos. Im deutsch-australischen Tross dabei war auch Schauspieler Robert Stadlober, der in den vielen Gay-Clubs des Landes kein völlig Unbekannter ist: Sein Schwulendrama "Sommersturm" wird down under inzwischen als Muss weitergereicht. Auch ein schönes Beispiel, auf welch unvorhergesehene Weise der deutsche Film manchmal sein internationales Coming-out erlebt.
Eingeflogen worden war Stadlober vom Goethe-Institut aber eigentlich, weil er seinen Märchenfilm "Krabat" vorstellen sollte. So waren zum Beispiel aus dem Hinterland von Queensland Busladungen von Schulklassen angereist, die im Anschluss an das düstere Fantasy-Drama durchaus berechtigte Fragen stellten. Wie man denn Nacktszenen drehe, war eine. Wie sich der Film denn zur Originalsaga verhalte, war ein andere. Originalsaga? Auch die 14-Jährigen sind hier offenbar sehr bewandert in deutscher Kultur.
Vielleicht ja auch deshalb, weil man in der eigenen keine wirklich spannenden Geschichten ausmachen kann. Von einigen Ausnahmen abgesehen, erzählen australische Filme sehr selten von der Gegenwart oder Geschichte des eigenen Landes. Tun sie es doch mal, kommt gleich eine postkoloniale Scheußlichkeit wie "Australia" dabei heraus.
Fragt man einheimische Journalisten nach der eigenen Filmindustrie, winken die deshalb schnell ab. Der Anteil australischer Produktionen auf dem heimischen Kinomarkt liege bei kaum fünf Prozent - in Deutschland waren es hingegen vergangenes Jahr satte 26. So viel Schrott zwischen Babelsberg und den Bavaria Filmstudios auch weiterhin gedreht wird, in der Menge wurde sich noch nie so klug und offen mit deutscher Identität beschäftigt.
Und die Nominierungen zur Lola-Preisvergabe, bei der diesmal relativ wenig halbgares Schauwertkino durchgewunken wurde, zeigen das ebenso wie die im tristen Glanz erstrahlende Leistungsschau des Goethe-Instituts down under: Deutschland in weiter Ferne so nah.