"Die Invasion der Barbaren": Alles ist käuflich - DER SPIEGEL
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"Die Invasion der Barbaren" Alles ist käuflich

Der Tod kostet das Leben - und wenn er angenehm sein soll, auch jede Menge Geld. Diese und viele weitere spannende, böse, schlaue und zutiefst menschliche Einsichten präsentiert Denys Arcands meisterhafter, in Cannes prämierter Film "Die Invasion der Barbaren".
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Der Barbar von heute trägt Anzug, macht jede Menge Geld, schmiert Behörden und kauft alles, was das Leben leichter macht: Sex, Freunde, Drogen. Sébastien ist der "Prinz der Barbaren" und der, dem seine unkultivierten Machenschaften zugute kommen, ist sein Vater Rémy, ein zynischer Geschichtsprofessor. Der hat den abfälligen Titel für seinen Sohn gewählt, um damit nicht nur einen Generationenkonflikt, sondern auch einen clash of cultures zu bezeichnen: Hier der "sozialistische Lüstling", wie Rémy sich selber nennt, dort der "sittenstrenge Kapitalist" - zwei Welten, die doch dieselbe Ökonomie, dasselbe Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung in Gang halten.

Rémy ist ein alter Bekannter aus Denys Arcands "Der Untergang des amerikanischen Imperiums" von 1986. Hier tauchte er zum ersten Mal auf, der Alt-68er und seine Clique, eine akademische Bohème, die wortreich den Sexus beschwor und kulturdiagnostische Bonmots zum Besten gab. Dieser Rémy ist nun todkrank an ein Krankenhausbett gefesselt und nur dank des Geldes seines Sohnes wird sein Sterben nicht das schäbige, weil staatlich subventionierte Trauerspiel, das den Normalbürger eigentlich erwartet.

Sébastien, der barbarisch ungebildete Sohn, der angeblich nie ein Buch gelesen hat, managt diesen Abschied mit höchst zivilisiertem Fingerspitzengefühl - und haufenweise Geld: Er lässt Rémys alte Freunde anreisen, finanziert einen Krankenbesuch ehemaliger Studenten und engagiert eine eigene Dealerin für den Vater. Sie versorgt Rémy mit Schmerz stillenden Narkotika - und Arcands Film mit der bitterbösen Einsicht, dass alles käuflich ist, auch Liebe, Hingabe und Erlösung.

Vater und Sohn, Bildungs- und Besitzbürger: Es könnten die alten ideologischen Fronten sein, an denen entlang Arcand seine Tragikomödie erzählt. Kunststück aber dieses wunderbar melancholischen und zugleich heiter-bissigen Films ist es, die Gegensätze aufzulockern und eine Struktur sichtbar zu machen, in der sich das Ökonomische und das Private, die Liebe und das Geld untrennbar vermengen.

Ist es eine emotionale Schuld, die Sébastien gegenüber seinem Vater begleicht? Ist es die Käuflichkeit des Kulturträgers Rémy, der vom Katheder der vermeintlich besseren Moral herab das Versagen der anderen diagnostiziert? Arcand spricht hier kein Urteil über seine Figuren aus. Nur eines macht er deutlich: dass selbst die intimsten Beziehungen niemals außerhalb wirtschaftlicher Zusammenhänge existieren, ja dass sie zutiefst mit ihnen verwoben sind. Das so genannte Schuldgefühl, was Generationen gegeneinander aufbringt oder miteinander verbindet, wird in Arcands meisterhaftem Film als Konstante deutlich, in der Kalkül und Empfindung nicht mehr zu trennen sind. Auch die zartesten Regungen haben einen Preis, und aus dieser Logik des Tausches, der Gegenleistung gibt es kein Entkommen.

Barbarisch waren die Verhältnisse also schon immer; die Invasoren - ob Terroristen wie kurz mit einem 11.-September-Bild zitiert, oder Amerikaner, wie vom europäisch gesinnten Frankokanadier Rémy wortreich verunglimpft - sind nur Symptome einer kulturellen Lage, der schwer beizukommen ist. Arcand empfiehlt hier einen ebenso verzweifelten wie lebensklugen Humor. Marxismus, Strukturalismus, Existenzialismus - "Gab es einen Ismus, dem wir nicht gehuldigt haben?", feixen der sterbende Professor und seine Freunde, und fügen noch den Idiotismus hinzu, dem jede Ideologie, auch die raffinierteste, irgendwann anheim fällt.


Die Invasion der Barbaren (Les invasions barbares)


Frankreich/Kanada 2003. Regie und Buch: Denys Arcand. Darsteller: Rémy Girard, Stéphane Rousseau, Marie-Josée Croze, Marina Hands, Dorothée Berryman, Johanne-Marie Tremblay. Produktion: Cinémaginaire, Pyramide Productions, Astral Films u.a.. Verleih: Prokino. Länge: 99 Minuten. Start: 27. November 2003